Die Diokletiansthermen in Rom sind das größte Bad der Antike. Das einstige Frigidarium (Abkühlraum) baute Michelangelo ab 1563 zur Kirche Santa Maria degli Angeli e dei Martiri um. | Foto: Ulrich Coenen

BNN-Serie Friedrichsbad 7

Die Baden-Badener wollten baden wie die alten Römer in ihren Kaiserthermen

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Das Friedrichsbad in Baden-Baden war im 19. Jahrhundert das modernste Kurbad Europas. 1869 wurde nach Plänen von Karl Dernfeld der Grundstein gelegt. Die Kurstadt reagierte damit auf das drohende Glücksspielverbot. Mit Wellness statt Zocken wollte sie für die Gäste attraktiv bleiben. Die BNN-Serie beschreibt die spannende Baugeschichte. Dies ist Folge 7.

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Das Friedrichsbad ist in jeder Hinsicht beeindruckend. Im Vergleich zu den Wohngebäuden in der unmittelbaren Nachbarschaft hat das Gebäude gewaltige Dimensionen. Es sind 62,5 mal 50 Meter. Durch seine Gliederung in drei in den Berg gestaffelte Baukörper passt es sich dem steilen Hang mit einem Höhenunterschied von 13 Metern hervorragend an.

Was viele gar nicht wissen: Das Gebäude teilt sich in vier organisatorische Einheiten. Der untere Trakt am Römerplatz besitzt im Erdgeschoss Einzelbäder. Zu beiden Seiten des Vestibüls (Eingangshalle) gibt es entlang eines Korridors kleine Baderäume. Direkt darüber befindet sich im Obergeschoss eine große Trink- und Wandelhalle in voller Gebäudebreite. Sie ist für Besucher frei zugänglich.

Jede Menge Luxus

Der mittlere und zugleich größte Baukörper auf der zweiten Ebene beherbergt das Gesellschaftsbad, das die Betreiber bereits seit einigen Jahrzehnten „Römisch-Irisches Bad“ nennen. Historisch ist diese Bezeichnung nicht. Das Gesellschaftsbad besitzt eine Vielzahl verschiedener Baderäume mit Thermalwasser und Heißluft. Der obere Trakt am Marktplatz wiederholt das Therapieangebot des Untergeschosses am Römerplatz. Allerdings sind hier entlang eines Korridors ausgesprochen luxuriöse Einzelbäder aufgereiht.

Dernfeld errichtete das Friedrichsbad im Stil der Neurenaissance, die ihren Höhepunkt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte, als sie für wenige Jahrzehnte die staatlichen und gesellschaftlichen Bauprojekte beherrschte und auch für Wohnbauten des Großbürgertums verwendet wurde.

Der Grundriss der Caracalla-Thermen in Rom ist streng symmetrisch.

Vorbild sind Roms Kaiserthermen

Der Grundriss des Friedrichsbades ist streng axialsymmetrisch aufgebaut. Er lehnt sich an die Vorbilder der Caracallathermen (216 nach Christus) und der Diokletiansthermen (306 nach Christus) in Rom an. Diese Vorbildfunktion war den Zeitgenossen bewusst. „Der Baumeister hat seinem Plan die Idee einer altrömischen Thermalanlage zu Grunde gelegt“, schreibt ein anonymer Autor 1878.

Die Parallelen zwischen den beiden größten Kaiserthermen (so wird dieser Typus in der Architekturgeschichte genannt) und dem Friedrichsbad sind verblüffend. Beide Kaiserthermen besitzen eine Symmetrieachse mit Natatio (Schwimmbad), Frigiadrium (Abühlraum), Tepidarium (Wärmeraum) und Caldarium (Heißluftraum), um die sich spiegelbildlich die Nebenräume gruppieren.

Ebenfalls streng symmetrisch ist der Grundriss des Friedrichsbades. Er orientiert sich am Vorbild der römischen Kaiserthermen.

Eine solche Symmetrieachse hat auch das Friedrichsbad mit unterem Vestibül (Eingangshalle) am Römerplatz, dem Treppenhaus, dem Kuppelsaal des Ge-sellschaftsbades sowie dem oberen Vestibül am Marktplatz. Außerdem sind den Breitseiten der Kaiserthermen ebenso wie denen des Friedrichsbades Apsiden (halbrunde Räume) vorgelagert, in denen in Baden-Baden die Ruheräume des Gesellschaftsbades untergebracht sind. Der Baderaum mit der Kuppel und dem kreisrunden Schwimmbad steht sowohl ideell als auch geometrisch im Zentrum der Anlage. Nach dem Vorbild des Caldariums der Caracallathermen trägt der Raum eine 17,5 Meter hohe Kuppel.

Bei der Gestaltung des Kuppelsaals wurde Dernfeld von den beiden Kuppelräumen in der Herrenabteilung des bereits in Folge 5 ausführlich vorgestellen Raitzenbades in Budapest inspiriert. Das Raitzenbad ist entsprechend der lokalen islamischen Bautradition in Budapest in maurischen Formen gehalten, das Friedrichsbad orientiert sich an der römischen Antike und der italienischen Renaissance.

Wie Roms berühmtester Tempel

Bei allen Ähnlichkeiten mit dem Raitzenbad sind die unmittelbaren Vorbilder für den Baden-Badener Kuppelsaal deshalb in der Antike und der Renaissance zu suchen, wobei sich insbesondere der Vergleich mit dem Pantheon in Rom (vollendet um 125 nach Christus) aufdrängt. Zahlreiche Forscher des 19. Jahrhunderts deuten diesen kreisrunden Tempel mit seiner spektakulären Kuppel als Badesaal der nicht erhaltenen Agrippa-Thermen.

Das Pantheon in Rom | Foto: Ulrich Coenen

Das Pantheon ist bis heute der am besten erhaltene antike Tempel. Diese Verwechslung des Pantheons mit den Agrippa-Thermen konnte nicht ohne Auswirkungen auf die Bäderarchitektur bleiben und es scheint, dass gerade Karl Dernfeld als Architekt des Friedrichsbades dem aufgesessen ist.

Der große Irrtum des Architekten, der in Baden-Baden zu einer der schönsten Kuppeln in europäischen Kurstädten überhaut führte, wird im Mittelpunkt der nächsten Folge stehen.

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