Mit den Leopold-Handgriffen ertasten die Hebammenschülerinnen Emilie Engel und Nicole Blauth die Lage des Kindes im Mutterleib. Foto: Manzey

Erste Hebammen ausgebildet

Der Berufsalltag von Hebammenn entspricht nur wenigen Klischees

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Sie erleben sehr intime Momente: Hebammen sind für viele eine wichtige Begleitung während Schwangerschaft und Geburt. Dabei hält sich über diesen Berufsstand hartnäckiges Halbwissen – so etwa das Vorurteil, dass Hebammen viel mit Babys arbeiten. Stimmt das denn?

Nein, sagen Emilie Engel und Nicole Blauth. Die Beiden müssen es wissen, sind sie doch zwei von aktuell acht Hebammenschülerinnen am Klinikum Mittelbaden in Balg. Auch Susanne Baus wird oft mit diesem Vorurteil konfrontiert. Sie ist die Leitende Hebamme und hört in Vorstellungsgesprächen oft den Satz: „Ich arbeite gerne mit Babys.“ Tatsächlich macht die Sorge für Neugeborene aber nur einen Teil des Berufsalltags aus.

Klinikum bildet selbst aus

Das Klinikum Mittelbaden hat aus purer Personalnot vor etwa drei Jahren begonnen, selbst Hebammen auszubilden. Der erste Kurs hat inzwischen seinen Abschluss gemacht, drei Hebammen wurden übernommen, eine davon im Studium. Nicole ist bereits im dritten Lehrjahr und sicher, ihren Traumberuf gefunden zu haben. Bei der Entscheidung half ihr damals auch ein Praktikum. „Nur anhand von Erzählungen kann man sich nicht ausmalen, wie der Beruf tatsächlich ist.“ Eine Forderung, die Susanne Baus unterstützt. Sie plädiert zudem dafür, dass Bewerber mindestens einen Wochenenddienst mitgemacht haben.

„Die Geburten im Fernsehen werden total übertrieben dargestellt.“

Zu Dienstbeginn könne man nie genau sagen, was einen erwartet. Diese Abwechslung ist es, die den Beruf für Nicole so spannend macht. Aber auch die besondere Situation, durch die man die Schwangeren begleitet. „Hebammen sind dabei, wenn eine neue Familie entsteht“, sagt die 23-Jährige. „Das ist ein Privileg, das man wertschätzen sollte.“ Für sie ist eine Geburt auch heute noch ein „totaler Adrenalinkick“.

Wie im Fernsehen laufe es im Kreißsaal in Balg jedoch nicht ab. „Klar kann es mal lauter werden. Aber die Geburten im Fernsehen werden total übertrieben dargestellt. Eine Geburt ist nicht ganz so spektakulär, sondern sollte in einer ruhigen und intimen Atmosphäre stattfinden.“

Eine Eins-zu-eins-Betreuung, wie sie beispielsweise in Schweden üblich ist, können die Hebammen in Balg nicht leisten. Im Schnitt betreuen sie zwei bis drei Frauen gleichzeitig. Umso wichtiger seien da die Schülerinnen, betont Emilie; die betreuen meist nur eine Frau sowie deren Partner, falls einer dabei ist. Und die verhalten sich laut Nicole während der Geburt oft unfreiwillig komisch.

Verhalten der Männer im Kreißsaal hat sich gewandelt

Insgesamt hat sich das Verhalten der Männer in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt: Ungefähr 90 Prozent seien bei der Geburt dabei, im Falle eines Kaiserschnitts auch im OP. „Die Geburt ist ein Partnerereignis“, ergänzt Baus. Die Erfahrungen im Kreißsaal hätten ihr dann doch ein bisschen mehr Angst vor der eigenen Geburt gemacht, gibt Emilie zu. Aber an ihrem grundsätzlichen Kinderwunsch habe sich trotzdem nichts geändert. Die Pläne einer Akademisierung ihres Berufs sieht Baus positiv. „Hebammen tragen die Verantwortung für zwei Menschenleben. Eine Aufwertung unseres Berufs ist da dringend notwendig.“

In Baden-Württemberg praktizieren nach Schätzungen des Hebammenverbandes Baden-Württemberg aktuell etwa 2 400 Hebammen, rund 15 davon in Baden-Baden. Zu ihren Aufgaben zählen neben der Betreuung während der Schwangerschaft und der Geburtsvorbereitung auch die Geburtshilfe sowie die Betreuung von Mutter und Kind im Wochenbett. In Einzelfällen kann diese durchaus bis zu einem Jahr dauern. Bislang erforderte die dreijährige Ausbildung zur Hebamme eine Mittlere Reife. Die Ausbildung findet an speziellen Hebammenschulen sowie in den angegliederten Krankenhäusern statt. Durch die Umsetzung einer EU-Richtlinie soll die Hebammenausbildung bis 2020 (Stichtag 18. Januar) akademisiert werden. Längere Übergangsfristen sind jedoch zu erwarten. Statt der dreijährigen Berufsausbildung soll künftig ein duales Studium verpflichtend werden. Als Zulassungsvoraussetzungen sind Abitur oder Fachhochschulreife beziehungsweise eine abgeschlossene Ausbildung im Pflegeberuf vorgesehen. Bereits im Oktober vergangenen Jahres wurde der Entschluss dazu gefasst, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn brachte im März einen entsprechenden Gesetzesentwurf ein. Deutschland ist eines der Schlusslichter bei der Akademisierung des Hebammenberufs; in den meisten europäischen Ländern ist ein Studium für Hebammen bereits verpflichtend. Zudem soll auch die Bezeichnung „Entbindungspfleger“ für männliche Hebammen entfallen. Weitere Informationen zur Hebammenausbildung im Klinikum Mittelbaden gibt es unter: https://bit.ly/2JxDpdj.