Eine Hochwassergefahrenkarte gibt es zwischenzeitlich auch für Baden-Baden. Sie ist für jedermann auf der Internetseite der Hochwasservorhersagezentrale abrufbar. Alles was blau ist, wäre bei einem Extremhochwasser überflutet. | Foto: Bernd Kappler

Gefahrenkarten liegen vor

Hochwasser latente Gefahr für Baden-Baden

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Hochwasser ist und bleibt für Baden-Baden eine latente Gefahr, insbesondere für die direkten Anlieger der Oos, aber auch für die „Flachländler“ im Westen der Stadt. Dies geht aus den vom Land veröffentlichten Hochwassergefahrenkarten hervor, die seit etlichen Jahren aufgestellt werden und jetzt auch für den Bereich der Oos vorliegen. Auf der Internetseite der Hochwasserschutzzentrale sind sie unter www.hvz.baden-wuerttemberg.de für jedermann abrufbar.

Von extremem Hochwasser 6.000 Menschen bedroht

Auf den detaillierten Karten ist ablesbar, bei welchen Hochwasserständen – also bei einem 20-, 50- oder 100-jährliches Hochwasser – welche Bereiche unter Wasser stehen könnten. Auch für ein Extremhochwasser, das über einem 100-jährlichen Hochwasserereignis liegt, gibt es Darstellungen.
In diesem Extremfall, so die Gefahrenkarte für die Oos, wären dann rund 6 000 Menschen, also über zehn Prozent der Gesamtbevölkerung direkt von Überflutungen betroffen. 1 100 müssten sogar mit Wassertiefen von 0,5 bis zwei Meter rechnen.
Annika Mengler, bei der Stadtverwaltung für die Planung von Hochwasserschutzmaßnahmen zuständig, begrüßt ausdrücklich, dass die Hochwassergefahrenkarten seit einigen Wochen für Jedermann einsehbar seien. Denn bei extremen Hochwasserereignissen reiche es nicht aus, dass die Feuerwehr Sandsäcke an neuralgischen Stellen auslege.

In Lichtental helfen im Extremfall nur mobile Wände, die bei Bedarf aufgebaut werden müssen. | Foto: Christiane Krause-Dimmock

Sind Fenster und Türen im möglichen Überflutungsbereich dicht, braucht man mobile Hochwasserschutzeinrichtungen? – Das seien alles Fragen, die in Selbstverantwortung vom Hauseigentümer zu klären seien.

Schwachstellenanalyse

Die Stadt selbst hat nach dem Katastrophenhochwasser von 1998 eine Schwachstellenanalyse machen lassen und arbeite seither Punkt für Punkt ab, erklärt Annika Mengler. Manches brauche länger, nämlich zum Beispiel dann, wenn Fördergelder beantragt werden können. Die nächste Maßnahme wird der Bereich Holzhofbrücke und Übelsbach in Lichtental sein. Dort ist im Moment der unter der jetzigen Brücke in den Grobbach einmündende Übelsbach das Problem. Kommt es zum Rückstau, sind die unterhalb liegenden Häuser in der Geroldsauer Straße bedroht. Annika Mengler: „Wir gehen davon aus, dass diese Maßnahme zusammen mit Veränderungen am Übelsbach eine ganze Menge bringen wird.“

Mittlere Marken
Der Pegel an der Oos, der vom Regierungspräsidium Karlsruhe betrieben wird, befindet sich in Höhe des Aumattstadions. Der niedrigste Wasserstand in den vergangenen drei Jahrzehnten ist dort am 27. August 2003 mit 16 Zentimeter gemessen worden
Der Mittelwert der Wasserstände beträgt im Übrigen 47 Zentimeter und der Mittelwert der niedrigsten jährlichen Wasserstände 22 Zentimeter.

Handlungsbedarf sieht die Mitarbeiterin des Fachbereichs Tiefbau auch an der Einmündung des Heimbachs in die Oos. Auch dort müsse an der Verdolung etwas geändert werden, damit Rückstauungen vermieden werden. Dieses Projekt sei noch in der Planung, ebenso wie Veränderungen am „Wannenacker“ in Geroldsau.

Hochwasser bedroht die Anwohner. Hier die Situation im Juni 2013 ab Grobbach in Geroldsau. | Foto: Bernd Kappler

An einigen Stellen lässt sich baulich nichts verändern, so zum Beispiel am Kloster in Lichtental, beziehungsweise im unteren Bereich der Geroldsauer Straße. Hier könnten im Extremfall nur mobile Schutzwände den Schaden minimieren.
Grundsätzlich gilt, dass in den zwischenzeitlich definierten Überflutungsbereichen nicht mehr etwas Neues gebaut werden darf.

Schutzkonzept liegt vor

Der Bericht des Landes erwähnt , dass mit dem HW-Schutzkonzept für die Oos und den Grobbach einschließlich der Nebengewässer und dem HW-Schutzkonzept für die Oos und den Ooskanal zwei Konzepte zum technischen Hochwasserschutz vorlägen. Die Stadt Baden-Baden verfüge außerdem über eine Notfallplanung für die Trinkwasserversorgung und es bestehe eine hochwassersichere Ersatzversorgung.

