Der Meister des Songs: Dylan lässt keine Fotografen bei Konzerten zu. So jedenfalls sah er 2016 aus. (Archivbild)
Der Meister des Songs: Dylan lässt keine Fotografen bei Konzerten zu. So jedenfalls sah er 2016 aus. (Archivbild) | Foto: dpa

Die Legende lebt

Bob Dylan begeistert im Festspielhaus Baden-Baden

Die Legende lebt. Und Bob Dylan lebt die Legende. Nach seinem am Ende umjubelten Konzert im Festspielhaus Baden-Baden am Montagabend sitzt der 76 Jahre alte Literaturnobelpreisträger längst im Nightliner in Richtung Italien, als sein Publikum noch auf eine dritte Zugabe hofft.

„Elvis has already left the building“, wie es am Ende von dessen Konzerten immer hieß. Schon vor dem Konzert macht Dylan klar, wie eine (alternde) Legende zu behandeln sei. Keine Handys, keine Tablets, keine Fotos (auch nicht für die Presse). Wer zuwider handelt, wird aus dem Saal entfernt. Die Rollen sind klar verteilt – was zu Beginn der Show dazu führt, dass der Funke nicht so recht überspringen will. Das jedoch macht Dylan mit seiner exzellenten Band im Laufe des Abends mehr als wett.

Bei Bob Dylan sitzt jeder Ton

Die Songs: Dylan bleibt dieser Tage – anders als noch in den frühen Jahren seiner seit 1987 dauernden Neverending Tour – Nacht für Nacht bei einer konstanten Setlist. Jeder Ton sitzt. Zwischen den Songs bauen sich teils kakofonische Klangteppiche auf, mit denen die Band ins nächste Stück überleitet.

Der Meister setzt auf eine Mischung aus eigenen Klassikern, Neu-Interpretationen von Klassikern aus dem Großen Amerikanischen Songbook (Sinatras „Melancholy Mood“ und Johnny Mercers „Autumn Leaves“) und neueren eigenen Stücken („Soon After Midnight“). Bei „Tangled Up In Blue“ lässt Dylan im Vergleich zu früheren Jahren keinen Stein auf dem anderen, dafür aber zwei Strophen weg. Das Publikum jubelt. Bei „Early Roman Kings“ versuchen einige Unentwegte sogar mitzuklatschen.

Kleine Momente machen großen Abend

Die Stimme: Dylans Stimme hat sich – im Vergleich zu vor ein paar Jahren – erholt. Das krächzende Reibeisen ist wieder in der Lage Töne zu modulieren. Die Phrasierung ist ungewöhnlich – aber das war sie schon immer. Es sind diese kleinen Momente, die den Abend im Festspielhaus in Baden-Baden zu einem großen Abend werden lassen. Bei „Desolation Row“ passt Dylan – als bemerke er diese Möglichkeit zum ersten Mal – den Rhythmus der Sprache dem Gitarrenthema an.

„Soon After Midnight“ wird zum Juwel

Die Band: Diese seit Jahren eingespielte Truppe ist wahrscheinlich das beste, was Dylan je hinter sich versammelte. Mit einer souveränen Dynamik unterstützen sie die expressionistischen Song-Gemälde und nehmen seine Teils simplen und repetitiven Piano-Figuren auf. Jedes Rädchen greift ins andere, die Fünf hängen an den Lippen des Meisters, dessen musikalische Haken die erfahrenen Mitstreiter nicht mehr schrecken.

George Recile am Schlagzeug (seit 2002) und Tony Garnier am Bass (seit 1989) halten den Laden zusammen. Stu Kimball (seit 2004) gibt einen soliden Rhythmus-Gitarristen. Herausragend: Multiinstrumentalist Donnie Herron (ex BR5-49) seit 2005 an der Pedal-Steel, Lap-Steel, Geige, Banjo und Mandoline. Charlie Sexton (seit 1999 mit ein paar Unterbrechungen) an der Lead-Gitarre lässt unterdessen alle seine Vorgänger verblassen (sorry Robbie Robertson, sorry Mark Knopfler, sorry Mike Campbell).

Nur wenige andere Gitarristen spielen so song-dienlich und so unprätentiös. Und das eigentlich eher schlichte „Soon After Midnight“ wird durch diese Band zum Juwel. Zu großen Teilen liegt das an Herrons schmeichelnder Pedal-Steel und Sextons Lead-Gitarre.

Der amerikanische Sänger Bob Dylan bei der 44. Grammy-Verleihung im Staples Center in Los Angeles. (Archivbild)
Der amerikanische Sänger Bob Dylan bei der 44. Grammy-Verleihung im Staples Center in Los Angeles. (Archivbild) | Foto: dpa

Mit „Ballad Of A Thin Man“ in die Nacht

Die Zugaben: Irgendwie darf „Blowin’ In The Wind“ nicht fehlen. Auch das verfremdet Dylan – so gelingt es ihm ein ums andere Mal seinen alten Gassenhauern neue Seiten abzugewinnen. Mit „Ballad Of A Thin Man“, der 60er-Jahre-Abrechnung mit Establishment und Medien, entlässt die Legende seine inzwischen hoch zufriedenen Anhänger in die Nacht. „There’s something happening here, and you don’t know what it is, do you, Mr. Jones?“