Majestätischer Anblick: Beim Tandemflug hoch über Baden-Baden offenbart sich die wahre Schönheit der Kurstadt, die sich an die sanften Erhebungen des Schwarzwaldes anschmiegt. | Foto: Kadalla

Auge in Auge mit dem Bussard

Gleitschirmflieger schwingen sich vom Merkur in die Lüfte

Anzeige

Mit einem lauten Rascheln baut sich der blaue Gleitschirm plötzlich im Wind auf – dann herrscht wieder Ruhe auf dem Merkur. Hoch oben über den Dächern Baden-Badens macht sich ein Flieger auf dem West-Startplatz bereit zum Start.

Als der Schirm mit den vielen bunten Schnüren dann über ihm steht, ist nach einem Kontrollblick zum Schirm alles nur noch eine Frage von Sekunden. Drei, nicht mal vier Schritte saust er den grünen Hang hinunter, ehe er den Boden unter den Füßen verliert und anscheinend schwerelos dahingleitet – ins Blaue, Richtung Rhein – Stille.

Mit Rückenwind ins Blaue

Für einen kurzen Augenblick schauen die Schaulustigen bedächtig dem kleiner werdenden Gespann hinterher. Schließlich beginnen wieder die Gespräche und die Menge hinter dem Startplatz verläuft sich.

„Schöner Westwind“ am Baden-Badener Merkur

„Heute herrschen eigentlich perfekte Bedingungen“, sagt Marc Kadalla. Und Susanne Herold ergänzt: „Wir haben schönen Westwind und die Thermik baut sich auf.“ Beide gehören zu den Schwarzwaldgeiern – dem Gleitschirmverein Baden. Mit ungefähr 300 Mitgliedern sind die Schwarzwaldgeier einer der größten Fliegervereine in Deutschland. Der Verein kümmert sich unter anderem um den Erhalt und die Pflege des Fluggebietes am Merkur.

Während der 38-Jährige erklärt, dass der Baden-Badener Hausberg mit den Fluggeländen West und Nordost die beiden wichtigsten Windrichtungen abdeckt, beobachtet Herold den gestarteten Piloten. „Er achtert vor dem Berg. Das heißt, er fliegt Schleifen in Form einer Acht, um eine Thermik zu finden“, erklärt sie, den Blick hinter der Sonnenbrille weiter fest auf den Flieger geheftet.

Piloten halten nach offenen Flächen am Boden Ausschau

Die Thermik ist eine Form des Aufwindes, die durch die von der Sonne erhitzte Erdoberfläche entsteht. Deshalb halten die Piloten auch nach offenen Flächen am Boden Ausschau. „In Waldgebieten kann sich die Luft nicht so schnell erwärmen“, meint Kadalla. Haben die Gleitschirmflieger eine Thermik entdeckt, dann beginnen sie zu kreisen. „Damit versuchen die Piloten, im Thermikschlauch zu bleiben“, erklärt sie.

In so einem Thermikschlauch herrscht kontinuierlicher Nachschub von erwärmter Luft am Boden. Der Gleitschirmflieger steigt also konstant mit der warmen Luft nach oben. Die Piloten achten aber auch auf Wolken, andere Piloten und vor allem Vögel, die ebenfalls zu kreisen beginnen, wenn sie eine Thermik gefunden haben.

Ein Hausbart ist eine regelmäßig,
an gleicher Stelle auftretende Thermik

Außerdem gibt es „Hausbärte“. „Das ist eine regelmäßige, an gleicher Stelle auftretende lokale Thermik“, erläutert Herold. Am Merkur seien die Hausbärte aber nicht ganz so stabil wie in den Alpen. Gerade ist die Thermik aber nicht ganz so berauschend, meint die 42-Jährige mit Blick auf einen Gleitschirmpiloten vor dem Merkur, der zu kreisen beginnt und ganz langsam aufsteigt. Etwa 0,5 Meter pro Sekunde steigt er, meint sie. „Schnell sind beispielsweise sechs bis acht Meter pro Sekunde“, ergänzt Kadalla.

