Die Reinigung von Abwasser wird immer aufwendiger. In der Gemeinschaftskläranlage Baden-Baden/Sinzheim soll deshalb eine vierte Reinigungsstufe eingebaut werden. Dabei spielt Aktivkohle eine wesentliche Rolle. In der Kläranlage kommt das Schmutzwasser von rund 80 000 Einwohnern an.
Die Reinigung von Abwasser wird immer aufwendiger. In der Gemeinschaftskläranlage Baden-Baden/Sinzheim soll deshalb eine vierte Reinigungsstufe eingebaut werden. Dabei spielt Aktivkohle eine wesentliche Rolle. In der Kläranlage kommt das Schmutzwasser von rund 80 000 Einwohnern an. | Foto: Kamleitner

Gebühren steigen

Gemeinschaftskläranlage in Baden-Baden bekommt weitere Reinigungsstufe

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Die Bürger von Baden-Baden und Sinzheim müssen sich auf höhere Abwassergebühren einstellen. Hintergrund ist der geplante Einbau einer vierten Reinigungsstufe in der Gemeinschaftskläranlage Baden-Baden/Sinzheim mit einem Investitionsvolumen von 20 Millionen Euro. Das könnte nach Einschätzung von Bernhard Schäfer, Technischer Geschäftsführer des Eigenbetriebs Umwelttechnik der Stadt, zu einer Erhöhung der Abwassergebühr von 40 bis 60 Cent pro Kubikmeter bedeuten. Derzeit liegt der Satz bei 2,79 Euro pro Kubikmeter.

In seiner Sitzung am Montag soll der Gemeinderat das Vorhaben beschließen. Läuft alles nach Plan, soll der Bau noch in diesem Jahr beginnen. Einen entsprechenden Grundsatzbeschluss fassten die Kommunalpolitiker schon im Oktober 2017. Einen Zuschuss von vier Millionen Euro hat das Regierungspräsidium Karlsruhe bereits zugesagt. Weitere vier Millionen Euro könnten als Förderung fließen, wenn das Projekt von Baden-Baden und Sinzheim als besonders innovativ eingestuft wird.

Pilotanlage

Darauf bauen die Kläranlagenbetreiber, weil sie die für die vierte Reinigungsstufe erforderliche Aktivkohle selbst produzieren – in einer weltweiten Pilotanlage. Die ist bereits in Betrieb, wie die BNN ausführlich berichteten. „Kohle ist der Superfood der Abwasserwirtschaft“, erläutert Schäfer. Die Aktivkohle kann unerwünschte Spurenstoffe wie Hormone oder Arzneimittelrückstände, die der Mensch hinterlässt, aus dem Abwasser herausfiltern.

Deutlich günstigerer ökologischer Fußabdruck.

Bislang wird sie vor allem in Asien und Südafrika hergestellt – auch in Kinderarbeit. In der Gemeinschaftskläranlage wird sie nun aus Rückständen aus der Grünabfallentsorgung vor Ort produziert – mit einem „deutlich günstigeren ökologischen Fußabdruck“, wie Schäfer betont. Sie hat einen weiteren angenehmen Nebeneffekt: Die Herstellungskosten liegen wesentlich unter dem Preis der importierten Aktivkohle.

In einer Pilotanlage wird Aktivkohle auf dem Areal der Gemeinschaftskläranlage produziert. Bernhard Schäfer ist mit den ersten Ergebnissen sehr zufrieden.
In einer Pilotanlage wird Aktivkohle auf dem Areal der Gemeinschaftskläranlage produziert. Bernhard Schäfer ist mit den ersten Ergebnissen sehr zufrieden. | Foto: Kamleitner

Der Testlauf der Anlage, der Aufschluss über die Qualität der Substanz geben soll, ist aus Schäfers Sicht vielversprechend. Die Aktivkohle soll dann direkt in die sogenannten Belebungsbecken mit dem Abwasser gegeben werden, um die unerwünschten Spurenstoffe zu binden.

Fläche für Bakterien

Über den Schlammabzug gelangen die Aktivkohlepartikel in die Faultürme. Dort bieten sie für Bakterien eine zusätzliche Ansiedlungsfläche. Dadurch soll die biologische Abbauleistung und damit auch die Biograsproduktion zunehmen.

Mehr Wirkung für Gemeinschaftskläranlage

Eine weitere Reinigungsstufe mit einem Filter mit Aktivkohlegranulat soll den Wirkungsgrad erhöhen. Mit dieser zusätzlichen Filterstufe sei man auch für weitere Grenzwertverschärfungen des Gesetzgebers gewappnet, erläutert Experte Schäfer. Das Granulat könne aus Oliven und Obstkernen erzeugt werden. Auch im Wasserwerk nicht mehr nutzbare Aktivkohle könne bei der Abwasserbehandlung noch eingesetzt werden. Selbst produziertes Granulat verlängere zudem die Filterlaufzeit, was unter dem Strich die Wirtschaftlichkeit positiv beeinflusse.

Eine herkömmliche Kläranlage besitzt drei Reinigungsstufen. Die erste Abwasserreinigung ist die mechanische: Grober Unrat wie Papier oder Dosen werden entfernt. Danach folgt die biologische Abwasserreinigung: Kleinstlebewesen nehmen gelöste organische Abwasserstoffe als Nahrung auf. So werden biologisch abbaubare Stoffe eliminiert. Die ersten beiden Stufen schaffen nach Angaben des Bundesumweltministeriums eine Reinigungsleistung von etwa 90 Prozent.
In der dritten (chemischen) Stufe werden etwa Stickstoff und Phosphor entfernt. In der vierten Reinigungsstufe geht es um sogenannte Mikroschadstoffe – vom Menschen erzeugte Chemikalien wie Medikamentenreste, Hormone, Desinfektionsmittel, Duftstoffe in Reinigungsmitteln oder Weichmacher in Plastik.

Kommentar
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Überfällig

Die Kommunen müssen ihre Kläranlagen mit hohen Kosten nachrüsten. Betroffen ist auch die Gemeinschaftskläranlage Baden-Baden/Sinzheim. Trotz bereits aufwendiger Abwasserbehandlung gelangen immer noch Spurenstoffe in die Umwelt, die der Mensch verursacht. Insbesondere in trockenen Sommern fließt im Oos-Sandbach-Kanal vor allem (gereinigtes) Abwasser.

Bedrohung für Fische

Weil es aber immer noch Rückstände aus Medikamenten, Hormonen und Haushaltschemikalien enthält, drohen Fische und Kleinlebewesen zu verweiblichen. Mit verheerenden Folgen für die Umwelt: Irgendwann sind die Fische und Kleinlebewesen nicht mehr fortpflanzungsfähig.

Innovativ

Die Ausstattung von Kläranlagen mit einer vierten Reinigungsstufe ist daher überfällig. Auch in Baden-Baden und Sinzheim werden die Bürger nach Abschluss der Maßnahme wohl höhere Abwassergebühren entrichten müssen. Im Gegenzug ist der Kläranlagenbetreiber aber innovativ, etwa mit der Produktion von Aktivkohle in einer Pilotanlage vor Ort. Ohne dieses Verfahren müsste teurere Aktivkohle importiert werden.

Keine Neuheit

Jeder Bürger kann zudem den Aufwand für die Abwasserreinigung minimieren: Arzneimittel gehören auf keinen Fall in der Toilette entsorgt, sondern bei der Schadstoffsammlung. Auch Essens- und Speisereste haben im Abwasser nichts verloren – neu ist das aber nicht!