Blickt trotz Krise mit Zuversicht in die Zukunft: Benedikt Stampa, Intendant des Festspielhaus Baden-Baden, aufgenommen vor dem Festspielhaus. | Foto: dpa/Uli Deck

Benedikt Stampa im Interview

Baden-Badener Festspielhaus-Intendant zeigt Zuversicht in der Corona-Krise

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Eigentlich dachte man, das Festspielhaus Baden-Baden habe seine größte Bewährungsprobe vor gut 20 Jahren lange hinter sich und der neue Intendant Benedikt Stampa blicke auf rosige Zeiten. Nun rollt mit der Corona-Pandemie eine neue Herausforderung auf die renommierte Kulturinstitution zu. Und das in der ersten Spielzeit des Kulturmanagers aus Münster. Mit Krisen aber hat Benedikt Stampa Erfahrung. Über die drängenden Fragen, wie es weitergeht am Festspielhaus Baden-Baden, sprach er mit unserem Redaktionsmitglied Isabel Steppeler.

Corona ist ja wie eine Fermate für die Gesellschaft. Wo verbringen Sie die Generalpause?

Stampa: Hauptsächlich im Büro des Festspielhauses. Es ist aktuell sehr viel zu organisieren. Das betrifft die Besucher ebenso wie die Künstler oder die Verwaltung. Bislang war die Präsenz im Festspielhaus notwendig und wichtig. Ich werde ab nächster Woche allenfalls die Bürozeiten minimieren. Was dann in drei Wochen ist, weiß noch niemand.

Es ist für Sie ein schwieriger Start. Ihre erste Saison war gerade bei der Halbzeit angelangt, und nun das. Auch Ihrem Vorgänger Andreas Mölich-Zebhauser standen bei Amtsbeginn Schwierigkeiten ins Haus. Er wurde zum Retter des Festspielhauses. Werden Sie nun der zweite Retter sein müssen?

Stampa: Ich habe in meiner Position in Dortmund Ähnliches erlebt. Das Konzerthaus war kurz vor der Insolvenz als ich kam. Ich kann mit dem Thema ganz gut umgehen. Aber es geht nicht um mich. Es geht um das Haus und es geht um die Künstler. Die Osterfestspiele waren ja aus künstlerischer Sicht schon fertig vorbereitet, wir probten im Bühnenbild den „Fidelio“. Da tut es mir unendlich leid für die Regisseurin Mateja Koleznik, für den Dirigenten Kirill Petrenko und für die Berliner Philharmoniker, für die Sängerinnen und Sänger, dass sie das nicht mehr zu Ende bringen können. Das ist viel bedauernswerter als meine Position.

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Wie ist die Lage momentan, da ja nun auch die nächsten Festspiele zu Pfingsten auf der Kippe stehen könnten?

Stampa: Keiner weiß was kommt. Ich würde mir wünschen, dass wir möglichst schnell Klarheit bekommen. Die Unsicherheit, die wir durchlebt haben und die sich dann auch zugespitzt hat bis zur endgültigen Entscheidung, alles für Ostern ruhen zu lassen, war schwierig für alle Kulturschaffenden. Wir sollten daraus auch in der Politik gelernt haben, dass man gerade jetzt frühzeitig mit klaren Ansagen kommt, um diese Hängepartie zu vermeiden. Sie ist das Schlimmste. Das Gute an dieser Situation: Wir organisieren uns auf eine kreative Art und Weise, wie wir es gar nicht vermutet haben. Aber wir brauchen klare Ansagen.

Beethoven gehört zu Ihren Lieblingskomponisten. Nun muss sein Jubiläum mehr oder minder sang und klanglos gefeiert werden…

Stampa: Die Konzentration auf Beethoven in der Musikwelt war etwas Extraordinäres. Dass das jetzt so in sich zusammenfällt ist schon eine Koinzidenz. Es ist für alles, was wir als Kulturnation vorweisen können, tragisch. Wir haben uns so viel vorgenommen in ganz Europa. Baden-Baden wäre ein Zentrum der Feierlichkeiten gewesen. Aber es heißt ja in Beethovens Neunter auch „Freude, schöner Götterfunken“. Wir schöpfen daraus Hoffnung.

Der Ticketschalter im Festspielhaus Baden-Baden erinnert an den Fahrkartenschalter im früheren Bahnhof.
Der Ticketschalter im Festspielhaus Baden-Baden erinnert an den Fahrkartenschalter im früheren Bahnhof. | Foto: Bernd Kamleitner

Ein gutes Stichwort für die nächste Saison. Gehen Sie davon aus, dass sie am 20. September eröffnet wird?

Stampa: Davon gehe ich fest aus.

Muss das Programmheft infolge der Corona-Krise neu geschrieben werden?

