DAS TRINKWASSER aus dem eigenen Brunnen hat bei einem Landwirt zu einer Konzentration von Perfluoroctansäure im Blut geführt, die extrem hoch ist. | Foto: dpa

Belastung über Brunnenwasser

Drastisch erhöhter PFC-Wert im Blut

Von Patricia Klatt
Auf einem Hof zwischen Bühl und Baden-Baden sitzt ein Landwirt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, vor einem Stapel an Gutachten und Bescheinigungen. Dieser Landwirt ist nicht an die öffentliche Trinkwasserversorgung angeschlossen, sondern er hat einen Brunnen für seine Eigenversorgung. In diesem Brunnen wurden verschiedene PFC nachgewiesen. „Das Gesundheitsamt ist regelmäßig hier zum Messen, und mein Rohwasser durfte ich nicht mehr verwenden. Ich musste Warnschilder aufhängen, ,Achtung! PFC-belastetes Trinkwasser‘“, erzählt der Landwirt. „Das Gesundheitsamt hat sich für alles auf dem Hof interessiert, eben für das Wasser, was trinken die Viecher, ich bin im Vorernte-Monitoring drin – aber immer, wenn ich gefragt habe, wollt ihr denn nicht auch mal mich testen, untersucht doch mal mein Blut auf PFC und nicht immer nur meinen Brunnen‘, da haben sie dann nichts gesagt“, ärgert sich der Landwirt.

Aktivkohlefilter eingebaut

Er hat im Keller und an jedem Wasserhahn im Haus Aktivkohlefilter eingebaut. Sein Trinkwasser ist nun wieder unbelastet, das hat er schriftlich, von einem Gutachter bestätigt. Doch sein Blut ist mit einem PFC, nämlich PFOA (Perfluoroctansäure), belastet, auch das hat er mittlerweile schriftlich von einem medizinischen Labor in Bremen bestätigt. „Als das Gesundheitsamt wegen einer Blutuntersuchung immer wieder abgewunken hatte, habe ich dann eben die Bürgerinitiative in Kuppenheim gefragt, ob die mir helfen könne.“ Die Untersuchung ergab, dass die Konzentration von PFOA im Blut des Landwirtes, der jahrelang ohne Wissen das PFC-belastete Wasser aus seinem eigenen Brunnen getrunken hatte, sehr hoch ist, rund 1000 Mikrogramm pro Liter Blut. Die allgemeine Grundbelastung der Bevölkerung wird von dem Labor in Bremen mit rund sechs Mikrogramm pro Liter Blut angegeben, die Werte, die bei den Leuten der Bürgerinitiative in Kuppenheim gemessen wurden, liegen zwischen 17 und 63 Mikrogramm.

Europaweit einer der höchsten Werte

Andreas Adam, der stellvertretende Vorsitzende der Bürgerinitiative, zeigt sich doch überrascht von dem so hohen Wert, „es handelt sich europaweit um einen der höchsten Werte. Allerdings zeigt die bisherige Weigerung der Gesundheitsbehörden, die Eigenversorger zu untersuchen, dass sie mit ihren Prognosen, was die Belastung anbelangt, offensichtlich völlig daneben lagen. Niemand kann genau sagen, wie lange das hoch belastete Wasser getrunken wurde, und man kann ohne eine breit angelegte Studie hierzu auch keine seriöse Aussagen machen“, so Adam. Und er sieht ein weiteres Problem, denn das Wasserwerk in Niederbühl habe bis zu seiner Schließung die Bevölkerung von Rastatt-Niederbühl und die Stadtteile Siedlung, Dörfel und Münchfeld unbemerkt mit hoch belastetem Trinkwasser versorgt. Eine Untersuchung sei auch da überfällig. „Das bisherige Verhalten der amtlichen Stellen zeigt, dass man offensichtlich an einer Aufklärung, was die inneren PFC-Werte der Bevölkerung betrifft, nicht interessiert war. Aber auch da scheint ein Umdenkprozess stattzufinden“, bestätigt Adam.

Sozialministerium berät Maßnahmen

Auf die Frage, wie man seitens der Behörden mit diesem gemessenen hohen Wert umgehen werde, erklärte Karlin Stark, Abteilungspräsidentin der Abteilung 9 des Landesgesundheitsamtes (LGA): „Mittlerweile sind mehr Informationen von der Bürgerinitiative eingegangen, und wir werden auf dieser Basis, wie bereits angekündigt, eine Stellungnahme für das Sozialministerium schreiben. Es gibt noch Bereiche mit Klärungsbedarf, dazu halten wir Rücksprache mit der Bürgerinitiative.“ Auch dem baden-württembergischen Sozialministerium ist dieser hohe PFOA-Wert im Blut des Landwirts mittlerweile bekannt, man werde aufgrund der Stellungnahme des LGA über gegebenenfalls erforderliche weitere Maßnahmen beraten, so Anna Zaoralek, die stellvertretende Pressesprecherin des Ministeriums.

