Auf Court Nummer 19 bestritten Frank Moser (vorne) und Chris Guccione im Juni 2009 auf dem heiligen Rasen von Wimbledon ein denkwürdiges Match gegen Rainer Schüttler und Benjamin Becker. | Foto: pr

Spektakuläres Tennis-Spiel

Frank Moser aus Baden-Baden schreibt ungewöhnliche Wimbledon-Geschichte

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Frank Moser ist im Verlauf seiner Karriere als Tennis-Profi rund um den Erdball gereist und hat dabei allerhand erlebt. Sportlich herausragend war 2013 an der Seite von Xavier Malisse der Sieg im ATP-Turnier von San José. In der ersten Runde der US Open 2011 schlug der Doppel-Spezialist, der momentan in der Nähe von Melbourne lebt, mit seinem Freund Ivo Karlovic das damals weltbeste Duo Bob und Mike Bryan.

Die verrückteste Geschichte ereignete sich aber am 25. Juni 2009 in der Doppel-Konkurrenz von Wimbledon. „Davon erzähle ich auch heute noch öfter“, sagt der 43-Jährige, der 2016 seine internationale Laufbahn beendet hat, als Mannschaftsspieler und Betreuer der Tennisszene aber weiterhin eng verbunden ist.

Unspektakulärer Einstieg ins Turnier

Dabei begann das Turnier im Tennis-Mekka relativ unspektakulär für Moser und dessen australischen Partner Chris Guccione. Da es mit dem direkten Sprung ins Hauptfeld nicht klappte, mussten Moser/Guccione in die Qualifikation, in der es eine Drei-Satz-Niederlage gegen das pakistanisch-indische Duo Aisam Qureshi/Prakash Amritraj gab.

„Aus der Traum vom Start beim renommiertesten Turnier der Welt“, dachte Moser und trat enttäuscht die Rückreise ins heimische Baden-Baden an. Dort wurden schnell die Koffer gepackt, ehe er von Frankfurt aus nach Houston flog. Bei seinem in Texas wohnenden Bruder wollte er sich vom Turnierstress erholen und neue Kräfte tanken.

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Bereits kurz nach der Ankunft in Houston absolvierte der Kurstädter bei 40 Grad Celsius ein erstes Konditionstraining. Dann begann der Wahnsinn. „Mitten im Training erreichte mich eine SMS, dass ich als Lucky Loser doch noch ins Hauptfeld von Wimbledon aufgerückt war“, erinnert er sich.

Von nun an war höchste Eile angesagt. Schon am nächsten Tag stand das Erstrunden-Match gegen die Landsleute Rainer Schüttler und Benjamin Becker auf dem Plan und Moser war Tausende von Kilometern vom Spielort entfernt.

Wettlauf mit der Zeit

Zum Glück war Partner Guccione noch in Europa unterwegs und am Telefon schnell überredet, sich auf den Weg nach London zu machen. Es begann ein Wettlauf mit der Zeit. Moser erzählt: „Ich hatte in Houston meinen Bruder, der bei der Arbeit war, noch gar nicht gesehen und ließ mich von seiner Freundin an den Flughafen fahren. Ich musste unbedingt das nächste Flugzeug nach London bekommen, ansonsten hätte es nicht mehr gereicht. Als wir am Flughafen ankamen, war der Check-in-Schalter bereits geschlossen. Ich habe das Personal angefleht und darum gebettelt, dass sie mich mitnehmen. Und tatsächlich wurde der Schalter nochmals geöffnet.“

An der Seite des früheren Weltklassespielers Jiri Novak (rechts) spielte Frank Moser in der vergangenen Saison für die Herren 40 des TC Bohlsbach. | Foto: Merkel

Nachtflug ohne Schlaf

Nach einem Nachtflug ohne Schlaf landete das Flugzeug um 9.40 Uhr in London-Heathrow. „Da ich wusste, dass um 11.30 Uhr Deadline für das Sign-in in Wimbledon war, musste es fix gehen. Ich rannte raus aus dem Flugzeug zur Passkontrolle, hetzte ohne Gepäck aus dem Airport zum Taxistand und hoffte, rechtzeitig anzukommen. Während der Fahrt rief ich einen mir bekannten deutschen Schiedsrichter an, der mich in Wimbledon in Empfang nehmen und für den freien Zutritt auf das Turniergelände sorgen sollte.“

Alles ging gut. Um 11.10 Uhr waren Moser/Guccione tatsächlich für das Turnier eingeschrieben und bereit für den Vergleich mit Schüttler und Becker. Der Krimi konnte beginnen. Moser schildert den Spielverlauf: „Wir haben den ersten Satz mit 7:6 gewonnen und auch im zweiten Durchgang sah es gut aus.“

Ich fiel mit einem lauten Schrei der Länge nach auf den Boden

Frank Moser über eine Szene im zweiten Satz

Allerdings musste der Körper nun dem Stress der vergangenen Tage Tribut zollen. Zwei Nächte hintereinander im Flugzeug, Erschöpfung, zu wenig Flüssigkeit und feste Nahrung, dazu das Training im heißen Houston in den Knochen – im Verlauf des zweiten Satzes stellten sich die ersten Krämpfe ein.

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Moser holt mit Partner den zweiten Satz

„Beim Stand von 5:4 und Breakpoint für uns geschah es. Ich wollte einen Stoppball erlaufen, bekam einen Krampf im Bein und fiel mit einem lauten Schrei der Länge nach auf den Boden. Im Fallen bekam ich den Ball gerade noch übers Netz. Schüttler und Becker haben einen vermeintlich leichten Schmetterball, sehen mich schreiend am Boden liegen – und verschlagen. Der zweite Satz ging an uns“, so Moser.

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Es folgte eine lange Unterbrechung. Die Ärzte untersuchten den angeschlagenen Akteur, während Guccione die Muskulatur des Partners dehnte. Doch das half nicht viel. Im dritten Satz konnte sich Moser vor Schmerzen kaum bewegen. Wenigstens der Aufschlag kam noch. Letztlich ging der dritte Satz mit 6:7 verloren. In diesem Moment war klar: „Eine Pause muss her.“

Schüttler war total sauer

Frank Moser über die Reaktion des Gegners

Diese ergab sich auch, wenn auch unfreiwillig. Da er während des Spiels „unglaublich viel“ trank, rebellierten Magen und Darm. Moser musste auf die Toilette. „Als ich nach einer zehnminütigen Unterbrechung zurück auf den Platz kam, war Schüttler total sauer“, so Moser.

„Egal. Wir schafften es, im Spiel zu bleiben, obwohl ich nun auch im anderen Bein Krämpfe hatte und ein weiteres Mal der Länge nach hinfiel. Ich hatte große Schmerzen, durfte aber nicht mehr behandelt werden.“

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Turnier-Aus in der zweiten Runde

Trotz aller Widrigkeiten, gewannen Moser/Guccione den vierten Satz mit 7:5 und damit das Match. Runde zwei war erreicht. Weiter ging es freilich nicht. Moser trat nach der vorangegangenen Tortur geschwächt gegen Lukasz Kubot/Oliver Marach an. Vergeblich kämpfte er nicht nur gegen die Konkurrenten, sondern auch gegen die Schmerzen. Nach der 1:3-Niederlage war Mosers Wimbledon-Auftritt beendet, was aber nichts daran ändert, dass der Fight gegen Schüttler/Becker ein spektakulärer Höhepunkt in der Karriere des bekennenden Baden-Badeners war.