Die Talstation ist nur ein paar Minuten vom Landeplatz entfernt

Baden-Badens rund 670 Meter hohe Hausberg ist sehr beliebt unter den Gleitschirmfliegern. „Viele kommen sogar aus dem Frankfurter Raum hierher“, erzählt Kadalla, der auch Tandemflüge anbietet. Schon auf dem Weg nach oben in der Merkurbahn sind einige Piloten an Bord – erkennbar an den großen Rucksäcken und dem Fachsimpeln mit den anderen. „Die Bahn ist schon sehr komfortabel“, meint Kadalla.  Vom Merkur zeigt er auf eine Wiese. Das ist der Landeplatz. „Von dort bist du schnell wieder an der Talstation.“ Wenn die Piloten keine Thermik finden, haben sie in sieben bis acht Minuten wieder festen Boden unter den Füßen. Danach geht es dann wieder von vorne los.

Manche nutzen auch den Hangaufwind

Natürlich können Flieger auch den Hangaufwind nutzen. Denn trifft Wind auf einen Hügel, dann muss die Luft nach oben ausweichen. Dieser umgelenkte Wind bildet den Hangauftrieb. „Das heißt in der Fachsprache soaren“, erläutert Kadalla. Das werde mit der Zeit aber ganz schön langweilig, weil der Flieger die ganze Zeit über dem Berg bleiben.

„Das Ziel der meisten Piloten ist aber, so weit wie möglich wegzukommen“, sagt Kadalla. Dabei peilen die Gleitschirmflieger vom Merkur etwa Freiburg an und fliegen entlang der B500. Manche fliegen aber auch nach Heilbronn oder sogar weiter. Dafür müssen die Piloten so hoch wie möglich steigen. Ganz nach Kadallas Motto: „Wer höher fliegt, kann weiter sehen“.

Das Ziel heißt schon mal Freiburg oder Heilbronn

Die Basis für solche Streckenflüge sei etwa bei 2 500 Höhenmetern. Sind die Piloten erst mal so hoch gestiegen, dann fliegen sie weiter und suchen die nächste Thermik, um dann wieder an Höhe zu gewinnen. „Je nach Bedingungen fliegt man in zweieinhalb oder halt in vier Stunden nach Freiburg“, sagt der 38-Jährige. Dabei sei es wichtig, dass der Flieger stets einen Plan B in der Tasche habe. „Dazu gehört dann beispielsweise, dass du dann an einer Stelle landest, wo ein Bahnhof in der Nähe ist“, meint Kadalla lachend.

Ausrüstung der Gleitschirmflieger ist relativ leicht

Beide Schwarzwaldgeier schätzen die Freiheit beim Gleitschirmfliegen. „Es gibt nichts Schöneres, als die Welt von oben zu betrachten“, sagt Herold. Sie schätzt besonders an ihrem Hobby, dass das Gleitschirmfliegen überall möglich ist. Die gesamte Ausrüstung ist relativ leicht und wiegt knapp 17 Kilogramm. „Die bekommt man überall hin und vor allem hoch.“ Für Kadalla ist es schon etwas Außergewöhnliches, beim Fliegen beispielsweise einem Bussard in die Augen zu schauen. Zumal das Gleitschirmfliegen die einfachste Art zu fliegen sei – nur mit Sonne und Wind.

In diesem Sommer sind die Bedingungen nicht perfekt

Obwohl dieser Sommer trocken und heiß ist, waren die Bedingungen für die Gleitschirmflieger nicht ganz so perfekt, wie man meinen könne. „Es gab tolle Tage zum Fliegen wegen der stabilen Hochdrucklage“, meint Kadalla. Allerdings konnten die Piloten wegen der Nordost- beziehungsweise teilweise Nordlage nicht fliegen. Herold hat auch dieses Mal ihre Ausrüstung mit auf den Merkur genommen. Ob sie heute wohl auch noch fliegen wird? „Erst mal nicht“, antwortet sie und zeigt Richtung Südosten. „Dort braut sich eine Gewitterwolke zusammen“, sagt sie. Da geht dann zunächst niemand in die Luft.