Störfaktor beim Lernen: das Smartphone. Wie geht man damit um? Lerncoach Victoria Stübner gibt im BNN-Interview Tipps.
Störfaktor beim Lernen: das Smartphone. Wie geht man damit um? Lerncoach Victoria Stübner gibt im BNN-Interview Tipps. | Foto: Kaiser (dpa)

Interview mit Victoria Stübner

Das macht Spaß: Vokabeln lernen auf dem Trampolin

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Lernen darf Spaß machen, sagt Victoria Stübner. Sie ist Lerncoach und spricht am Donnerstag, 21. Februar, 2019, um 18 Uhr beim Tag der offnen Tür der Realschule Baden-Baden zu diesem Thema. Wie das Lernen Spaß machen kann, darüber sprach BNN-Redakteur Bernd Kamleitner mit der Lernexpertin.

Manche Eltern klagen darüber, ihre Kinder hätten keine Lust zum Lernen. Ist das eher die Ausnahme oder schon die Regel?

Stübner: Das kann ich pauschal weder in die eine noch in die andere Richtung beantworten. In meiner Praxis und in den Lerntrainings habe ich es natürlich mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die sich beim Lernen schwertun. Da haben die Eltern und Ausbilder tatsächlich Sorgen, weil sie glauben, die Lernlust ihres Kindes ist irgendwo auf der Strecke geblieben.

Wenn Lernen Spaß macht, dann fällt es Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen leichter, betont Lerncoach Victoria Stübner im BNN-Interview.
Wenn Lernen Spaß macht, dann fällt es Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen leichter, betont Lerncoach Victoria Stübner im BNN-Interview. | Foto: Leonie Spitzauer-Peintner, Independent Light GmbH

Was ist die Ursache dafür?

Stübner: Ich glaube, dass für viele Kinder zu viel Stoff in kurzer Zeit durchgehauen wird – so à la Nürnberger Trichter. In dem Moment, wo sie es einigermaßen verstanden haben, kommt, zack, das nächste Thema. Es ist zudem vieles dabei, bei dem den Kindern der Bezug zum eigenen Leben fehlt. Und manchen Lehrern und Eltern – so sie von den Kindern gefragt werden – fällt es schwer, zu beantworten: „Wofür brauche ich das?“

Sollten Lehrpläne entrümpelt werden?

Stübner: Ja, ich denke schon! Zum Beispiel Deutschliteratur. Ich bin kein Lehrer, aber ich frage mich: Muss ich diese alten Schinken wirklich in der Schule behandeln und interpretieren nach dem Motto: Was könnte der Autor gemeint haben? Ginge das Gleiche nicht auch mit Autoren der Gegenwart? Das ist doch eher unsere Lebensrealität.

Muss ich diese alten Schinken wirklich in der Schule behandeln?

Manche Schüler lernen leicht und mit Spaß. Gibt es Lerntypen?

Stübner: Eine Kollegin hat das mal recherchiert – demnach gibt es weit über 100 Kategorisierungen von Lerntypen. Ich mag den Begriff aber nicht so gerne: Bist du mal in einer Schublade drin, kommst du nur schlecht wieder raus. Ich spreche lieber von Lernpräferenzen. Wir lernen alle über alle drei Hauptsinne. Der eine nutzt mehr den visuellen Sinn. Ich lerne sehr gut über die Ohren und sehr stark über den Körper, über die Bewegung. Ich bin ein ganz klassisches Beispiel für eine Mischform.

Wie kann man das in den Lernalltag übertragen?

Stübner: Alle Sinne einbinden. Man kann Vokabeln lesen, schreiben. Ich halte es für extrem wichtig, bis zur sechsten Klasse Vokabeln wirklich von Hand zu schreiben, weil damit noch einmal andere Teile im Gehirn mit angesprochen werden, als wenn wir am Computer schreiben. Kinder bis zu diesem Alter lernen noch sehr viel über Bewegung – den Lernstoff erfahrbar machen über alle Sinne.

Wie geht das?

Stübner: Was spricht dagegen, das Kind nach dem Anschauen und Schreiben der Vokabeln beim Laufen um den Tisch abzufragen? Man könnte auch mit den Vokabelkarteikarten spazieren gehen. Ein Klient von mir übt seine Vokabeln mit seiner Mama im Garten. Sie sitzt vor dem Trampolin und sagt das deutsche Wort. Der Junge springt, macht einen Salto und sagt das englische Wort – funktioniert super und beide haben Spaß. Das sage ich immer in meinen Vorträgen: Es geht darum, Spaß zu haben und so viele Sinne wie möglich einzusetzen. Wenn ich keinen Spaß habe mit dem, was ich tue, dann lerne ich es nicht gut.

