Auf der Strecke: Extremsportler Tobias Bailer beim Race Across America. Zusammen mit drei Teamkollegen fuhr der Baden-Badener in acht Tagen und 16 Minuten einmal quer durch die USA. | Foto: team4RAAM

Race Across America

Bären, Berge und ein Backofen: Dieser Baden-Badener radelte tausende Kilometer quer durch die USA

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Es sind Bilder, die sich bei Tobias Bailer eingeprägt haben. In Utah, im Mormonenstaat mit seiner gewaltigen Naturkulisse, überquerten ganz unvermittelt Wildpferde vor dem Ultraradler die Straße. „Das war ein unvergessliches Erlebnis“, so der 46-jährige Baden-Badener. Inzwischen ist er wohlbehalten zurück in der Heimat.

Mission accomplished

Die Herausforderung Race Across America (RAAM) mit 4.800 Kilometern und etwa 50.000 Höhenmetern ist gemeistert. Das Quartett mit Bailer, seinem Landsmann Benjamin Müller sowie den Schweizern Patrick Eichenberger und Mario Müller rollte nach acht Tagen und 16 Minuten in Annapolis (Maryland) über die Ziellinie. „Mission accomplished“, sagt Bailer zufrieden, Mission erfüllt.

Von Seehöhe gleich auf 1.800 Meter

Das RAAM: In Oceanside (Kalifornien) ging es am 15. Juni los, und schon ziemlich bald nach dem Start erlebten Bailer und Co, wie gewaltig Amerika sein kann. Nachdem Mario Müller, der zusammen mit Bailer Team I bildete, den Prolog gefahren war, übernahm der Baden-Badener die zweite Hälfte der Bergetappe hinauf auf 1.800 Meter und die Abfahrt über den sogenannten Glass Elevator (Gläserner Aufzug).

Wie wenn man beim Backofen die Tür aufmacht!

„Atemberaubend“ und als „landschaftlichen Traum“ beschreibt Bailer diesen ersten Höhepunkt. Buchstäblich „atemberaubend“ habe sich dann auch die Temperaturkurve entwickelt. Waren die Radler am Berg bei zehn Grad Celsius nahezu am Frösteln, herrschten nach der rasanten Abfahrt in die Mojave-Wüste 46 Grad. „Es war, wie wenn man beim Backofen die Tür aufmacht. Die Bremsgriffe am Rad wurden glühend heiß“, so Bailer. Ein besonderes Erlebnis von vielen, die das „team4RAAM“ in den USA machen durfte.

Schockmoment in der Mojave-Wüste

In der Mojave-Wüste gab es gleich einen Schockmoment. Ein Pacecar, also eines der Fahrzeuge, die die Radfahrer auf der Strecke begleiten, hatte sich im Sand am Fahrbahnrand festgefahren. Die Bergung gestaltete sich dank Hilfe aus einem anderen RAAM-Team problemlos, doch ein Reifen gab in der Folge den Geist auf.

Harte psychische Prüfung für die Begleiter

Und irgendwie schien ein böser Fluch auf dem Wagen zu lasten. Kaum war der Reifen gewechselt, erlitt das Auto einen Blechschaden und damit war seine Reise zu Ende. Für Teamchefin Stefanie Bailer bedeutete das ordentlich Zusatzarbeit. Sie musste ein Ersatz-Pacecar organisieren – dafür wurde ein Wagen aus dem Tross genommen – und das Ganze mit der Rennleitung abklären. „Währenddessen mussten die Radler natürlich weiter fahren.“ Es sollte sich sehr bald herausstellen, für die Begleiter gestaltete sich das RAAM, zumindest psychologisch gesehen, ungleich härter als für die Männer im Sattel.

Maximal vier Stunden Schlaf am Tag

Sie mussten navigieren, koordinieren, ihre Jungs auf dem Drahtesel im Auge behalten, Stopps für Essenskauf oder Tanken organisieren, zwischendurch laborierte Patrick Eichenberger, der mit Benjamin Müller Team II bildete, noch an einer Magenverstimmung. Maximal vier Stunden Schlaf am Tag hatten die Unterstützer, berichtet Stefanie Bailer, die als Teamchefin Schaltstelle zur Rennleitung war und alle wichtigen Nachrichten per SMS auf das Mobiltelefon bekam.

Wir hatten eine Tornado-Warnung und eine Meldung über bissige Wildhunde

„Da hatten wir zum Beispiel eine Tornado-Warnung oder die Meldung über bissige Wildhunde.“ In Mississippi war wegen Hochwassers ein Umweg nötig, des Weiteren beinträchtigte ein Waldbrand die Fahrt. Schon in Oceanside, beim Briefing, also der Einweisung der Teamchefs, hätten die Veranstalter gemahnt, in Utah bloß nicht anzuhalten, wenn im dortigen Navajo-Reservat betrunkene Indianer am Straßenrand laufen oder stehen würden. Die Ureinwohner seien bisweilen aggressiv.

