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Sonntagslektüre

Die Zisterzienser: Der Konzern der „weißen Mönche“

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In Lichtenthal bei Baden-Baden leben heute noch Zisterzienserinnen. In Herrenalb gab es einst ein Männerkloster dieses Ordens. Und auch im Unesco-Welterbe Kloster Maulbronn beteten und arbeiteten vor der Reformation „weiße Mönche“. Vom späten 11. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts  gründeten die Zisterzienser mehr als 650 Klöster.

Ausstellung und Buch über die Zisterzienser

Wie ein Netzwerk durchdrang der „Konzern der weißen Mönche“ Europa. Auch im heutigen Baden-Württemberg waren die Zisterzienser einst stark vertreten. Ihrer Erfolgsgeschichte kann man  bis zum 28. Januar in einer Ausstellung  in Bonn nachspüren.  „Die Zisterzienser. Das Europa der Klöster“ heißt die Schau im LVR-Landesmuseum. Dazu ist ein reich bebildertes Begleitbuch erschienen. Wer tiefer in die Welt der weißen Mönche eintauchen möchte oder keine Gelegenheit hat, nach Bonn zu fahren, dem kann man den opulenten Band empfehlen.

Sehnsucht nach dem Himmlischen

Die Zeit um 1100 war eine Epoche der Veränderungen. Die Bevölkerung wuchs, Städte wurden gegründet. Papst, Kirche und Fürsten rangen erbittert miteinander um die weltliche Macht. Zugleich gab es eine in dieser Intensität heute kaum mehr vorstellbare „Sehnsucht nach dem Himmlischen“. Sie trieb viele, vor allem junge Menschen, um. Zu ihnen gehörte Robert von Molesme. 1098 gründete der Adelige in Frankreich mit 21 Mönchen ein neues Kloster, das später Cîteaux genannt wurde. Es war die Keimzelle des Reformordens der Zisterzienser.

Alles auf das Wesentliche reduziert

Eigentlich besannen sich die Zisterzienser ja nur auf die damals schon 500 Jahre alte Regel des Heiligen Benedikt zurück. Doch sie betrieben das „Beten und arbeiten“ mit einer Konsequenz, die als neu und attraktiv empfunden wurde. Die Zisterzienser suchten ein zurückgezogenes Leben meist außerhalb der Städte. Sie wollten sich von ihrer Hände Arbeit ernähren. Alles sollte auf das Wesentliche reduziert werden: in der Lebensführung, der Kunst und der Architektur.

Ein Netz aus Mutter- und Tochterklöstern

Wenn eine Ordensgemeinschaft, ein Konvent, zu groß wurde, zogen ein Abt und mindestens zwölf Mönche aus. In möglichst großer Einsamkeit gründeten sie ein neues Kloster. Mit nahmen sie nur, was sie am Leibe trugen. Zudem Bücher fürs Gebet und die Liturgie, ein Kreuz für den Altar sowie Reliquien. So entstand ein Netz aus Mutter- und Tochterklöstern. Für alle verbindlich war die „Carta caritatis“, die „Urkunde der Liebe“. Ein Regelwerk, das die Zisterzienser bei Bedarf recht kreativ auszulegen pflegten.

Die Zisterzienser prägen die Kulturlandschaft

Feld-, Vieh- und Waldwirtschaft waren die hauptsächlichen Erwerbsquellen der Zisterzienser. Da sich die „weißen Mönche“ in kaum besiedelten Gebieten niederließen, veränderten sie die Landschaft nachhaltig. Sie wurden, so heißt es beim LVR-Landesmuseum Bonn, zum „dynamischen Element der europäischen Zivilisation“.

Frauen und die zisterziensische Spiritualität

Auch auf Frauen übte die spirituelle Religiosität der Zisterzienser großen Reiz aus. Im deutschsprachigen Raum wurden im 12. und 13. Jahrhundert über 300 Zisterzienserinnenklöster gegründet. Aufgenommen wurden vor allem adelige Frauen. Deren Familien konnten auf diesem Weg  unverheiratete Töchter standesgemäß versorgen. Und zugleich etwas für ihr eigenes Seelenheil tun.

Ein „Vaterabt“ betreut die Nonnen

Frauen nahmen in der mittelalterlichen Gesellschaft eine untergeordnete Stellung ein. Daher unterschied sich das Leben in Frauenklöstern gravierend von dem in Mönchskonventen: Strengste Klausur war angesagt. Arbeit auf den Feldern kam für die Nonnen nicht in Frage. Sie verbrachten ihr gesamtes Leben hinter Klostermauern. Zudem wurde jedes Frauenkloster von einem „Vaterabt“ betreut.

Blütezeit im Mittelalter

Die Ausstellung in Bonn sowie der Begleitband konzentrieren sich auf die mittelalterliche Blütezeit der Zisterzienser. Das LVR-Landesmuseum stellt den Orden, seine Strukturen und seine Entwicklungen anhand von rund 150 kostbaren Ausstellungsstücken aus ganz Europa vor. Darunter sind prachtvolle Gemälde, Skulpturen, Handschriften und Alltagsgegenstände. In der Ausstellung machen zudem Architekturmodelle, CAD-Rekonstruktionen, Musik und Mitmachstationen die Welt der Zisterzienser lebendig.
Hier gibt’s Infos zur Ausstellung.

Der Begleitband. | Foto: Verlag Theiss

Der Begleitband

Der Begleitband ist ein wahres Schwergewicht. Neben Essays, die sich etwa mit der Architektur des Ordens befassen, dem Leben im Kloster nachspüren oder erläutern, warum die Zisterzienser so erfolgreich waren, enthält es Beiträge zur aktuellen Forschung. An den Katalogteil schließen sich kurze Portraits der Abteien an, in deren Besitz die ausgestellten Objekte waren (oder heute noch sind). Dazu gehören etwa das Unesco-Welterbe-Kloster Maulbronn, die südbadischen Klöster Tennenbach bei Emmendingen und Wonnental bei Kenzingen sowie Salem am Bodensee.

Die Zisterzienser. Das Europa der Klöster, herausgegeben vom LVR-LandesMuseum Bonn, 368 Seiten mit 380 farbigen Abbildungen, Theiss-Verlag, 29,95 Euro.