Beim Lernen so viele Sinne wie möglich einsetzen

Wie geht das denn bei Mathe?

Stübner: Zum Beispiel beim so genannten Zahlenland. Das ist eine Methode, die in Kindergärten und zum Teil in Grundschulen gerne eingesetzt wird. Da gibt es einen Zahlenteppich, auf denen die Kinder im Kindergarten die Zahlen von eins bis zehn lernen. In der Schule geht es entsprechend weiter. Die Kinder springen und tanzen über diese Zahlen, gehen vorwärts, rückwärts oder seitwärts. Sie arbeiten auch viel mit Klötzchen und geometrischen Figuren. Das ist kein akademisches, sondern ein spielerisches Lernen. Die Kinder sollen ein Gefühl für Mengen, Formen und für Zahlen bekommen. Das sind die ersten Schritte in die Mathematik. Wenn Bewegung, Hören und Sprechen, aber auch das Sehen und Fühlen zusammengebracht werden, holen sie damit jedes Kind mit jeder Lernpräferenz ab.

Das Spaß-Prinzip kann  auch Erwachsene nicht schaden, oder?

Stübner: Absolut! Wir lernen jede Sekunde! Das beginnt weit vor unserer Geburt und endet erst, wenn wir in der Kiste liegen. Auch wenn wir jetzt miteinander reden, lernen wir etwas voneinander. Natürlich ist es trotzdem Arbeit. Aber Arbeit darf Spaß machen und Erfolgserlebnisse bringen. Und wenn ich die habe, kommt die Motivation von ganz allein wieder. Wenn ich aber ständig irgendwas machen muss, löst das wahnsinnig Stress aus. Dann geht meine Freude verloren.

Die Digitalisierung macht auch vor den Schulen nicht Halt.
Die Digitalisierung macht auch vor den Schulen nicht Halt. | Foto: Foto: Seeger (dpa)

Ist es sinnvoller alleine zu lernen oder mit Freund beziehungsweise Freundin oder gar in der Gruppe?

Stübner: Für manche Menschen ist es eine Qual, in der Gruppe zu lernen, für andere eine Strafe, allein im Zimmer zu lernen. Mein Tipp: möglichst viel ausprobieren. Nach Gefühl! Kinder haben ein sehr gutes Gefühl für das, was sie brauchen und was sie wollen. Wir Erwachsene meinen oft, unseren Kindern Ratschläge erteilen zu müssen oder Vorschriften zu machen, wie ihr Lernen funktioniert. Das Lernen unserer Kinder erfolgt aber meist anders als bei uns, weil sie andere Lernpräferenzen haben als wir und die Lernkanäle bei jedem Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Das, was Spaß macht und hilft, ist wichtig. Eltern sollten versuchen, aus der Sicht des Kindes zu denken. Was braucht das Kind? Also auch gerne mal das Kind fragen. Und zum Thema Motivieren: Nicht alles an Noten festmachen. Noten sind eine Momentaufnahme. Viel wichtiger ist es, die Anstrengung zu belohnen – mit Lob, mit Anerkennung, mit Aufmerksamkeit.

Anstrengungen belohnen

Wie kann ich als Elternteil erkennen, dass mein Kind Lernschwierigkeiten hat?

Stübner: Wenn ich mich als Elternteil beim gemeinsamen Essen mal dumm stelle und erklären lasse, was habt ihr heute in der Schule gemacht, dann merke ich relativ schnell: Hat das Kind das verstanden oder tut es sich schwer? Zum Teil sieht man das sicher auch an den Noten und erfährt es aus Gesprächen mit Lehrern. Ich finde den engen Kontakt zu den Lehrern wichtig, gerade wenn man den Eindruck hat, das Kind kämpft mit Schwierigkeiten oder hat diese chronische Aufschieberitis. Auch am Gesichtsausdruck und der Körperhaltung des Kindes kann man ganz viel sehen. Eine Sondersituation ist die Pubertät. Da ist Chaos im Kopf, heißt es. Es gibt viele Pädagogen, die sagen, in der siebten oder achten Klasse sollte man etwas anderes machen, aber keine Schule.

Wie förderlich ist Musik beim Lernen oder das ständig präsente Smartphone?

Stübner: Wir sollten das voneinander trennen!

