Die Immobilien-AG GIEAG aus München ist eng mit Gaggenau verbunden: Das Haus in der Mitte gehörte der Wohnbau, deren Wohnungen 2011 übernommen wurden. Die Häuser links und rechts gehören zu der Anlage, die die GIEAG selbst gebaut hat; hier wohnt auch die Rentnerin. | Foto: Dorscheid

Überraschungscoup hat Erfolg

Gaggenauer Rentnerin zwingt Münchner Immobilien-AG in die Knie

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Vor Elisabeth Müller (Name wurde von der Redaktion geändert) liegt ein prall gefüllter Aktenordner auf dem Tisch. Es ist der Schriftverkehr, den die 81-jährige Rentnerin aus Gaggenau über viele Monate hinweg geführt hat. Überwiegend mit dem Bauträger in München, der Firma GIEAG, auf die sich ihre Kritik richtet. Genutzt haben die vielen Schreiben unter dem Strich wenig, doch dann hat die resolute Dame eine zündende Idee.

Im Oktober vergangenen Jahres erfährt die Witwe, dass die Führungsspitze der Firma GIEAG, die in Gaggenau durch die Übernahme der früheren Wohnbau-Wohnungen bekannt geworden ist, zu einem großen Fest mit geladenen Gästen ins Unimog-Museum bittet. Warum nicht persönlich bei der noblen Festgesellschaft vorsprechen, denkt sie sich. Der Überraschungscoup gelingt, sie hat Erfolg, zumindest zu einem großen Teil. Denn der Kampf ist noch nicht ganz beendet. Doch der Reihe nach.

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2018 hat sie die Wohnung gekauft

Im April 2018 kauft Elisabeth Müller von der GIEAG eine Eigentumswohnung in der Goethestraße, das eigene Haus in Sulzbach war spätestens nach dem Tod ihres Mannes für sie zu groß geworden. Jetzt zahlt sie als Kaufpreis 334.000 Euro an die Münchner für 86 Quadratmeter Wohnfläche plus Terrasse, schildert sie im BNN-Gespräch.

Die Nebenkosten kommen hinzu, etwa die Maklercourtage an die Volksbank Baden-Baden-Rastatt, die über ihre Immobilienabteilung actionade die Wohnungen vermarktet. Und zwar alle 22 Wohneinheiten, welche die GIEAG an der Ecke Goethe- und Michelbacher Straße gebaut hat. Hierfür hatten die Bayern ein Grundstück des Daimler-Parkplatzes gekauft. Von den 22 Wohnungen befinden sich 15 im größeren Baukörper direkt vorne an der Goethestraße und weitere sieben Einheiten in einem kleineren Gebäude, das etwas zurückversetzt steht.

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Die GIEAG ist deutschlandweit tätig

Die GIEAG ist kein kleiner in der Branche: Sie entwickelt Projekte, hält aber auch Immobilen im Bestand; die AG verantwortet laut eigener Internetdarstellung 33 Immobilienprojekte in ganz Deutschland mit Einzelinvestitionssummen bis zu 150 Millionen Euro. Rückblick: Bei einem Pressegespräch vor Ort im April 2015 – das Immobilienprojekt Goethestraße befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Rohbau und der öffentliche Proteststurm nach dem Kauf der Wohnbau-Wohnungen hat sich gelegt – lässt Philipp Pferschy als Vorstand der GIEAG durchblicken, wie wohl man sich in Gaggenau fühle. Er spricht damals mit Blick auf den Neubau Goethestraße von einer sehr guten Bauweise und gehobenen Ausstattung, zählt unter anderem Lift, Parkettböden und Fußbodenheizung auf.

Fußbodenheizung heizt immer

Genau diese Fußbodenheizung wird für Elisabeth Müller zum Problem. Die Anlage verrichtet durchaus ihren Dienst, allerdings wohl zu gut: Sie heizt immer, auch im Sommer bei 30 Grad und mehr, erzählt sie, die Heizung lässt sich nicht durch den Thermostat regulieren. Es beginnt ein zäher Schriftverkehr mit München um die Behebung des Mangels durch den Verkäufer. Unter dem Strich passiert nichts, Frau Müller fühlt sich abgewimmelt.

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Ohne Einladung zum noblen Fest

Bis sie erfährt, dass am Montag, 28. Oktober 2019, die GIEAG im Unimog-Museum die Jubiläumsfeier „50 Jahre Wohnbau Gaggenau“ ausrichtet. 50 Personen sind angekündigt, es gibt einen Sektempfang, Reden und Abendessen. Ein Gesangsduo ist da. Elisabeth Müller ist auch da, und zwar rechtzeitig vor dem Beginn. Ihr Anliegen wurde über viele Monate verschleppt, so empfindet sie es, und das will sie dem Vorstand jetzt mal persönlich sagen.

Ob sie denn eine Einladung habe, wird sie vor dem Festsaal gefragt; nein, hat sie nicht, sagt sie, erzählt dem Gegenüber aber, „dass ich fast 20 Briefe geschrieben habe, aber niemand hat sich um die Überprüfung meiner Heizung gekümmert“. Dies sei jetzt „nicht der richtige Moment“, wird ihr kühl entgegengehalten, man will sie wegschicken.

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Der „Überfall“ klappt

Sie kündigt dem Herrn schon mal an, dass sie im nächsten Schritt nach München fahren werde, da betritt Vorstand Philipp Pferschy mit einem Geschäftspartner die Szenerie. Von einem Zeitungsartikel weiß Elisabeth Müller, wie er aussieht; er begrüßt sie als vermeintlich geladenen Gast, sie aber findet schnell deutliche Worte zu ihrem persönlichen Anliegen („Mein Maß ist jetzt voll“). Er habe daraufhin nichts mehr gesagt, sei dann zu der Feier gegangen, erinnert sich Müller an die Begegnung.

Tags darauf klingelt’s

Die Überraschung tags darauf: Ein Mitarbeiter aus der technischen Leitung der GIEAG klingelt an ihrer Wohnungstür, verspricht baldige Abhilfe. Und tatsächlich: Wiederum nur einen Tag später kommt ein Techniker und nimmt sich die Fußbodenheizung vor. Dass sich dies nicht einfach gestaltet und noch eine weitere Firma eingeschaltet wird – letztlich unerheblich. Inzwischen funktioniert die Anlage tadellos.

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Pferschy: „Das freut mich“

GIEAG-Vorstand Philipp Pferschy bestätigt auf BNN-Nachfrage den Sachverhalt im Kern und erinnert sich auch an die Begegnung mit der älteren Dame im Unimog-Museum. „Der Mangel in der Einheit ist ja inzwischen beseitigt, das freut mich.“ Warum seine Firma nicht früher reagiert habe? In seinem Haus seien vier oder fünf Mitarbeiter mit dem Anliegen der Klientin befasst gewesen, sagt er, Einzelheiten hierzu kenne er aber nicht.

Kampf geht noch weiter

Der Kampf ist noch nicht zu Ende. Müller hat wegen erhöhten Verbrauchs eine Heizkostennachforderung des Hausverwalters über 885 Euro erhalten, die sie laut Amtsgericht Rastatt an die Wohneigentümergemeinschaft zahlen muss. Frau Müller wird an Herrn Pferschy wieder einen Brief schreiben.