"Im Sport sind wir bei der Inklusion schon weiter als in anderen Bereichen", sagt Michael Eisele, Geschäftsführer des Badischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbands. | Foto: Philipp Kungl

Interview

BBS-Geschäftsführer Michael Eisele sieht Initiativen im Sport als große Chance für die Inklusion

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Grenzen abbauen durch Sport: Das ist ein großes Ziel des Badischen Behinderten- und Rehabilitationssportverbandes (BBS) mit Sitz in Baden-Baden. Seit zehn Jahren stärkt der Verband mit seiner Initiative „Behindertensport macht Schule“ das Bewusstsein junger Menschen für die Inklusion. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Philipp Kungl erklärt BBS-Geschäftsführer Michael Eisele (58), wie es zu dieser Initiative kam, was die Schüler in einer solchen Stunde lernen und welche weiteren Projekte der Verband verfolgt.

Bei „Behindertensport macht Schule“ können Schülerinnen und Schüler aller Klassenstufen die Sportmöglichkeiten von Menschen mit Behinderung kennenlernen. Wie kam es zu der Idee?

Eisele: Als ich vor 28 Jahren hier begann, hatte ich mit dem Thema Behinderung überhaupt keine Berührung. Um diese Seite zu verstehen, muss man aber persönliche Erfahrungen machen, Menschen mit Behinderung persönlich kennenlernen. Also haben wir geschaut, welche Sportlerinnen und Sportler mit Behinderung wir in unseren Reihen haben, die den jungen Leuten etwas vermitteln können. Dazu mussten wir gar nicht alles neu erfinden. Der „Begegnungsraum Sport“ hat schon per se kaum Grenzen, weshalb er sich wunderbar für ein solches Projekt eignet.

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Wie läuft eine solche Schulstunde ab?

Eisele: In die Schulen geht immer ein Sportler mit Behinderung, zum Beispiel der Rollstuhlbasketballer Marco Hopp. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde werden die Schülerinnen und Schüler spielerisch an die Sportrollstühle herangeführt. Diese haben wir dabei. Die Schüler lernen das erstaunlich schnell, am Ende steht dann immer ein Zielspiel. Ein ganz wichtiger Bestandteil ist das Abschlussgespräch. Da lassen die Schüler die Stunde Revue passieren und stellen Fragen an die Referenten. Das ist immer wieder spannend.

Rollstuhlrugby ist eine der Sportarten bei „Behindertensport macht Schule“. Hier erklärt Referent Alexander Butz den Schülern, wie es funktioniert. | Foto: BBS

Welche Fragen werden zum Beispiel gestellt?

Eisele: Das ist sehr unterschiedlich und hängt auch stark vom Alter ab. Abiturienten zögern teilweise etwas und überlegen sich genau, ob sie das wirklich fragen können. Grundschüler fragen erfahrungsgemäß einfach darauf los und das ist auch gut so. Sie wollen zum Beispiel von einem blinden Sportler wissen: Wie kochst du deinen Kindern etwas zu essen? Wie schreibst du? Woher weißt, dass du schön angezogen bist? Es sind also vor allem Fragen zum Alltag. Die Schüler erfahren so sehr offen und authentisch, wie viel heutzutage auch mit Einschränkung möglich ist und dass man auch mit einer Behinderung ein glückliches und erfülltes Leben führen kann.

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Bekommen Sie auch Feedback von Lehrern?

Eisele: Ja, von den Lehrern hören wir sehr oft, dass die Schüler, die an dem Projekt teilgenommen haben, den Kindern mit Behinderung im Schulalltag viel gelassener und mit viel größerer Selbstverständlichkeit begegnen. Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass nach der Sportstunde alles besser ist. Aber sie kann durchaus einen Denkanstoß geben und ein erster Schritt zu einem entspannten und respektvollen Miteinander sein.

Das Projekt gibt es seit zehn Jahren. Wie sieht Ihre Bilanz aus?

Eisele: Wir haben ganz klein bei zehn Schulen in der Region begonnen. Mittlerweile ist „Behindertensport macht Schule“ für viele Schulen ein fester Bestandteil ihres Angebotes. Etwa 25 Einrichtungen besuchen wir jedes Jahr. Zwischenzeitlich haben wir fast 40.000 Schülerinnen und Schüler „bespielt“. Das ist schon klasse und da sind wir auch sehr stolz darauf.

