Beobachtet die Menschen ganz genau: Der Kabarettist Gerhard Polt auf die Bühnen der Region.
Beobachtet die Menschen ganz genau: Der Kabarettist Gerhard Polt auf die Bühnen der Region. | Foto: Fabry

Im BNN-Interview

Gerhard Polt: „Ein Kabarettist kann auch Ratlosigkeit auslösen“

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Ganz so häufig wie früher steht er nicht mehr auf der Bühne, aber es bereitet ihm noch immer großen Spaß. Seine Fans können den mit Gerhard Polt am Sonntag, 24. März, 19.30 Uhr, im Rantastic in Baden-Baden-Haueneberstein, sowie am Dienstag, 26. März, 20 Uhr, im Congress Centrum in Pforzheim haben. Mit dabei sind seine treuen Begleiter – die Well-Brüder aus’m Biermoos, früher als Biermösl Blosn bekannt. Mit dem vielfach ausgezeichneten bayrischen Kabarettisten sprach BNN-Redakteur Bernd Kamleitner.

Werden Sie nach Ihrem Auftritt in Haueneberstein dem Casino einen Besuch abstatten und vielleicht Ihre Gage oder einen Teil in der Spielbank investieren?

Polt: Ich glaube eher nicht! (lacht). Aber ich kenne Baden-Baden schon, ein wunderschöner Ort, klimatisch und in vielerlei Hinsicht ein – wie sagt man so schön: ein gebenedeiter Ort. Auch das Museum Frieder Burda habe ich schon besucht: sehr schön!

Der ganze Raum ist gebenedeit.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie im Badischen oder in Stuttgart auf die Welt gekommen wären?

Polt: Bei Stuttgart weiß ich es nicht. Aber Baden hätte schon sein können. Meine Mutter ist in Freiburg geboren. Und ein entfernter Onkel war der erste Verleger vom Karl May in Freiburg. Ich kann es nur nochmal sagen: Der ganze Raum ist gebenedeit: wunderbares Klima, wunderbarer Wein und sehr gutes Essen. Keine schlechte Ecke!

Sie beobachten die Menschen sehr genau. Ist das, was Sie im Badischen erleben, künftig Bestandteil Ihres Bühnenprogramms, oder ist das Erlebnissen mit Landsleuten aus Bayern vorbehalten?

Polt: Nein! Wenn ich etwas höre oder mir ein Mensch etwas erzählt und ich glaube, es hat etwas Symptomatisches, einen Gedankengang oder ein Verhaltensmuster, dann ist es mir wurscht, ob der Mensch Italiener, Bayer oder Friese ist. Dann ist es ein Ausdruck eines Menschen, der mir auffällt. Wenn ich den als komisch oder bemerkenswert sehe, dann kann das schon ins Programm einfließen. Das passt dann scho!

Man darf sich nichts vormachen.

Sie sind ein Meister der feinen Ironie. Wie reagieren Sie auf der Bühne, wenn Sie den Eindruck haben, nicht jeder im Publikum hat das verstanden, was Sie gerade gesagt haben?

Polt: Ich habe mal gelesen und es scheint so zu sein: Da wurde nach der Rangordnung der Fähigkeiten der Menschen gefragt. Also haptische, räumliche, geometrische, musikalische, mathematische Begabungen, sprachliche und so weiter. Die Ironie, das fand ich ganz interessant, die stand ganz unten (lacht). Wenn man so was macht wie ich, darf man sich nichts vormachen: Da kann man unter Umständen auch Ratlosigkeit auslösen.

Wie hilfreich ist der bayrische Dialekt für den Kabarettisten Polt?

Polt: Das Bayrisches hat etwas, was es von den anderen Dialekten unterscheidet: den Irrealis. Der ist sonst nicht so stark ausgeprägt. Also: Es hätte so sein können oder wäre das auch so geworden, dann hätte es passiert sein können, dass … und so weiter. Dieses „wäre gewesen“ oder „das hätte sein können“, das spielt schon eine Rolle, warum das Wahrnehmen oder der Versuch, sich zu orientieren, und das Erfassen der Realität mit der Sprache etwas Eigenartiges kriegt.

Inzwischen gibt es unzählige Comedians. Würden Sie sich dazu zählen oder eher abgrenzen?

Polt: Nein, als Comedian würde ich mich nicht bezeichnen. Der Begriff ist erst vor so etwa 30 Jahren aufgekommen. Historisch betrachtet waren im deutschsprachigen Raum die ersten Kabarettisten Leute, die relativ intellektuell waren und ihr Programm wiederum für Intellektuelle gemacht haben. Die ersten Großen, die es im großstädtischen Bereich wie Berlin, Wien, München gab, das waren damals nicht viele.

Die fühlten sich speziell der Politik verpflichtet.

Polt: Ich habe noch den Werner Finck persönlich kennengelernt, einen der großen Kabarettisten in der Weimarer Zeit. Der war Kabarettist, so wie es auch Dieter Hildebrandt war. Die fühlten sich speziell der Politik verpflichtet, und zwar der aktuellen Politik. Dann gab es auch eher literarische Kabarettisten, wie den gerade verstorbenen Werner Schneider. Der hat auch schon Aktualität verarbeitet, aber auch Akutes. Damit meine ich das, was in der Gesellschaft vorgeht, was sie umtreibt. Da kann man sich in etwa ausmalen, was für Politiker man kriegt.