Auch die unschönen Seiten der USA kennen gelernt

Die Warnung sei nicht unbegründet, „es war einfach schlimm“, erinnert sich Stefanie Bailer. In die Kategorie „unschöne USA“ gehört ihrer Ansicht nach auch manche Rinderfarm in Kansas. Wenn man sehe, wie dort das Fleisch produziert werde, vergehe einem die Lust auf ein Steak.

Faszination Monument Valley im Radsattel

Aber die positiven Erfahrungen überwogen eindeutig. Zum Beispiel im Monument Valley: „Andere kennen das vielleicht aus dem Fernsehen“, so Bailer, er habe die grandiose Kulisse im Fahrradsattel erleben können. Die „wunderschönen Momente“ (Stefanie Bailer) hätten denn auch für viele Strapazen entschädigt. Acht Tage lang, 24 Stunden im Auto, „wir haben die Sonnenaufgänge wie -untergänge erlebt“, so die Teamchefin, das habe der normale Urlauber nicht.

Man wird ein bisschen unempfindlicher!

Das RAAM erzieht den teilnehmenden Menschen zur Genügsamkeit. „Man wird ein bisschen unempfindlicher“, konstatieren Stefanie und Tobias Bailer. Da schläft man schon mal an einer Tankstelle eine Stunde neben dem Getränkeautomaten, akzeptiert das ungewaschene Trikot, frühstückt am Steuer.

Keine Rivalitäten bei Teilnehmern

Bei allen Strapazen; Stress oder der Gedanke aufzuhören, habe es nie gegeben. Zum einen liege das am RAAM selbst: Es sei kein klassisches Radkriterium, kein Etappenrennen, so Ultraradler Bailer. Damit gebe es keinen Konkurrenzkampf. Begegnen sich Fahrerinnen und Fahrer auf der Strecke, gebe es durchaus ein kurzes Pläuschchen oder ein Schulterklopfen.

Und irgendwie freut sich und leidet auch jeder mit den anderen mit. Eines der Teams bildeten vier Frauen aus Großbritannien. Sie heißen „Serpentine Golden Girls“ und haben alle die 70 Jahre überschritten. Leider hätten sie abgebrochen, da eine von ihnen kurz vor dem Ziel durch einen Reifenplatzer stürzte und nicht mehr weiter konnte, schildert Stefanie Bailer.

Gebirgspässe jenseits der 3.000 Meter

Dann immer wieder die großen Momente: Der Weg über die Rocky Mountains zum Beispiel mit seinen Pässen in über 3.000 Metern Höhe. „In Europa hat man das nicht. Da kommt man maximal auf gut 2.700 Meter, wenn man das Stilfser Joch fährt“, so Tobias Bailer.

Bären-Alarm in den Rocky Mountains

Eingebrannt hat sich beim ihm eine Szene am 3.029 Meter hohen Cucharas Pass. Vor dem 46-Jährigen rannte ein Reh über die Fahrbahn und sprang mit einem eleganten Satz über einen Drahtzaun – wie gemalt. Wenig begeistert war Tobias Bailer dann über eine Bärenwarnung. „Schade“, so seine Ehefrau, „wir hätten den Bären gern gesehen“. Die Menschen, denen Fahrer und Begleittross begegneten, waren immer sehr freundlich.

Vier der 55 Zeitstationen waren bemannt. Dort herrschte Partystimmung. Einmal hielten Feuerwehrmänner die Stellung, ein anderes Mal die Mannschaft eines Radladens. „Da gab es Gegrilltes und einen Pool, die Leute wollten, dass wir auf ihren T-Shirts unterschreiben“, so Tobias Bailer. In einem kleinen Ort wollte ein Teil der Crew mal kurz ausruhen. „Wir haben uns einfach auf einem Privatgrundstück hingelegt. Da kam der Besitzer, brachte uns Wasser und meinte, er habe noch einen besseren Platz zum Rasten“, so Stefanie Bailer.

Das deutsch-schweizer Team freut sich nach der Zielankunft: Tobias Bailer (vierter von links) und Ehefrau Stefanie (fünfte von links) planen bereits das nächste Rad-Abenteuer. | Foto: team4RAAM

Trotzdem: Von einem Radsport-Massenspektakel wie der Tour de France ist das RAAM weit entfernt. Nach den vielen eindringlichen Erlebnissen gestaltete sich das Erreichen des Ziels unspektakulär. „Das war einfach eine Linie quer über die Straße“, so Tobias Bailer. „Innerlich war ich leer“, ergänzt seine Ehefrau. Sie hatten es geschafft und die gesetzte Neun-Tage-Marke deutlich unterschritten.

Nächste Herausforderung ist die „Tortour Schweiz“ im August

Und nun? Tobias Bailer ist weit davon entfernt, die Füße hochzulegen. Die 1 000 Kilometer lange „Tortour“ in der Schweiz fährt er vom 15. bis 18. August. Als Soloradler. Für 2021 steht dann erneut das RAAM auf der Agenda. Ebenfalls „solo“.