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Ein weiteres Projekt ist die „Inklusionsoffensive in die Sportvereine“. Was hat es damit auf sich?

Eisele: Das gibt es seit einem Jahr und ist vom Ablauf her ähnlich, nur eben nicht an Schulen, sondern in Vereinen. Zusätzlich bieten wir den Vereinen ein „Inklusions-Starterpaket“ und einen Barriere-Check an. Unsere Sportler mit Behinderung schauen sich die Sportstätten an, bewerten sie, und wir geben die Ergebnisse an die Kommunen weiter. Von da bekamen wir schon positives Feedback. Oft lassen sich ja ohne großen Aufwand Verbesserungen umsetzen, zum Beispiel ein Behindertenparkplatz. Wichtig ist aber auch: Wir wollen nicht mit dem Gesetzbuch unter dem Arm Druck machen, sondern mit unseren Initiativen einen Sog erzeugen und partnerschaftlich etwas bewegen.

Auch Sportvereine können Behindertensport kennenlernen – wie zum Beispiel der Skiclub Yburg Varnhalt, der sich im vergangenen Jahr am Rohlstuhlbasketball versuchte. | Foto: Philipp Kungl

Stichwort Inklusion: Der Begriff ist inzwischen ja in aller Munde. Wie weit ist unsere Gesellschaft denn aus Ihrer Sicht?

Eisele: Das ist schwierig zu beantworten. Im Sport sind wir sicher weiter als in vielen anderen Bereichen, zum Beispiel in der Bildung. Leider wird der Begriff Inklusion in meinen Augen oft sehr beliebig verwendet, sobald jemand mit Behinderung im Spiel ist. Ich spreche deshalb lieber von „Sport für alle“. Eine wichtige Erkenntnis der letzten zehn Jahre ist aber: Es wird immer einen Bedarf für Sport „im geschützten Raum“ geben, nicht alles ist möglich und auch nicht unbedingt sinnvoll.

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Wie meinen Sie das genau?

Eisele: Ein Bestandteil der UN-Behindertenrechtskonvention ist die Wahlmöglichkeit. Das heißt, es gibt  zum Beispiel den „normalen“ Tischtennisverein und den Behindertensportverein, der Tischtennis im geschützten Raum anbietet. Auch dieser Sport im geschützten Raum ist wichtig und widerspricht der Inklusion nicht. Ganz im Gegenteil.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft. Wo sehen Sie den Verband in zehn Jahren, wo gibt es noch Verbesserungspotenzial?

Eisele: Prinzipiell wollen wir nicht mit Steigerungsraten planen, obwohl wir wahrscheinlich auch in diesem Jahr wieder einen Mitgliederzuwachs um die fünf Prozent haben werden. Seit drei Jahren setzen wir für die Badischen Sportbünde in Karlsruhe und Freiburg die „Servicestelle Inklusion“ um. Bei Fragen zur Barrierefreiheit, Bezuschussung, Fortbildung und so weiter bieten wir Ratsuchenden hier kompetente Hilfe. Auch wenn sich die Anfragen häufen, steckt das Ganze noch ziemlich in den Kinderschuhen und kann ausgebaut werden. Ein zentraler Aspekt in den nächsten Jahren ist allerdings die Nachwuchsgewinnung für den Leistungssport, die zwei Talentscouts voranbringen sollen. Daneben wollen wir unsere Philosophie und Ideen aber auch weiter in die Schulen und Vereine tragen.

Hintergrund:
Der 1950 gegründete Badische Behinderten- und Rehabilitationssportverband (BBS) ist der Dachverband von 374 gemeinnützigen Sportvereinen mit über 44.000 Sportlern in Baden. Neben verschiedenen Inklusions-Initiativen berät und betreut der Verband die Vereine als Ansprechpartner in allen Fragen des Behinderten- und Rehabilitationssports. Ein weiterer Schwerpunkt des BBS ist die Talentförderung von Nachwuchssportlern mit Behinderung.
Seit 1993 ist Michael Eisele Geschäftsführer des BBS. Insgesamt sind in der Geschäftsstelle in Baden-Baden-Sandweier derzeit sieben hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt.