„Breites Konjunkturpaket notwendig“: Claudia Peter, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Gaggenau, hat Sorge um viele Betriebe und ihre Arbeitsplätze.
„Breites Konjunkturpaket notwendig“: Claudia Peter, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Gaggenau, hat Sorge um viele Betriebe und ihre Arbeitsplätze. | Foto: pr

Corona-Krise in der Region

Gaggenauer IG-Metall-Bevollmächtigte: Beschäftigte machen sich große Sorgen um Arbeitsplatz

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Die Unsicherheit unter den Arbeitnehmern angesichts der aktuellen Situation vieler Firmen in der Corona-Krise ist sehr groß, weiß Claudia Peter, die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Gaggenau, aus zahlreichen Kontakten mit Betriebsräten und Gewerkschaftsmitgliedern.

Dabei ist die Lage uneinheitlich: Mehr als 17.000 Beschäftigte im Verwaltungsbereich sind in Kurzarbeit; zudem gibt es jetzt erste Kündigungen – auf der anderen Seite aber auch Betriebe, in denen es unverändert gut läuft, sagt Peter im Interview mit Redakteur Thomas Dorscheid.

Kurzarbeit in der Region und der Wiederanlauf bei mehreren Betrieben bedeutet Überstunden für die Betriebsräte und für die IG Metall – ist das richtig?

Claudia Peter: Es gab und gibt in den Betrieben tatsächlich viel zu regeln – erst die Kurzarbeit und in nicht tarifgebundenen Betrieben der Kampf um Aufzahlung. Und in den letzten Wochen dann die Arbeits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen. Die Beschäftigten haben unzählig viele Fragen, sind oft auch sehr verunsichert. Wer keine betriebliche Aufzahlungsregelung hat, kommt schnell in die Situation, den Alltag nicht mehr ordentlich bestreiten zu können.

Aber genau dafür sind wir als IG Metall und die Betriebsräte da: den Menschen die Fragen beantworten und sich auch ihre Ängste und Nöte in der aktuellen Situation anhören. Viele Themen sind klärbar, aber logischerweise nicht alle. Und die Ängste sind in vielen Fällen auch gar nicht zu nehmen. Das ist alles nicht so einfach, wenn weder die Betriebsräte noch wir uns mit den Beschäftigten treffen können.

Neben der sehr veränderten Kommunikation zwischen uns, den Betriebsräten und den Mitgliedern haben auch die Betriebsräte hier schnell agiert und digitale Möglichkeiten des schnellen Informationsaustauschs aufgebaut. Und diese doppelten Kommunikationskanäle von den Betriebsräten und uns konnten vieles auffangen.

Ein besonderes Lob gilt übrigens all den Betriebsräten, die in Betriebsruhe und Kurzarbeit trotzdem für die Beschäftigten da waren.

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Gibt es Zahlen, wie viele Beschäftigte aktuell im Zuständigkeitsbereich der IGM-Verwaltungsstelle in Kurzarbeit sind? Wie ist die Tendenz?

Es sind weiter über 17.000 Beschäftigte, die gerade kurz arbeiten. Auch wenn die Betriebe, die vier oder sechs Wochen runtergefahren waren, wieder angelaufen sind, bedeutet das nicht, dass der Betrieb dann komplett arbeitet. Es sind immer nur einzelne Schichten oder einzelne Bereiche, die gerade arbeiten können. Die Beschäftigten sind also weiterhin in Kurzarbeit. Und zwar weit über dem Ausmaß, wie wir es 2009 hatten. Aus jetziger Sicht wird die Kurzarbeit auch noch weiter notwendig sein.

Sind auch Firmen bekannt, die Beschäftigte in der aktuellen Krise entlassen haben oder dies jetzt tun wollen?

Obwohl mit Kurzarbeit viel abgefedert wird und in den meisten Betrieben damit die Beschäftigten gehalten werden, gibt es zwischenzeitlich in zwei Betrieben bereits Kündigungen. In einem Betrieb wird jedoch dazu noch verhandelt.