Stampa: Mir ist wichtig, mit der neuen Saison auch nach vorne zu blicken statt zurück. Das Programm ist in sich so schlüssig, dass es nicht zerrupft werden sollte mit Nachgeholtem.

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Aber ein Zeitfenster für die Berliner gibt es, die ja darüber nachdenken, die entfallenen Osterfestspiele 2020 in einem komprimierten Wochenende nachzuholen?

Stampa: Das wäre natürlich eine Sensation, wenn wir das im Herbst hinbekommen. Eine große Geste der Berliner und von Baden-Baden für die deutsche Kulturlandschaft. Wir sind im Gespräch.

Mit Philipp Stölzl haben Sie als Regisseur für die Neuproduktion der „Salome“ bei den Herbstfestspielen eine zwischen „Rammstein“ und „Rigoletto“ schillernde Figur gewonnen. Was fasziniert Sie an ihm?

Stampa: Philipp Stölzl ist einer der interessantesten deutschen Regisseure, gerade weil er relativ wenig Opern inszeniert. Und ich finde es für das Festspielhaus wichtig, Regisseure zu finden, die etwas Besonderes bauen. Er ist – wie man in Bregenz bei Rigoletto sehen konnte – ein ganz großer Bilder-Erfinder. Zudem schätze ich seine Personen-Regie, und ich glaube er weiß mit großen Stoffen umzugehen. „Salome“ ist eine sehr bildgewaltige Oper, die zwar relativ kurz ist, aber in der in der Dauer eines Spielfilms optisch sehr viel passiert. Ich bin mir sicher, Stölzl kann das sehr gut umsetzen. Und er ist „up to date“.

2500 Plätze bietet das Festspielhaus. Damit ist es das größte Opernhaus in Deutschland und das zweitgrößte in Europa.
2.500 Plätze bietet das Festspielhaus. Damit ist es das größte Opernhaus in Deutschland und das zweitgrößte in Europa. | Foto: Bernd Kamleitner

Zu Ihrer persönlichen Vorfreude auf die kommende Saison gehört es, dass Yannick Nézet-Séguin im Sommer 2021 die Musikgeschichte von Baden-Baden lebendig werden lassen will. Ist das mit der Interpretation der Sinfonien von Johannes Brahms getan, der ja bekanntermaßen einen engen Bezug zu Baden-Baden hatte? Oder was darf man sich darunter vorstellen?

Stampa: Da geht es um das Gesamtpaket zum einen mit dem Brahms-Zyklus, der auch im Jahr 2022 fortgeführt werden soll. Zum anderen ist Nézet-Séguin als Künstler geradezu verliebt in Baden-Baden, weil er hier schon sehr lange Stammgast ist und sich nun viel tiefer in die Musikgeschichte der Stadt vertieft. Außerdem kommt er mit dem Metropolitan Orchestra aus New York. Die Met residierte schon in den 1920er Jahren in Baden-Baden. Dann dirigiert er Berlioz und Wagner – zwei Komponisten, die einen klaren Baden-Baden-Bezug haben und Antipoden waren. Bei der „Winterreise“ mit Joyce DiDonato sitzt er selbst am Klavier. Das nenne ich mal einen „Salon“. Also: Es gibt also eine Fülle an geschichtlichen Anknüpfungspunkten, die sich zum Festival formen.

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Insgesamt möchten Sie die Festivals stärken, heißt es. Wie genau?

Stampa: Es geht vor allem darum, im Herbst wieder eine eigene Opernproduktion neben den Osterfestspielen auf die Bühne zu stellen. Die Oper strahlt international. Mit kleinen und großen musikalischen Inseln soll man dann immer wieder dem Festival-Ort Baden-Baden nachspüren können. Der Akzent liegt daher weniger auf einzelnen Konzerten, die „auf Tour“ sind, sondern auf den Festspielen. Nehmen Sie die neuen Pfingstfestspiele 2021. Messiaen „Turangalila“-Sinfonie wurde einst in Baden-Baden für Deutschland erstaufgeführt. Es wird nicht nur das SWR-Symphonieorchester spielen, sondern auch John Neumeiers Choreographie zu sehen sein. Das alte und das neue Musik-Baden-Baden verbinden sich.

Sie haben dem Publikum einen Karten-Tausch für die entfallenen Osterfestspiele angeboten. Wie ist die Resonanz?

Stampa: Das wird sehr gut angenommen. Wir haben die Möglichkeit zum Tausch mittlerweile auch auf die gesamte Saison 2020/2021 ausgeweitet. Es gibt zudem überraschend viele, die ihre Karten nicht tauschen, sondern dem Festspielhaus in der aktuellen Situation spenden. Wir spüren eine große Solidarität.

Wie schützen Sie sich vor Corona?

Stampa: Einfach nicht rausgehen. Ich gehe joggen. Ansonsten mache ich nichts und halte im Büro Abstand. Ich nehme das sehr ernst.