Wie bilden Sie sich Ihre Meinung?

Polt: Ich bin ein hartgesottener Zeitungsleser. Ich lese die Süddeutsche Zeitung, mein Lokalblatt Miesbacher Merkur und habe den „Economist“ abonniert, eine englische Wochenzeitung, die noch älter ist als „Der Spiegel“. Ich schau’ mir auch häufig Nachrichtensender wie BBC World an.

Wäre es nicht naheliegend gewesen, selbst in die Politik zu gehen?

Polt: Niemals! Dazu muss man geboren sein und man muss es wollen. Man müsste eine Überzeugung von sich selbst haben, dass man die Welt oder irgendwas verbessert. Das geht mir ab. Dieses Heischen nach Gunst habe ich ebenfalls nicht. Politiker müssen Hände schütteln, sich ständig profilieren und auch in ihrer eigenen Partei versuchen, andere auszustechen. Ich will das alles gar nicht schmälern, aber es is halt so! Zu bestimmten Berufen muss man eine Affinität haben.

Die Erfahrungswelt der Menschen ist heute eine krass andere.

Sie sind älter geworden. Verändert sich das Publikum ebenfalls?

Polt: Die Veränderung ist gewaltig! Zum Teil durch die Neuen Medien. Man selbst ändert sich auch, wobei man wahrscheinlich die eigene Veränderung am wenigsten richtig einschätzen kann. Wenn ich durch meinen Ort gehe, sehe ich junge Menschen von 17 oder 18 Jahren von Leuten, die ich kenne. Die waren schon in Australien, Laos oder sonst wo. Orte, in denen ich noch nie war oder auch nie hinfahren werde. Die Erfahrungswelt der Menschen ist heute eine krass andere als die, die ich in meiner Jugendzeit hatte. Wenn man wie ich jetzt 77 Jahre alt ist, ist das, was man erfährt und wie man es erfährt, schon sehr anders. Das einzige, worauf man bauen kann, ist, dass es etwas Urmenschliches gibt, das bleibt und unveränderlich ist. Im Zwischenmenschlichen Bereich gibt es Dinge, die eine ziemliche Konstante sind.

Muss ein Kabarettist wie Sie in sozialen Netzwerken unterwegs sein?

Polt: Nein, da bin ich kaum unterwegs.

Aber man kann sich immerhin per Mail jede Woche ein Video von Ihnen zusenden lassen …

Polt: Das hat mein Sohn für mich eingerichtet. Wenn des einer will, freilich, man kann das machen! (lacht)

Sie sind mit unzähligen Preisen gewürdigt worden. Ragt einer heraus?

Polt: Ich habe einmal gesagt: Unerbittlich suchen sich die Preise ihren Träger.

Wir haben eine Sprachkultur über Ländergrenzen hinaus.

Salzburger Stier – Ehrenpreis für Ihr Lebenswerk, das tut doch gut, oder?

Polt: Das ist ein Preis, den ich gerne annehmen kann. Ich kann mich noch gut erinnern an die ursprüngliche Idee, die der „Stier“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz, also im deutschsprachigen Raum sollte: Wir haben eine Sprache und damit eine Sprachkultur – die geht über die Ländergrenzen hinaus. Das finde ich spannend!

Worüber können Sie lachen?

Polt: Wenn es ein guter Witz ist, dann werde ich wahrscheinlich auch lachen (lacht). Ich bin aber nicht viel unterwegs, um etwa Kollegen anzuschauen. Meistens schaue ich mir das, was mich interessiert, im Fernsehen an, oder ich gehe in München in das Theater TamS oder zur Lach- und Schießgesellschaft.

Als absoluter Dilettant bin ich da mit eingestiegen, einfach zur Gaudi.

Sie standen 1974 erstmals auf der Bühne, weil Sie für Jochen Busse einspringen mussten …

Polt: Ja, das war so. Mein Nachbar, Christian Müller, und seine Begleiterin, die Gisela Schneeberger, machten damals in dem kleinen Theater „Die kleine Freiheit“ in München. Da sollte der Busse mitmachen – und kam nicht. Ich war sehr verblüfft, dass sie mich gefragt haben. Als absoluter Dilettant bin ich da mit eingestiegen, einfach zur Gaudi. Der Erfolg hat mich selber überrascht und überrumpelt. Wie es im Leben halt so is: Es gibt eine Reihe von Zufällen. So hat es sich immer mehr verdichtet und bis ich richtig g’schaut hab’, hab’ ich den Kleinkunstpreis der Stadt München bekommen – mit Bargeld! Das hat mich bestärkt und i hab’ weiter g’macht.

Haben Sie noch einen Traum?

Polt: Ich kann mir vorstellen, dass ich noch einmal die Möglichkeit bekomme, in den Münchner Kammerspielen eine Revue zu machen. Das würde mich reizen. Wenn ich gesundheitlich gut beinander bin, werde ich das noch einmal versuchen. Diese Bühne ist wunderschön und ä bisserl meine Heimat. Da muss ich mir überlegen, was ich glaube, da loswerden zu wollen – und wie.