Kaffee hält beim Nachtdienst wach: Thomas Worms ist der Leiter der zentralen Notaufnahme des Rastatter Krankenhauses. Seit zwei Jahren ist der 41-Jährige in dieser Funktion tätig. | Foto: Collet

In der Rastatter Notaufnahme

Bei pöbelnden Patienten braucht man gute Nerven

„Sie labern nur Bullshit!“ – die Worte, die der bleiche junge Mann Thomas Worms, Leiter der zentralen Notaufnahme (ZNA) des Rastatter Krankenhauses an den Kopf wirft, haben es in sich. Es ist Freitag, kurz nach halb sechs abends.

Vorwurf, dass man nicht helfen will

Der junge Mann in kurzer Hose und mit Mütze wollte, wie Worms später berichtet, von seinen Drogenproblemen wegkommen. Nur: „Eine Entzugstherapie ist kein Notfall“, sagt Worms. Dafür gebe es spezialisierte Kliniken, zudem müsse ein Entzug von langer Hand geplant und organisiert werden.
Auf den Tonfall des Mannes angesprochen, entgegnet Worms: „Das war noch harmlos.“ Oft kämen Vorwürfe, dass man nicht helfen wolle, sagt der 41-Jährige. An diesem Tag werden 104 Patienten in der Notaufnahme des Rastatter Krankenhauses behandelt.

Der Pager piept und Worms muss zum Patienten

Es ist 17.50 Uhr: Der Pager an Thomas Worms’ Gürtel fängt an zu piepen. „Bluthochdruck, wird sich in Grenzen halten“, prognostiziert er und schon fährt er mit dem Notarztwagen raus. Am Empfang der zentralen Notaufnahme sitzen Josephine Scheibe und Julia Kalkbrenner. „Wir sind meistens der erste Puffer“, sagen die medizinischen Fachangestellten. Nerven braucht man für den Job und das Gefühl, wie man mit Situationen umgeht, sagen sie.

Motorradtour endet in der Notaufnahme

18.40 Uhr: Ein weißes Armbändchen des Klinikums, ein Kühlakku an der Hand, eine blutige Schramme am Arm und ein humpelnder Gang markieren für einen Mann, der im stickigen Wartebereich Platz genommen hat, das jähe Ende einer Motorradtour. Besuch bekommt er von seinen Kumpels. „Wo isch der junge Mann?“, ruft einer von ihnen. Zusammen diskutieren sie über den Unfall.

Ausgekugelte Schulter und Oberschenkelbruch

19.15 Uhr: Thomas Worms ist wieder zurück. Der Bluthochdruckfall hat sich erledigt.
Kurz nach 20.15 Uhr geht es mit Worms in die hinteren Räume der ZNA. Durch die offene Tür des Schockraums sieht man einen Jugendlichen – oberkörperfrei mit spezieller Bandage. Er hat sich die Schulter ausgekugelt. „Sieht doch relativ gechillt aus“, beurteilt Oberarzt Jürgen Hayer die Gesamtlage am Arbeitsplatz der Internisten gleich nach dem Liegendbereich. Und dann: „Jürgen, es kommt noch ein Oberschenkelbruch“, sagt dann ein Assistenzarzt. Noch ist es ein Verdacht …

Nächster Fall: Frontalkollision mit Rollern

Es ist mittlerweile 22.15 Uhr und Worms’ Pager geht wieder los. „Wir wissen zu Beginn einer Schicht nie, wie sie endet.“ Dieses Mal ist es der Verdacht auf einen Herzinfarkt. Fünf Minuten später: Ein Mann mit provisorischem Verband am Kinn und Wunden an Händen und Armen liegt auf einem Krankenbett. Danach wird ein Jugendlicher in den Liegendbereich geschoben. Die beiden hatten einen Frontalzusammenstoß mit ihren Rollern.

Um Mitternacht gönnt sich Worms ein wenig Ruhe

Um 23.05 Uhr ist der ZNA-Leiter zurück und spricht sich mit einer Ärztin ab. Neben den ganzen Fachausdrücken fallen die Worte „Morphium“ und „beschwerdefrei“. Um einen Herzinfarkt auszuschließen oder zu bestätigen wurde der Patient in die Klinik gebracht, sagt Worms. Der Patient wird an einen Monitor angeschlossen und, wenn nötig, wird noch eine Herzkatheteruntersuchung gemacht, sagt der 41-Jährige.
Um Mitternacht verabschiedet sich Worms in sein Dienstzimmer, um sich etwas Ruhe zu gönnen. Auch beim Beobachter beginnt der Kampf mit der Müdigkeit.

Der Stresspegel steigt

0.10 Uhr: „Zurzeit ist ziemlich viel Stress“, sagt Ciprian Bercia. In dieser Nacht ist er der diensthabende Chirurg. Drei Motorradunfälle in einer Stunde, Gehirnerschütterung, noch zwei Traumapatienten „und es kommen noch andere“, weiß der 33-Jährige. Und der Stresspegel steigt zehn Minuten später um einiges an.

Polizei in der ZNA und ein aggressiver Patient

Denn um 0.20 Uhr stehen vier Polizisten um ein Bett. Ein Mann mit einer klaffenden Fleischwunde an der Hand sitzt darauf. Es ist davon auszugehen, dass er sich die Blessur bei einer Schlägerei zugezogen hat. Der Mann ist betrunken, er wird laut und auch aggressiv – die Polizisten legen dem Störenfried Handschellen an, die sie am Bett festmachen. Ein Nähtisch wird eingerichtet. „Er bleibt nicht still, wenn ich ihn nähen will“, sagt Bercia.

Mit Handschellen festgemacht und sediert

Am Ende wird der Patient sediert und mit Gurten am Bett fixiert. Zwischendrin rennen die Schwestern Eva und Sandra in ein Zimmer des Liegendbereichs. Der ältere Patient mit dem Oberschenkelbruch wollte auf die Toilette und hat versucht aufzustehen.

Worms‘ Nachtruhe dauerte nicht lange

„Die Nacht bringt immer interessante Patienten“, sagt Worms, der um 1.20 Uhr wieder am Arbeitsplatz der Internisten sitzt. Die Nachtruhe hat nicht lange gedauert. „Herzinfarktverdacht“, sagt er über den aktuellen Patienten, den er in die Klinik gebracht hat. Während man sich im Gehendbereich der ZNA um einen Mann mit etwa zwei Promille kümmert, sitzt Ciprian Bercia an der Dokumentation von sieben Patienten. Der Schreibkram wird ihn wohl noch bis fünf Uhr morgens in Anspruch nehmen schätzt er. Die Arbeit in der Notaufnahme ist wahrlich nichts für schwache Nerven.