Wolfgang Straff vom Bereich Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung des Umweltbundesamtes, sagte auf ABB-Anfrage: „Konzentrationen, die den HBM-I-Wert so deutlich überschreiten, sollten zunächst noch einmal kontrolliert werden. Grundsätzlich ist bei einer Überschreitung, wenn sie sich bestätigt, eine Reduzierung der Exposition angezeigt. Zu gesundheitlichen Auswirkungen bei Menschen können bei Überschreitung eines HBM-I-Werts keine konkreten Aussagen getroffen werden. Es ist zwar sehr unwahrscheinlich, dass gesundheitliche Schäden eintreten, jedoch nicht vollkommen ausgeschlossen. Eine Schwelle, ab der Schäden der Gesundheit möglich sind oder sogar erwartet werden müssten, ist derzeit nicht bekannt.“ Der HBM-I-Wert gibt die Konzentration eines Stoffes in einem Körpermedium (hier Blutplasma) an, bis zu der nachteilige gesundheitliche Wirkungen ausgeschlossen werden können, bei deren Unterschreitung nach aktuellem Wissensstand nicht mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung zu rechnen ist. Der HBM-I-Wert für Perfluoroctansäure wird vom Umweltbundesamt mit zwei Nanogramm pro Milliliter Blutplasma angegeben, das entspricht zwei Mikrogramm pro Liter.

 

Privatbrunnen stark belastet

Im Landratsamt in Rastatt sind die hohen PFOA-Werte im Blut eines Landwirtes ebenfalls bekannt. Auf Anfrage des ABB sagte der Leiter des Gesundheitsamtes, Hans-Jürgen Bortel, dazu: „Der Wert wurde uns von der Bürgerinitiative Kuppenheim mit der Angabe mitgeteilt, der Betreffende sei ein Landwirt in einer Gemeinde des Landkreises mit einem eigenen Brunnen. Wie wir inzwischen wissen, handelt es sich um einen Privatbrunnen mit den höchsten im Landkreis gemessenen PFOA-Werten (etwa der zwanzigfache Wert der im vorderen Murgtal 2013 gemessenen höchsten PFOA-Belastung, die damals zur Warnung empfindlicher Personengruppen führte). Allerdings lag selbst dieser Wert noch unter dem vom Umweltbundesamt veröffentlichten Maßnahmewert für PFOA und PFOS. Aufgrund der gemessenen Belastung erfolgte bereits im Oktober 2015 eine Untersagung der Nutzung des Wassers für Risikogruppen sowie die dringende Warnung, das Wasser generell nicht mehr zu Verzehrszwecken zu verwenden. In der Folge versuchte der Landwirt, die Werte mit Aktivkohlefiltern zu senken. Da der Erfolg nicht ausreichend war und der Auflage regelmäßiger Untersuchungen nicht in genügender und nachvollziehbarer Weise nachgekommen wurde, erfolgte Anfang dieses Jahres eine grundsätzliche Nutzungsuntersagung des Wassers. Ob zwischenzeitlich das Wasser trotz unserer Warnung weiter genutzt wurde, ist uns nicht bekannt. Leider konnten wir den obigen Wert bisher nicht durch eine Kontrolluntersuchung bestätigen. Zwei Angebote zu einer für den Landwirt kostenlosen Kontrolluntersuchung blieben bisher ohne Reaktion.“

Hierzu ein Video des SWR:

 

Eigentümer werden angeschrieben

Die Frage, ob denn nun doch über ein Monitoring von möglicherweise stark exponierten Personen nachgedacht wird, wollte Bortel zwar nicht direkt bejahen, aber man beabsichtige, die Eigentümer von hoch belasteten Privatbrunnen anzuschreiben, um sie auf die Situation aufmerksam zu machen und ihnen entweder eine Kontrolluntersuchung anzubieten, oder sie auf die Möglichkeit einer solchen Untersuchung (zum Beispiel im Rahmen der nächsten hausärztlichen Routineuntersuchung) hinzuweisen. Im zweiten Fall würde man anbieten, ein geeignetes Labor zu vermitteln. Das Gesundheitsamt geht zum gegenwärtigen Zeitpunkt von etwa 20 bis 25 Betroffenen aus, dem Gesundheitsamt seien sechs entsprechend belastete Brunnen bekannt, bestätigte Bortel. Er wies nochmals darauf hin, dass auch bei höheren Blutwerten keine über die aktuell getroffenen Maßnahmen hinausgehende Empfehlungen gegeben werden können und dass weiterhin unklar ist, ob und falls ja, ab welchen Blutwerten eine mögliche Gesundheitsgefährdung gegeben sein könnte. Allenfalls könnte Personen mit sehr hohen Blutwerten empfohlen werden, aus Vorsorgegründen im Rahmen der nächsten Routineuntersuchungen beim Hausarzt eine Kontrolle der Leber-, Schilddrüsen und Fettstoffwechselwerte mit ins Auge zu fassen.