Medikamentenmangel: Eine Reihe gängiger Arzneimitteln ist seit geraumer Zeit schwer oder gar nicht lieferbar. In den Apotheken kommt es teilweise zu Engpässen.
Medikamentenmangel: Eine Reihe gängiger Arzneimitteln ist seit geraumer Zeit schwer oder gar nicht lieferbar. In den Apotheken kommt es teilweise zu Engpässen. | Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Arznei nicht verfügbar

Baden-Badener Apotheken klagen über Lieferengpässe bei Medikamenten

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Blutverdünner und Blutdrucksenker, Schilddrüsenhormone, Psychopharmaka, ja sogar Impfstoffe – immer häufiger stehen Apotheken vor dem Problem, dass Medikamente nur in geringen Mengen oder gar nicht mehr lieferbar sind. Nach einer Übersicht des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)gibt es aktuell bei mehr als 200 Humanarzneimitteln Lieferschwierigkeiten, die über die Dauer von zwei Wochen hinausgehen. Im Jahr 2013 waren zum Vergleich nur 40 Präparate in dieser Datenbank gemeldet.

Den Baden-Badener Apothekern ist diese Problematik nicht unbekannt. Ihnen liegt derzeit eine fünfseitige Auflistung von nicht verfügbaren Medikamenten vor. Dabei handelt es sich auch um durchaus weit verbreitete Mittel wie Ibuprofen oder Aspirin Protect. „Das ist, wie wenn beim Bäcker die Brezeln ausgehen“, vergleicht Matthias Kraemer von der Kreuz-Apotheke.

Preisdruck bei Herstellern

Die Ursachen für solche Lieferschwierigkeiten sind unterschiedlich, vor allem der Preisdruck spielt eine große Rolle. Immer mehr Wirkstoffe werden von nur wenigen Herstellern produziert, manchmal sogar nur von einem einzigen Unternehmen. Dazu kommt die Verlagerung der Produktionsstätten in Entwicklungs- oder Schwellenländer. „Auch wenn das auf dem Papier funktioniert: Natürlich ist die Herstellung auf der anderen Seite des Planeten nicht mehr so gut kontrollierbar“, kritisiert Kraemer. Wenn es dann bei einer so gebündelten Produktion zu Problemen komme, bedeute das direkt eine Gefährdung für die gesamte Arzneimittelversorgung, erklärt er weiter.

Apotheken-Logo
Das Logo an der Tür einer Apotheke. | Foto: Uli Deck/Archivbild

Rückruf eines Wirkstoffes

Ein Beispiel dafür ist Valsartan, ein gängiges Mittel zur Blutdrucksenkung. Im Sommer 2018 kam es zu einem Rückruf des Wirkstoffs aus chinesischer Produktion, nachdem es dort zu potenziell krebserregenden Verunreinigungen gekommen war. Fast alle Produzenten des Arzneimittels waren betroffen, ähnliche Präparate mussten in diesem Zug überprüft werden. Die wenigen übrig gebliebenen Hersteller waren innerhalb kürzester Zeit nicht mehr lieferfähig und sind es voraussichtlich bis in den Oktober hinein nicht.

Apotheken haben Lieferschwierigkeiten

Für die Apotheken sind solche Lieferschwierigkeiten mit einem erheblich höheren Arbeitsaufwand verbunden. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekenverbände schätzt, dass jeder Apotheker in Europa mindestens 5,6 Stunden wöchentlich damit verbringt, sich um die Probleme durch Lieferengpässe zu kümmern. Apothekerin Sandra Scheible von der Alten Hof-Apotheke ist da keine Ausnahme. Oft handle es sich bei den nicht verfügbaren Mitteln um Präparate, die die Krankenkassen favorisierten. Die draus folgende Dokumentation den Kassen gegenüber, warum der Patient ein anderes Medikament erhalten müsse, sei ein zusätzlicher Zeitaufwand, erläutert Scheible.

Gefahr von Nebenwirkungen

Patrick Fischer, Vorstand der Ärzteschaft Baden-Baden, ist mit diesem Problem ebenfalls vertraut. Einen deutlich erhöhten Arbeitsaufwand kann er zwar noch nicht bestätigen. Allerdings müsse auch er als Arzt immer wieder improvisieren, insbesondere wenn kein Generikum, also Nachahmerprodukt, eines Medikaments erhältlich sei. Getreu dem Motto „never change a winning team“, wolle man eine Umstellung vom gewohnten auf ein neues Medikament eigentlich verhindern. Das sei dann für alle Beteiligten unangenehm, denn oft bestehe bei einer Umstellung die Gefahr von Nebenwirkungen, beklagt Fischer.

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Patienten sind verunsichert

Er nennt ein weiteres aktuelles Beispiel: Gürtelrose-Impfstoffe. Für einen vollständigen Impfschutz muss bei dieser Impfung ein zeitlicher Abstand eingehalten werden. Sei ein solches Arzneimittel, für das es keine Alternative gibt, dann nicht lieferbar, führe das selbstverständlich zu einer Verunsicherung der Patienten. Die Verantwortung für solche Schwierigkeiten sieht er in diesem Fall bei den Herstellern und der Politik.

Gewinn steht im Vordergrund

Ein zeitnahes Ende dieser Problematik ist auch nach Meinung der Baden-Badener Apotheker nicht in Sicht. Solange es sich bei den nicht verfügbaren Medikamenten um Präparate handle, bei denen ein Ausweichen möglich sei, sei das noch irgendwie machbar. Gehe es aber irgendwann um Antibiosen und Akutmedikamente, für die es – wie im vorgenannten Beispiel – einfach keine Alternativen gebe, dann würde das Ganze laut Matthias Kraemer schon deutlich kritischer. Leider gehe es auch in dieser Branche vorrangig um den Gewinn und weniger um eine adäquate Patientenversorgung. Wenn man an diesem Problem etwas ändern wolle, müsse man überlegen, ob man die Herstellung nicht doch wieder – aus den billiger produzierenden Ländern – zurück vor die eigene Haustür verlegen sollte.

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