Manche Betriebe kommen bislang ohne Kurzarbeit aus

Gibt es größere Betriebe im Zuständigkeitsbereich, die weiterhin „normal“ produzieren, also nicht auf das Instrument Kurzarbeit zurückgreifen?

Ja, es gibt Betriebe, in denen es echt gut läuft. Fangen wir mit „unserem“ systemrelevanten Betrieb an: Mayr-Melnhof. Aber auch bei Siemens, im Protektorwerk Maisch oder Getinge – eher als Maquet bekannt – wurde durchgängig gearbeitet. Unter dem Dach des Getinge-Konzerns gibt es Medikomp. Sie stellen die derzeit notwendigen Herz-Lungen-Maschinen her. Diese Betriebe haben sehr schnell reagieren müssen, um die Abstands- und Hygiene-Maßnahmen umzusetzen – alles im laufenden Betrieb.

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Welches ist die Hauptsorge der Beschäftigten, die sich in der IGM-Geschäftsstelle melden?

Das hat sich in den letzten Wochen verändert. Während es ab Mitte März vorwiegend um Themen rund um die finanziellen Aspekte der Kurzarbeit und die besondere Situation der elsässischen Kolleginnen und Kollegen ging, sind es zwischenzeitlich große Sorgen um die Vereinbarkeit von Job und Kinderbetreuung, so lange Kitas und Schulen weitestgehend geschlossen sind.

Diejenigen, die im Homeoffice zuhause sind, kommen an ihre Belastungsgrenzen, wie zeitgleich die Kinder zu betreuen sind und auch noch der Job von zuhause aus bewältigt wird.

Wer wieder arbeiten kann, hat nun schon alles Mögliche ausgenutzt, um zuhause bleiben zu können: Stundenkonten, Urlaub, hat die Wahloption vom letzten Tarifergebnis genutzt – das gilt jedoch nur für einen Teil der Betriebe – und muss nun überlegen, wie das weiter organisiert werden kann. Die neue Regelung nach dem Infektionsschutzgesetz zu nutzen ist zwar gut, aber es gibt lediglich einen finanziellen Ausgleich von 67 Prozent. Und auch das nur, wenn beide Elternteile arbeiten gehen.

Nach nun zwei Monaten in dieser Situation kommen ganz aktuell große Sorgen um Sicherheit des Arbeitsplatzes dazu. Das ist keine unberechtigte Angst. Denn sie sehen ja, wie gering das Geschäft ist. Je länger das geht, desto problematischer wird das für den Betrieb. Da muss niemand Kaufmann sein, um das zu verstehen.

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Experten sprechen angesichts der Dimension der durch die Corona-Krise bedingten Auswirkungen von der „größten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg“ – ist das übertrieben?

Nein, überhaupt nicht. Das ist aus der Sicht auf die Betriebe in der Region absolut realistisch. Wie soll das funktionieren, wenn erst gar nicht und nach mehreren Wochen nur auf niedrigem Niveau produziert und gearbeitet wird? Es kommt zu wenig Geld in den Betrieb, um die laufenden Kosten zu decken. Deswegen sind auch die Ängste der Beschäftigten um ihre Zukunft so berechtigt.

Deswegen ist aus unserer Sicht auch ein breites Konjunkturpaket notwendig. Die Menschen konsumieren nur dann, wenn sie Perspektiven haben. Ohne Kaufkraft und Konsum gibt es kein Ankurbeln der Wirtschaft. Da denke ich nicht nur an Autos, sondern auch an andere Produkte oder auch den Dienstleistungsbereich und die Gastronomie. Eine Perspektive eines geplanten Hochfahrens von Wirtschaft und Gesellschaft ist notwendig. In ganz besonderem Maße gehören dazu auch die Einrichtungen für Kinder.

Das wird trotzdem kein „normales“ Leben sein. Sondern die Abstands- und Hygiene-Regeln gelten trotzdem weiter. Auch die gesellschaftliche Debatte über das Verhältnis von individuellen Freiheiten und kollektiven Einschränkungen ist notwendig. Dafür leben wir in einer Demokratie. Die soll auch in schwierigen Zeiten das von der Bevölkerung gewollte politische System sein.