Alexander Vohl ist baden-württembergischer Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Architekten (BDA). | Foto: pr

Nach „Badischer Revolution“

BDA-Landesvorsitzender Alexander Vohl: „Wir üben in Stuttgart keine zentralistische Macht aus“

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Die „Badische Revolution“ haben die Mitglieder der Kreisgruppe Baden-Baden/Rastatt/Ortenaukreis des Bundes Deutscher Architekten (BDA) auf ihrer Jahreshauptversammlung in Bühl ausgerufen. Sie kritisieren den „Stuttgarter Zentralismus“ und die wiederholte Ablehnung ihrer Vorschläge für neue Mitglieder scharf.

BDA-Landesvorsitzender Alexander Vohl bezieht im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Ulrich Coenen Stellung.

Die Kreisgruppe Baden-Baden/Rastatt/Ortenaukreis hat einen Stuttgarter Zentralismus innerhalb des BDA kritisiert. Ist da was dran?

Vohl: Überhaupt nicht. Ich kann weder strukturell noch in unserem Selbstverständnis als Landesverband zentralistische Tendenzen erkennen. Wir üben keine zentralistische Macht aus. Der Landesvorstand ist ebenso wie der Aufnahmeausschuss paritätisch mit Badenern und Schwaben besetzt. Da geht es absolut demokratisch zu.

Unsere Alterspyramide ist bedenklich

Dennoch stehen die Kreisgruppen im ländlichen Raum vor erheblichen Problemen. Die Mitglieder sterben ihnen weg.

Vohl: In der Tat ist unsere Alterspyramide bedenklich. Das gilt aber nicht nur in Baden, sondern auch in Württemberg, wie für den gesamten Bundesverband. Immer weniger junge Kollegen wagen als junge Architekten den Schritt in die Selbstständigkeit. Der BDA beruft aber satzungsgemäß nur freie Architekten zu Mitgliedern.

Mehr zum Thema: Bericht über die Versammlung der mittelbadischen Kreisgruppe und die „Badische Revolution“ 

Nun gibt es neben den freien Architekten auch baugewerbliche Architekten, die nicht nur entwerfen, sondern auch als Projektentwickler oder Bauträger arbeiten.

Vohl: Im BDA taucht auf Bundesebene seit einiger Zeit Fragen auf, ob und wie wir uns anders aufstellen können, ob wir aufgrund zurückgehender Mitglieder, überall in Deutschland, beispielsweise nicht neben freien Architekten auch baugewerbliche Kollegen oder angestellte Architekten mit Leitungsfunktion aufnehmen sollten. Eine solche Änderung der BDA-Statuten beträfe aber grundsätzlich nicht nur unser Selbstverständnis, sondern auch unser Profil.
BDA-Architekten und Architektinnen planen unabhängig von wirtschaftlichen Aspekten, sie vertreten ausschließlich die Interessen ihres Auftraggebers. Deshalb bin ich in dieser Hinsicht sehr skeptisch. Die Beschlusslage auf Landes- und Bundesebene ist hier auch sehr klar. Niemand, auch ich weiß  nicht, wie die Situation in zehn Jahren sein wird. Wir hoffen dennoch schon, dass die Notwendigkeit einer qualitätsorientierten Struktur, auch der Berufspolitik erhalten bleibt.

Es gibt naturgemäß Grenzfälle

Die mittelbadische Kreisgruppe klagt, dass in den vergangenen Jahren mehrfach qualifizierte Vorschläge für Neumitglieder von der Berufungskommission in Stuttgart wegen angeblicher nicht ausreichender beruflicher Leistungen abgelehnt wurden. Die Mitgliederzahl ist dadurch von knapp 50 auf weniger als 30 gesunken. Rund zehn Mitglieder sind über 80 Jahre alt.

Vohl: Ich bin als Landesvorsitzender nicht Mitglied dieses Aufnahmeausschusses, das sind die Vertreter der 15 Kreisgruppen aus ganz Baden-Württemberg. Jeder Antrag wird im Gremium diskutiert und es wird natürlich demokratisch über Neuaufnahmen beschlossen. Es gibt bei Berufungen naturgemäß auch Grenzfälle.
Manchmal werden auch Kandidaten abgelehnt, über deren Aufnahme lang und kontrovers diskutiert wurde. Das liegt in der Natur der Sache. Wir machen uns das bestimmt nicht leicht, aber die Kriterien müssen schon eingehalten werden. Wir haben außerdem vor zwei Jahren unsere Satzung geändert, so dass die Schwelle für Neuaufnahmen junger Kolleginnen und Kollegen, die noch nicht viel gebaut haben, inzwischen niedriger und realitätsnäher ist.

Stuttgarter Innenstadt mit Rathaus
Das Stuttgarter Rathaus mit dem davorliegenden Marktplatz. Die Landeshauptstadt hat nach Meinung von Alexander Vohl eine der höchsten Architektendichten Europas. | Foto: Marijan Murat/dpa/Archivbild

Von 970 BDA-Mitgliedern in Baden-Württemberg gehören mehr als 350 der Kreisgruppe Stuttgart an. Ist das repräsentativ?

Vohl: Im Hinblick auf die Bevölkerung des Bundeslandes nicht, im Hinblick auf die Architektendichte kommt das der Realität aber nahe. Stuttgart hat eine der höchsten Architektendichten in Europa.

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Wie will der baden-württembergische Landesvorstand seine 15 Kreisgruppen in Zukunft besser unterstützen?

Vohl: Wir haben jüngst zwei Kuratorinnen eingestellt, die in Zusammenarbeit gemeinsam mit den Kreisgruppen Formate für Veranstaltungen in der Region entwickeln und die Ehrenamtlichen vor Ort organisatorisch und zeitlich entlasten sollen. Leider ist die Resonanz aus den Kreisverbänden auf dieses neue Angebot bisher sehr gering. Ich glaube aber schon, dass dieses Potenzial auch erkannt und genutzt wird.

Unsere Basis ist extrem wichtig

BNN: Haben die ländlichen Kreisgruppen noch eine Zukunft oder streben Sie Fusionen zu größeren Einheiten auf Ebene der Regierungspräsidien an?

Vohl: Die Relevanz unserer Kreisgruppen für die Baukultur in der Region kann man nicht hoch genug einschätzen. Sie sind unsere Basis und extrem wichtig. Dennoch kann man schon darüber nachdenken, ob Kreisgruppen nicht bei bestimmten Projekten zusammenarbeiten und gemeinsam mit unseren Kuratorinnen beispielsweise eine Wanderausstellung oder Podiumsdiskussionen über regionale Themen entwickeln. In Bayern etwa, wo der BDA ähnliche Probleme in der Demografie der Mitglieder und dem Stadt-Land- Gefälle hat, ist der Landesverband nach Regierungspräsidien strukturiert, die Zusammenarbeit in den Regionen wird spezifisch nach Themen und Möglichkeiten organisiert. Klar ist, dass gerade der BDA Baden-Württemberg von seiner Vielfalt lebt, und von der überdurchschnittlichen Qualität seiner Architekten und Baukultur.