PARTYSTIMMUNG IM FESTSPIELHAUS wie hier 2012 bei Olly Murs gehört zu den Besonderheiten, die Baden-Baden jährlich durch das New Pop Festival beschert werden.
Partystimmung im Festspielhaus wie hier 2012 bei Olly Murs gehört zu den Besonderheiten, die Baden-Baden jährlich durch das New Pop Festival beschert werden. | Foto: Jüttner

Stars vor dem Durchbruch

Ein Vierteljahrhundert New Pop Festival im Rückblick

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Die Eintrittskarten waren schön bunt, die Bands oft wirklich exotisch, die Spielorte eine Entdeckung. Seit dem ersten New Pop Festival im November 1994 hat das Trendfestival etliche große Namen hervorgebracht, für besondere Momente gesorgt und etliche Entwicklungen erfahren. Auf ein Vierteljahrhundert „New Pop“ blicken zwei BNN-Redaktionsmitglieder zurück, die das Festival von Anfang an begleitet haben.

Das erste Jahr

Bei der ersten Ausgabe waren Gruppen wie AuktYon aus Russland, Fleshquartett aus Schweden oder das Londoner Kollektiv Transglobal Underground in der Kurstadt zu erleben. Ihr Sound hatte Ecken und Kanten und war nur bedingt radiotauglich. Doch mit Stiltskin, der Band des später bei Genesis einsteigenden Sängers Ray Wilson, waren auch Hitparadenstürmer im Programm.

Im Gedächtnis blieb auch der Auftritt des leider Ende 2009 verstorbenen Sängers und Songwriters Vic Chesnut. Nicht nur wegen seiner kauzigen Songs und der besonderen Location im Gewölbekeller des Neuen Schlosses – der Amerikaner genoss während seines Konzerts auch reichlich badischen Rotwein. Kritisch beäugt wurden in der Stadt anfangs noch die Konzerte im Theater: Würde das gutgehen? Ja: Der Kronleuchter blieb ebenso hängen wie der Stuck an den Wänden, als etwa Angelique Kidjo ein musikalisches Feuerwerk im ausverkauften Saal entfachte.

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Schön bunt waren die damals für 15 D-Mark erhältlichen Eintrittskarten zum ersten Festival.
Schön bunt waren die damals für 15 D-Mark erhältlichen Eintrittskarten zum ersten Festival. | Foto: Kamleitner

Erste Stars, zweite Stadt

Schon bei der Zweitauflage im Oktober 1995 hatte das Popfestival seinen ersten Superstar: Alanis Morissette rockte im Pavillon des Alten Bahnhofs – dort, wo heute das Festspielhaus steht. Seit 1996 steigt das Spektakel im September.

Mit den Fugees und Faithless traten klangvolle Namen in der Montagehalle des Rastatter A-Klasse-Werks des damaligen Sponsors Daimler auf. Dort entwickelte sich die Sängerin Soraya („Suddenly“) nicht nur wegen ihrer Version von Helge Schneiders „Katzenklo“ zum Publikumsliebling, bevor 1998 der Stern des bis dahin unbekannten Xavier Naidoo aufging.

Die Bloodhound Gang, Gentleman sowie Travis und Macy Gray prägten das Festival 1999, bevor 2000 mit der Premiere von Reamonn und dem Deutschland-Debüt von Anastacia (im kuschligen Theater!) zwei Langzeitkarrieren an den Start gingen.

Special und „A-Wards“

Von 1996 bis 2007 war das Daimler-Werk in Rastatt ein fester Spielort des Festivals. Dort konnte man bis kurz vor Konzertbeginn noch ringsum den Schweißrobotern bei der Arbeit zusehen. Um dieser Location mehr Medienpräsenz zu verschaffen, wurde 2002 das „Special“ aus der Taufe gehoben und 2003 um die Vergabe des „Pioneer of Pop“- Awards ergänzt.

Das erlaubte die fernsehtaugliche Präsentation mehrerer Künstler innerhalb einer Show und die Einladung bereits etablierter Stars, von den Pet Shop Boys und die Simple Minds über Udo Lindenberg und Westernhagen bis zu Lionel Richie und Joe Cocker. Fun Fact 1: In den ersten Jahren wurde die „Special“-Aufzeichnung im ZDF ausgestrahlt, mit dem der SWR auch durch die gemeinsame Präsenz in Mainz gute Kontakte hatte – das ARD-Programm hatte damals offenbar kein Interesse.

Fun Fact 2: Anfangs hießen die New-Pop-Preise „A-Ward“, in Anlehnung an die A-Klasse. Mit Anastacia gibt es übrigens eine einst bei New Pop gestartete Künstlerin, die mittlerweile (2017) auch schon den Quasi-Lebenswerk-Preis „Pioneer of Pop“ erhalten hat.

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Konzentration auf Kurstadt

Seit 2008 löst das Festival sein schon zum Start ausgegebenes Motto „Rock and Relax“ mustergültig ein. Denn dank der Konzentration auf Baden-Baden nach Ende der Rastatter Gastspiele ist „New Pop“ ein Festival der kurzen Wege, bei dem sich entspannt von Konzert zu Konzert schlendern lässt – so man denn ein Ticket hat. Denn der Run auf die Karten, für deren Erwerb man sich online „bewirbt“, ist nach wie vor groß – obwohl seit Jahren alle Konzerte auch im Internet-Livestream übertragen werden.

Oder gerade deshalb? Schließlich hat die wachsende Digitalisierung „analogen“ Erlebnissen wie einem gemeinsam gefeierten Livekonzert neuen Schub verschafft. Und wer beispielsweise 2012 im Kurhaus erlebt hat, wie ein rothaariger britischer Wuschelkopf, der für diesen Auftritt extra eine USA-Tournee unterbrach, den Saal ganz allein mit Gitarre und Loopstation zum Kochen brachte, der konnte den Namen Ed Sheeran früher als die meisten anderen Popfans buchstabieren.

 

Festival der Trends

Baden-Baden solle für den Pop das werden, was Montreux für den Jazz ist – diese Vision klang im ersten Jahr noch eher vollmundig, doch in der Tat reflektiert die Historie von „New Pop“ in der Tat viele Trends des vergangenen Vierteljahrhunderts. Da gab es in den späten 90ern Jahrgänge, in denen der scratchende und sampelnde DJ zu fast jeder Band gehörte, später wurde hier die Welle der starken Sängerinnen mit losgetreten.

Allein 2004 gastierten Katie Melua, Joss Stone – und die kurz darauf raketenhaft durchstartende und wieder abstürzende Amy Winehouse, die damals noch eher dem Jazz zugeordnet wurde. Die jüngste Erfolgsgeschichte ist die von Alice Merton, die 2017 im Theater begeisterte und dieses Jahr zum „Special“ eingeladen ist.

Die Rückbesinnung zum Singer/Songwriter-Sound wurde schon 2009 mit Milow eingeläutet und durch Passenger oder Of Monsters And Men bestätigt. Und Tim Bendzko und Andreas Bourani eröffneten 2011 einen Reigen von deutschsprachigen Publikumslieblingen, der fast jährlich erweitert wurde, von Cro über Joris und Namika bis zu Wincent Weiss. Daher gilt weiterhin: Augen und Ohren offen halten, hier darf entdeckt werden!

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