Einer Seenlandschaft glich nach den heftigen Regenfällen im vergangenen Juni das Asphaltwerk in Bietigheim an der Bundesstraße 3.
Einer Seenlandschaft glich nach den heftigen Regenfällen im vergangenen Juni das Asphaltwerk in Bietigheim an der Bundesstraße 3. | Foto: Feuerwehr

Management von Starkregen

Für Sandsäcke bleibt keine Zeit mehr

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Keller unter Wasser, überflutete Unterführungen, Stromausfälle in kompletten Gemeinden und überschwemmte Straßen – das ist keine Beschreibung von Zuständen aus Süditalien oder Indien. Genau so sah es im Juni 2018 im Landkreis Rastatt aus, als ein sogenannter Starkregen niederging: Besonders getroffen hat es damals Muggensturm, Bischweier, Kuppenheim und die Rastatter Kernstadt.

„Wir sind in den vergangenen Jahren von solchen Ereignissen in besonderer Weise betroffen gewesen“, sagt Wolfgang Hennegriff, Leiter des Umweltamtes des Landkreises und erinnert an den Juni 2016, als das Gaggenauer Waldseebad in den Regenfluten versank und den großflächigen Starkregen vom Juni 2015, der neben dem Landkreis Rastatt auch den Landkreis Karlsruhe, den Enzkreis und den Kraichgau überschwemmte. Um die Folgen solcher heftigen Niederschläge künftig geringer zu halten, arbeitet der Landkreis derzeit an einem „Starkregenrisikomanagement“.

Hennegriff im Gespräch

Zwar ist das Phänomen „Starkregen“ rein meteorologisch zu erklären – nämlich durch horizontale oder vertikale Luftmassenbewegungen –, doch werde die Meteorologie durchaus vom Klimawandel beeinflusst. „Durch die Klimaerwärmung haben wir eine höhere Verdunstung und damit eine höhere Luftfeuchte, die irgendwo abregnen muss“, erklärt Umweltamtsleiter Hennegriff.

In letzter Zeit treten die Ereignisse schon gehäuft auf.

Hinzu komme, dass sich die Zuggeschwindigkeiten der Tiefdruckgebiete abschwächen – Regenfelder also viel langsamer weiterziehen als früher. Zwar habe es schon immer Starkregen gegeben, doch „in letzter Zeit treten die Ereignisse schon gehäuft auf. Auch wenn das statistisch schwierig zu belegen ist“. Wegen der zunehmenden Besiedlung und Verdichtung der Flächen merken die Menschen die Folgen des Regens aber auch stärker, weil das viele Wasser einfach nicht ungestört ablaufen kann.

Katastrophenalarm herrschte nach dem Starkregen im Oktober 1998 in Baden-Baden – hier der überflutete Klosterplatz.
Katastrophenalarm herrschte nach dem Starkregen im Oktober 1998 in Baden-Baden – hier der überflutete Klosterplatz. | Foto: Wagner

Davon kann etwa die Stadt Baden-Baden ein Lied singen, die es im Oktober 1998 heftig erwischte: Innerhalb kürzester Zeit fiel so viel Regen, dass Geroldsbach und Grobbach ihn nicht mehr aufnehmen konnten, Straßenzüge und Plätze verwandelten sich in Seen, der Orchestergraben im Festspielhaus wurde zu einem Wassergraben und die Tiefgarage des Kongresshauses lief voll – wo zu dem Zeitpunkt gerade eine Versammlung der Rückversicherer stattfand, deren Karossen schlicht absoffen.

Wir mussten Katastrophenalarm auslösen.

„Damals gab es einen Schaden von 50 Millionen Mark. Wir mussten nach ein paar Tagen sogar Katastrophenalarm auslösen“, erinnert sich Baden-Badens Stadtsprecher Roland Seiter.

