Die Fassade des Festspielhauses in Baden-Baden.
Die Fassade des Festspielhauses in Baden-Baden. | Foto: Festspielhaus

Dank des Dreigestirns

Das Festspielhaus Baden-Baden hat eine neue Besitzerin

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Die roten Mappen lagen bereit, Fotografen hielten ihre Kameras gezückt. „Ich fühle mich wie Giscard d’Estaing“, entfuhr es Benedikt Stampa. Der Vergleich mit dem ehemaligen französischen Staatspräsidenten passte zur Stimmung. Denn der Intendant des Festspielhauses setzte zusammen mit Baden-Badens Bürgermeisterin Margret Mergen die Unterschrift unter einen Vertrag, der ein Vierteljahrhundert zuvor beschlossen worden war und der vorsieht, dass die Immobilie zum 1. Juli 2020 in den Besitz der Stadt übergeht.

Man habe 18,4 Millionen Euro für das Gebäude bezahlt, erklärte Mergen: „Ein ausgezeichneter Preis für dieses tolle Haus“, das jede Unterstützung verdiene. Weswegen man auch drei bis vier Millionen Euro pro Jahr für die Bauunterhaltung aufbringen wolle.

Ausdrücklich lobte die Oberbürgermeisterin das „Dreigestirn“ aus Stadt, Land und privaten Förderern, das es ermöglicht hätte, den künstlerischen Spielbetrieb allein aus Ticketerlösen und Sponsorengeldern zu finanzieren. Zuvor hatte Stiftungsvorstand Thorsten Klapproth bekundet: „Das Festspielhaus ist wie eine Aktie mit viel Bodensatz und Substanz.“

Wir wollen die Musikszene aufmischen und in der Mitte Europas ein repräsentatives Forum bieten.

Wolfgang Gönnenwein, Dirigent und Musikpädagoge

In gewisser Hinsicht ist das Festspielhaus eine Reaktion auf Horst Seehofer (CSU). Der damalige Bundesgesundheitsminister hatte in den 1990er Jahren mit einem harten Sparkurs bewirkt, dass deutlich weniger Kuren verschrieben wurden. Um den Schwund an Kurgästen wett zu machen, und um eine neue zahlungskräftige Klientel anzulocken, sollte ein Publikumsmagnet her – das Festspielhaus. Zumal der in jenen Jahren amtierende Oberbürgermeister Ulrich Wendt (CDU) die Auffassung vertrat, Baden-Baden sei ein Rolls-Royce, der zu wenig gefahren werde.

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Man wollte „Kasse mit Klasse“ machen, wie es seinerzeit in einem Bericht hieß. Schon sah man sich auf Augenhöhe mit Bayreuth und Salzburg. „Wir wollen die Musikszene aufmischen und in der Mitte Europas ein repräsentatives Forum bieten“, versprach Wolfgang Gönnenwein. Der umtriebige Musik-Impresario war in jenen Jahren Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele und hatte gleichsam im Nebenjob die Baden-Badener Intendanz übernommen.

Es ist besiegelt: Baden-Badens Oberbürgermeisterin Margit Mergen reicht dem Intendanten des Festspielhauses Benedikt Stampa das Vertragsdokument, das die künftigen Eigentumsverhältnisse der Immobilie regelt. | Foto: Christiane Haumann-Frietsch

Zur Eröffnung am 18. April 1998 gab es Felix Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre „Ein Sommernachtstraum“. Es folgte ein finanzieller Albtraum, Ergebnis massiver Fehlkalkulationen. Ende Juli, drei Monate nachdem das Festspielhaus den Betrieb aufgenommen hatte, drohte Konkurs. Immerhin: Der Retter stand bereits parat. Anfang des Monats hatte man Gönnenwein durch Andreas Mölich-Zebhauser ersetzt. Ihm gelang, was einzig „einem Zauberer“ zugetraut wurde.

Ab 2002 ohne Zuschüsse

Ab 2002 kam das Haus beim Betrieb ohne Zuschüsse von Stadt und Land aus. Von nun an ging’s bergauf. Als man knapp zehn Jahre nach der Gründung Zwischenbilanz zog, war der Bittstellermodus überwunden. Selbstbewusst erklärte die Intendanz: „Das Festspielhaus Baden-Baden hat sich nach Meinung der Medien und des Publikums neben Salzburg und Bayreuth zur treibenden dritten Kraft in der Champions-League der Festspiele etabliert.“

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Kommentar: Auf guter Basis
Es mutet wie Ironie des Schicksals an: Just in dem Moment, da in Baden-Baden das Festspielhaus in den Besitz der Stadt übergeht, steckt die international renommierte Kultureinrichtung wieder im Krisenmodus. Schließt sich da ein Kreis? Alles wieder auf Anfang? Nein. 1998, als schon wenige Monate nach der Eröffnung Konkurs drohte, waren die Probleme gewissermaßen hausgemacht. Die aktuellen Nöte hingegen sind aus einer allgemeinen Krise erwachsen.
Aber es gibt noch einen weiteren, wesentlichen Unterschied zur Frühzeit des Festspielhauses. Damals wurde mit vollmundigen, letzthin jedoch vagen Verheißungen operiert. Sie sollten sich sogar erfüllen – allerdings erst, nachdem mit Andreas Mölich-Zebhauser ein Impresario gefunden war, der sich mit Geschick, Ausdauer und Überzeugungskraft in die Sache hineinkniete. Mit dem Stifterkreis und einer Reihe von Mäzenen als Unterstützern schuf er die Basis, die seinem Nachfolger Benedikt Stampa und der übrigen Geschäftsleitung in der gegenwärtigen Lage zugute kommt.
Sie mag wohl ernster und schwieriger sein, als es sich auf den ersten Blick darstellt. Covid 19 ist unberechenbar. Also gilt es, unterschiedliche Szenarien zu entwerfen, Gleichungen mit mehreren Unbekannten aufzustellen, um unter allen Umständen handlungsfähig zu sein. Was aber gänzlich anders ist als vor knapp zweieinhalb Jahrzehnten: Dank der Erfolge mit dem Programm und den Anstrengungen etwa in der Jugendförderung hat sich ein Klima der Treue und des Vertrauens etabliert. Baden-Baden bekennt sich zu seinem Festspielhaus.
Insofern sind die Voraussetzungen günstig, dass Stampa und sein Team, den Weg durch die Corona-Dürre einigermaßen gut meistern können – auch wenn manches auf der Strecke bleibt und einmal geplante Musikereignisse unwiederbringlich verloren sind für Baden-Baden. Das ist für die Künstler mindestens ebenso schmerzhaft wie für das Publikum. Die einen wie die anderen dürfen einigermaßen sicher sein, dass Stampa und sein Team alles tun werden, um die Sehnsucht nach live gespielter Musik zu befriedigen. Und wenn es nicht immer die ganz großen Ereignisse im Hochglanz-Gala-Format à la Bayreuth oder Salzburg sein können, muss das auch kein Schaden sein: Kleine Perlen können wunderbar glänzen.