Hausaufgaben mit Musik? Das kann unter bestimmten Voraussetzungen förderlich sein. Lerncoach Victoria Stübner erklärt im Interview, unter welchen Voraussetzungen das so ist.
Hausaufgaben mit Musik? Das kann unter bestimmten Voraussetzungen förderlich sein. Lerncoach Victoria Stübner erklärt im Interview, unter welchen Voraussetzungen das so ist. | Foto: Mikko Stig/Lehtikuva/dpa

Also zunächst das Thema Musik …

Stübner: Kann helfen, muss aber nicht. Ich rate auch hier zum Ausprobieren. Zwei Wochen so und zwei Wochen so. Dann vergleichen: Wie ging es besser? Wer stark über das Hören lernen kann und ein Wohlfühlgefühl braucht, dem kann Musik durchaus helfen. Wenn man bestimmte Regeln beachtet: Nicht so laut, keine hektische Musik. Wenn es geht, eher instrumental oder super bekannte Lieder oder welche, die man sowieso nicht versteht. Das gilt aber nicht für jeden. Ich persönlich kann es nicht haben, wenn Musik läuft und ich mich konzentrieren muss.

Viele Erwachsene sind beim Umgang mit Medien kein Vorbild für Kinder

Und jetzt zum Smartphone, das ständig bimmelt oder vibriert, weil es auf Empfang ist ….

Stübner: In Lerntrainings frage ich immer: „Was stört Eure Konzentration und was fördert sie?“ Beim Stören kommt von den jungen Leuten – nicht von mir! – immer Handy, Computer und Fernsehen als erstes. Die wissen das alle! Wir Erwachsene müssen denen das nicht erzählen. Das nervt die Kids eher. Ich empfehle den Jugendlichen im Training, auszuprobieren, was passiert, wenn sie beim Lernen Handy, Computer oder Fernseher weglassen. Ganz ehrlich: Die überwiegende Mehrheit der Erwachsenen kann den Kindern gar nicht zeigen, wie man richtig mit Medien umgeht, weil sie es selber nicht können. Von wem sollen sich die Kinder das dann abgucken? Wir erzählen Kindern, dass die beim Hausaufgaben machen nicht Fernsehen schauen und das Handy ausmachen sollen. Aber was machen wir selbst?

Wir versuchen uns in Multitasking …

Stübner: Echtes Multitasking kann unser Gehirn nicht. Das geht nur in einem ganz eng umgrenzten Rahmen. Etwa beim Kaffee kochen zu telefonieren.

Echtes Multitasking kann unser Gehirn nicht

Das geht, weil Kaffee oder Tee kochen eine automatisierte Handlung ist.

Wir können nur eine automatisierte Handlung mit einer anderen anspruchsvollen verbinden, aber nicht zwei, volle Konzentration beanspruchende Handlungen gleichzeitig ausführen. Eine E-Mail konzentriert lesen und über ein völlig anderes Thema mit jemandem am Telefon diskutieren, das funktioniert nicht. Wenn wir das versuchen, dann manchen wir zwar eine Menge gleichzeitig, aber nichts richtig. Dann entstehen Fehler!

Spaß am Lernen – wird das an Schulen vernachlässigt oder tut man damit Pädagogen unrecht?

Stübner: Grundschullehrer wissen sehr gut um dieses Lernen mit allen Sinnen. Lehrer an weiterführenden Schulen haben das oft in ihrer Ausbildung nicht gehabt. Vielfach haben sie auch einen sehr engen Zeitplan für den Lernstoff und viel administratives Drumherum, dass sie zum Teil damit überfordert sind. Und das liegt nicht an den Lehrern, sondern an unserem vollgestopften System nach dem Motto: Alle müssen alles wissen. Es gibt Schulen, die versuchen eine Differenzierung zu schaffen. Daran muss aber ein ganzes Kollegium arbeiten und zum Beispiel Aufgabenpools mit unterschiedlichen Niveaus erstellen. Dann behalten alle Schüler die Lernfreude. Ansonsten gilt eher das Motto: Wir warten auf den Letzten, und wenn der nicht nachkommt, dann hat er halt Pech gehabt! Ganz ehrlich: Ich möchte heutzutage mit keinem Lehrer tauschen!

Am Donnerstag, 21. Februar 2019, öffnet die Realschule Baden-Baden von 16 bis 19 Uhr ihre Türen für alle Viertklässler und deren Eltern. In einem bunten Programm werden Informationen für die Eltern und Orientierung für Kinder angeboten. Um 18 Uhr sind interessierte Eltern und Lehrkräfte zu einem pädagogischen Vortrag in der Aula eingeladen. Lerncoach Victoria Stübner aus München eröffnet die vom Förderverein der Schule unterstützte Veranstaltungsreihe mit dem Vortrag „Ganz einfach lernen“. Der Eintritt ist frei. Der Vortrag dauert insgesamt etwa drei Stunden. Wer eine Kinderbetreuung benötigt, kann dies per E-Mail unter realschule@baden-baden.de anmelden.