Landkreis Rastatt sucht Lösungen

Genauso wie der Landkreis arbeitet die Kurstadt derzeit an einem Starkregenrisikomanagement, um genau solche Szenarien zu verhindern. Wobei die Herangehensweise des Landkreises Rastatt durchaus ungewöhnlich ist: „Wir sind der erste Landkreis in Baden-Württemberg, der das auf der gesamten Landkreisfläche macht. Eigentlich sind die Kommunen aufgefordert, sich zu kümmern“, so Hennegriff.

Management hat Pilotcharakter

Da gerade in kleineren Verwaltungen aber das Personal oder das Know-how fehle, hat das Landratsamt das Heft in die Hand genommen. „Insofern hat das Pilotcharakter.“ Was auch das Regierungspräsidium in Karlsruhe freut: „Wir hoffen, dass der Landkreis Rastatt eine gewisse Vorbildfunktion für andere Verwaltungen hat“, heißt es von dort.

Gefahrenkarte bietet Überblick

Derzeit steht das Projekt allerdings noch ganz am Anfang: Momentan werden mit neuen, sehr feinmaschigen Untersuchungsmethoden die Grundlagen ermittelt, um dann Gefahrenkarten zu erstellen. Sie sollen zeigen, wie und wie schnell heftige Niederschläge abfließen, wo sich Überschwemmungen bilden können und wie sich die Tiefen von Gewässern entwickeln. Dann folgt die Risikoanalyse, die klärt, ob Schulen, Kitas, Pflege- oder kulturelle Einrichtungen, Gewerbe und Industrie besonders betroffen sein könnten. Auch Hauseigentümer können dann erkennen, ob ihre vier Wände gefährdet sind.

Keinerlei Hindernisse mehr für Wasser.

Hennegriff weiß: „Wer das noch nie erlebt hat, kann es sich nur schwer vorstellen. Aber wenn das Wasser vom Hang herunterschießt und über die Terrasse in die Wohnung drückt, kann das bis zur Unbewohnbarkeit führen.“ Neben hangseitigen Terrassen seien Kellereingänge und -treppen sowie ebenerdige (Keller-)Fenster besondere Schwachstellen. „Hier sind auch die Architekten stärker gefragt: Wir haben den Konflikt, dass durch die Barrierefreiheit keinerlei Hindernisse mehr für Wasser bestehen.“

Nur noch braune Brühe enthielt das Becken des Waldseebads Gaggenau, nachdem es der Traischbach nach dem Starkregen vom Juni 2016 überflutet hatte.
Nur noch braune Brühe enthielt das Becken des Waldseebads Gaggenau, nachdem es der Traischbach nach dem Starkregen vom Juni 2016 überflutet hatte. | Foto: Kocher

Im Verlauf des nächsten Jahres sollen die Gefahrenkarten „für etliche“ Gemeinden vorliegen. Dann sind laut Umweltamtsleiter Hennegriff auch Informationsveranstaltungen für die Bürger geplant. Denn anders als beim klassischen Hochwasser gibt es bei Starkregen so gut wie keine Vorwarnzeiten. „Da hat man kaum Zeit, noch Sandsäcke zu füllen. Und wer sein Haus gut überprüft, braucht so was auch gar nicht.“

Auf Analyse folgt Handlung

Diesen Check sollten Hauseigentümer allerdings auf jeden Fall machen – denn auf die Risikoanalyse folgt das Handlungskonzept: Darin werden Prioritäten gesetzt. Und die werden klar auf den öffentlichen Belangen liegen, „bevor das Wasser von einem auf das andere Grundstück gepumpt wird“, wie Hennegriff deutlich macht.

Starkregen fordert Feuerwehren

Allein beim Starkregen im Juni 2018 sind die Feuerwehren mehr als 500 Einsätze gefahren – und haben dabei vornehmlich private Keller vom Wasser befreit. Denn Management hin, Management her – die Unsicherheit wird bleiben, betont Hennegriff: „Wir wissen am Ende nicht wann, nur dass es eines Tages passieren wird.“