Die Holzhofbrücke ist ein Schwachpunkt im Hochwasserschutz. Sie wird jetzt erneuert. | Foto: Michael Rudolphi

Gleichwohl gelte es auch in der Stadt Baden-Baden, noch verschiedene Maßnahmen in kommunaler Zuständigkeit aus dem landeseinheitlichen Maßnahmenkatalog umzusetzen
Wie den Gefahrenkarten und den Erläuterungen dazu zu entnehmen ist, wären bei einem Extrem-Hochwasser, dem so genannten HQ-extrem, 844 Hektar Fläche im Stadtgebiet überflutet. Der größte Teil im Westen der Stadt. Über die Hälfte davon, nämlich 441 Hektar, sind landwirtschaftliche Flächen. Aber auch 57 Hektar Siedlungsfläche, 58 Hektar Gewerbe- und Industrieflächen und 59 Hektar Verkehrsflächen.
22 Hektar Gewerbe- und Industrieflächen und 14 Hektar Siedlungsfläche stünden im Extremfall zwischen einen halben und zwei Meter tief unter Wasser, so die Prognose in den Gefahrenkarten.

Historische Marken
In den vergangenen 30 Jahren waren am Pegel der Oos mehrfach außergewöhnliche Wasserstände zu verzeichnen. So beim Rekord in diesem Zeitraum am 29. Oktober 1998. Pegelstand damals: 2,92 Meter. Also deutlich mehr als ein 100-jährliches Hochwasser, das mit 2,63 Meter berechnet ist. 2,20 Meter waren es am 29. Dezember 2001, 2,07 Meter am 13. Januar 2004 und 1,98 Meter am 1. Juni 2013.
Als 50-jährlicher Hochwasserstand gilt 2,42 Meter, als 20-jährlicher 2,12 Meter und als zehnjährlicher 1,90 Meter.

Diese sind wiederum in den vergangenen Monaten aus einem digitalen Geländemodell heraus berechnet worden.
Mit jeder neuen Hochwasserschutzmaßnahme, die getroffen worden ist, werden die Karten neu berechnet, erläutert Annika Mengler. So ist beispielsweise der Bereich der Geroldsauer Mühle noch als überflutet dargestellt. Durch den Neubau ist dort allerdings auch der Hochwasserschutz verbessert worden.
Aufgelistet sind in den Erläuterungen zum Beispiel auch betroffene Kulturgüter. Explizit werden bei einem HQ-extrem die Lichtentaler Allee 8, und die Luisenstraße 34 genannt, die bis 71 Zentimeter in den Fluten stände.
Für die Lange Straße 77, also den Alten Stadtbahnhof, sind 65 Zentimeter berechnet worden. Ganz dick kommt es hingegen in Lichtental, wo am Zisterzienserinnenkloster ein Wasserstand von 3,28 Meter erwartet werden muss.
Betroffen von einem extremem Hochwasser wären aber auch Wasserschutzgebiete und damit die Wasserversorgung über Baden-Baden hinaus. So in Sinzheim, Iffezheim und Hügelsheim, Rastatt und im vorderen Murgtal sowie die eigenen Wasserwerke in Sandweier und Steinbach.

Kommentar
Zugegeben: Während eines der heißesten Sommer seit es Wetteraufzeichnungen gibt, fällt es schwer, die Aufmerksamkeit auf den Hochwasserschutz zu lenken. Dümpelt die Oos derzeit in ihrem scheinbar viel zu großen Bett dahin und nähert sich von Tag zu Tag ihrem historischen Tiefstand aus dem Jahr 2003.
Gleichwohl: Hängen die Extreme Dürre und Hochwasser angesichts des nicht mehr zu verleugnenden Klimawandels in unseren Breiten nicht eng zusammen?
Es ist noch gar nicht so lange her – in diesem Jahr werden es 20 Jahre, da herrschte am 29. Oktober beim Katastrophenhochwasser, das die Grenzen eines 100-jährlichen Ereignisses überschritten hatte, Land unter. Einiges ist seither geschehen. Die Stadt ließ eine Schwachstellenanalyse aufstellen, deren Ergebnisse aber auch nach zwei Jahrzehnten noch immer nicht ganz abgearbeitet sind.
Dank neuer Techniken hat seinerseits das Land aufgerüstet. Auch für das Einzugsgebiet der Oos liegen zwischenzeitlich Hochwassergefahrenkarten vor, die via Internet von Jedermann eingesehen werden können.
Das Wesentliche bei einem Hochwasser in Dimensionen jenseits des 100-Jährlichen liegt nämlich in der eigenen Vorsorge. Wer die Überprüfung seiner Liegenschaften auf Schwachstellen hin noch nicht vorgenommen hat, sollte dies schleunigst tun. Versicherungen könnten allzu bald auf die Idee kommen, Zahlungen wegen Fahrlässigkeit nicht zu leisten. Wer will das schon?