Südwestdeutschen Klosterfrauen auf der Spur. | Foto: Ursula Düren/dpa

Im Südwesten

Die fremde Welt der Klosterfrauen

Anzeige

Klosterfrauen sind selten geworden. Armut, Keuschheit und Gehorsam: Das sind sperrige Begriffe, die nicht recht in unsere Zeit zu passen scheinen. So leiden viele Klöster an Nachwuchsmangel. Immer wieder müssen Häuser schließen. Zwar klingen die Zahlen, die von der Deutschen Ordensobernkonferenz genannt werden, zunächst recht beeindruckend: Von immerhin 16.700 Schwestern und 4.200 Ordensmännern ist die Rede. Doch im Jahr 2010 sind es noch über 21.000 Schwestern und etwa 4.490 Ordensmänner gewesen. Längst gibt es nicht mehr genug Novizinnen und Novizen, die die Lücken schließen könnten, die der Tod in den Ordensgemeinschaften hinterlässt.

Klosterleben auf Zeit liegt im Trend

Dabei besteht durchaus Interesse am Klosterleben – allerdings meist nur auf Zeit. Spiritueller Tourismus und Kräftetanken im Kloster liegen im Trend. Für manchen Erholungsbedürftigen hat die Stille eines Klosters mehr Reiz als der Trubel in angesagten Urlaubsorten. Sogar die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) hat auf ihrer Homepage eine Auswahl von Klöstern in Baden-Württemberg zusammengestellt, die Urlaubsgäste willkommen heißen. Darunter finden sich etwa die Cistercienserinnen-Abtei Lichtenthal bei Baden-Baden und das „Haus Anne“ der Franziskanerinnen vom göttlichen Herzen Jesu in Gengenbach.

Im Bann der Klosterfrauen

Von der fremd anmutenden Welt der Klosterfrauen fühlte sich Dorothea Keuler schon als Kind in den Bann gezogen. Einen Hauch dieser Faszination hat die Autorin aus Tübingen (Jahrgang 1951) später auch bei Kloster-Auszeiten gespürt. Noch faszinierender freilich findet sie das klösterliche Leben der Vergangenheit.

Jahrelang ohne Nahrung…

„Da steigt Christus vom Kreuz und umarmt eine vor ihm kniende Nonne. Schwestern scheinen jahrelang ohne Nahrung auszukommen. Mystikerinnen geraten in Ekstase, während ihre Seele sich mit Gott vereinigt. Wunder sind Wirklichkeit. Wie kann das zugehen?“, fragt Keuler in ihrem neuen Buch, in dem sie dem Schicksal von neun „beherzten Schwestern“ aus Südwestdeutschland nachspürt.

Tatsächlich stößt, wer sich mit der Geschichte weiblicher Frömmigkeit beschäftigt, auf Lebensformen und Vorstellungen, die heute schwer nachvollziehbar sind.

Ins Kloster abgeschoben?

So ist die Meinung verbreitet, dass Frauen massenweise gegen ihren Willen in Klöster „abgeschoben“ wurden. Der Blick ins hohe Mittelalter zeigt hingegen, dass viele Frauen nur allzu gerne Armut, Keuschheit und Gehormsam gelobt hätten. Weil das klösterliche Angebot für Frauen weit hinter dem für Männer hinterherhinkte, konnten sie aber nicht. Zwischen Schwarzwald und Vogesen kamen um 1050 auf jedes Benediktinerinnenkloster und jedes Kanonissenstift nahezu drei Männerkonvente.

In der Nachfolge des armen leidenden Christus

Die Frömmigkeitsbewegung des 12. und 13. Jahrhunderts riss die Kluft zunächst noch weiter auf. In einer Zeit, in der das Bild des armen, leidenden Christus zum religiösen Orientierungspunkt breiter Bevölkerungsschichten wurde, mystisches Erleben und Selbsterniedrigung hoch im Kurs standen, entschieden sich etliche Frauen für die Lebensform der Beginen: Sie schlossen sich Frauengemeinschaften an, die in selbst gewählter Armut und Keuschheit lebten. Allerdings nicht wie die Nonnen in strenger Klausur, sondern als Bettlerinnen und/oder Armen- und Krankenpflegerinnen mitten in Welt. Dorothea Keuler schildert in ihrem Buch die Lebensgeschichte der Gertrud von Ortenberg (1275-1335), die als Begine in Offenburg und Straßburg lebte.

Die religiöse Frauenbewegung in den Griff bekommen

Auf Dauer war die Kirche nicht bereit, solche selbstbestimmten Frauengemeinschaften zu dulden. Deshalb schlossen sich viele Beginen schließlich als Laienschwestern den neuen Bettelorden an. Die Zisterzienser leisteten ebenfalls einen Beitrag, die religiöse Frauenbewegung in den Griff zu bekommen: Sie gliederten ab dem 13. Jahrhundert vermehrt Schwesterngemeinschaften in ihren Orden ein. Die Frauenzisterzen boomten geradezu.

Kloster Lichtenthal wurde nie aufgehoben

Das ermöglichte es 1245 auch Irmengard von Baden, ein Zisterzienserinnenkloster als Grablege für die Markgrafenfamilie zu gründen. Die Abtei Lichtenthal am Rande von Baden-Baden gehört zu den wenigen Klöstern, die nie aufgehoben wurden. In Dorothea Keulers Buch hat allerdings keine beherzte Schwester aus diesem geschichtsträchtigen Haus Eingang gefunden. Die einstmals sehr reiche Klosterlandschaft des Südwestens dürfte der Autorin die Auswahl aber auch nicht ganz leicht gemacht haben.

http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=4-2017185-1
Das Innere der Fürstlichen Todten Capelle zu Lichtenthal, Gez. v. C. Guise, Lith. v. J. Velten (Ausschnitt), 1833 | Foto: Landesarchiv Baden-Württemberg Abt. Generallandesarchiv Karlsruhe J-B Lichtenthal 13,1 8ild 1

Permalink zum Bild

Buchtipp: Dorothea Keuler, Beherzte Schwestern. Südwestdeutsche Klosterfrauen aus sechs Jahrhunderten, 200 Seiten, 60 Abbildungen, Silberburg-Verlag, 19,90 Euro.
Flott geschriebene Portraits von „starken“ historischen Frauengestalten aus Südwestdeutschland, die man ohne große Vorkenntnisse verschlingen kann, sind die Spezialität von Dorothea Keuler. Diesmal hat sie neun „beherzte Schwestern“ aus sechs Jahrhunderten in den Fokus genommen. Dazu zählt Keuler unter anderem die Mystikerin Margareta Ebner aus Dillingen an der Donau, die „Gute Beth von Reute“, eine Buchauer „Powerfrau im Chormantel“, aber auch eine Rottenburger Franziskanerin, die gegen ihren Willen ins Kloster abgeschoben wurde und „Geschichten“ machte.
Für Leser aus unserer Region besonders interessant sind die Lebensgeschichte der Begine Gertrud von Ortenberg sowie das Kapitel über Eva Magdalena Neyler, die in ihrer Klosterchronik festhielt, wie die Pforzheimer Dominikanerinnen sich im 16. Jahrhundert gegen den lutherisch gewordenen Markgrafen von Baden-Durlach zur Wehr setzten.

Lesen Sie auch diesen Artikel zum Leben eines Ordensmannes: