Seit zehn Jahren besteht das Wohnprojekt Via mit 27 Wohnungen. Hier erläutert Christina Lipps (vorne) die Form das Zusammenlebens bei einem Ortstermin mit Oberbürgermeisterin Margret Mergen (links).
Seit zehn Jahren besteht das Wohnprojekt Via mit 27 Wohnungen. Hier erläutert Christina Lipps (vorne) die Form das Zusammenlebens bei einem Ortstermin mit Oberbürgermeisterin Margret Mergen (links). | Foto: Kamleitner

Vorbild am Pariser Ring

In der Baden-Badener Cité startet ein neues Wohnprojekt

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Die klassischen Möglichkeiten, um an ein Dach über den Kopf zu kommen sind geläufig: Man baut oder kauft ein Eigenheim, erwirbt eine Eigentumswohnung oder zieht zur Miete ein. In Städten wie Hamburg oder Freiburg gibt es dagegen schon seit Jahrzehnten Alternativen: Menschen schließen sich zusammen und verwirklichen ihre Vorstellung vom gemeinschaftlichen Wohnen. In Baden-Württemberg sind Wohnprojekte bislang aber noch eher selten. In Baden-Baden ist zehn Jahre nach dem Start des ersten jetzt das zweite Wohnprojekt dieser Art in der Planung – wiederum in der Cité.

In der Ufgaustraße 9 nahe dem Kino sollen bis zum nächsten Jahr in einem Komplex mit drei Bauteilen, die mit Laubengängen verbunden werden, 26 Wohnungen entstehen. Alle seien bereits vergeben, erläutert Rainer Mohr von der Baugruppe Bretagne, die an der Idee vom gemeinschaftlichen Wohnen seit dem Jahr 2016 arbeitet. „Wir hätten auch mehr loskriegen können“, berichtet er von einer durchaus gegebenen Nachfrage. Die Gesellschafter sind bunt gemischt: Die Jüngsten sind um die 30, die Ältesten über 80 Jahre alt.

Regelmäßige Kommunikation

Die Bauleitung für den Holzbau mit Wohnungen zwischen 62 und 120 Quadratmetern liegt in professionellen Händen. Sie erfolgt durch ein Architekturbüro. Die Gesellschafter des Wohnprojekts treffen sich zudem alle drei Wochen, um etwa die Ausstattung und die Vergabe von Aufträgen zu beraten und zu entscheiden. „Das ist zwar manchmal mühsam, aber wir besprechen und bestimmen alles gemeinsam,“ betont Mohr.

Da wächst was zusammen!

Schon in diesem Prozess, zu dem auch kleine Feste gehören, sieht er einen großen Vorteil zum herkömmlichen Bauen: „Da wächst was zusammen!“ Schließlich sollen künftig die Gemeinschaftsreinrichtungen auch gemeinsam verwaltet und die Wohnform Wohlfühlcharakter haben, ohne die Privatsphäre des Einzelnen aufgeben zu müssen. „Hier ist es etwas völlig anderes, wie wenn man in ein Haus einzieht und erst dann merkt, wer neben einem wohnt.“

Wohnprojekt soll günstiger sein

Das Engagement schon in der Planungs- und Bauphase soll sich obendrein in barer Münze auszahlen. Mohr glaubt, dass der Quadratmeterpreis unter dem Strich um 1000 Euro günstiger als bei herkömmlichen Bauten ausfallen wird. Das Mutterprojekt des Bauvorhabens in der Ufgaustraße ist Via am Pariser Ring 39 mit 27 Wohnungen und derzeit 37 Bewohnern. Dazu gibt es einen Gemeinschafts- und einen Fitnessraum sowie eine Werkstatt.

Das hat auch uns gereizt.

Das Wohnprojekt entstand Jahre nach einem Volkshochschulkurs zum Thema gemeinsames Wohnen im Alter. „Das hat auch uns gereizt“, berichtet Christina Lipps von Via. Ein siebenköpfiger Bewohnerrat bereitet die monatlichen Versammlungen vor, in denen über alle Fragen des Zusammenlebens diskutiert und bei Bedarf abgestimmt wird. Gartenarbeit, Winterdienst, Überwachung der Heizung oder gesellige Aktivitäten werden von Interessen- und Arbeitsgruppen geregelt.

Es knistert auch mal im Karton.

Frei von Konflikten ist das Wohnprojekt nicht. „Es knistert auch mal im Karton“, räumt Lipps ein. Die Konflikte würden sich jedoch kaum von denen in anderen Häusern unterscheiden, in denen viele unter einem Dach leben. Die Lösungen erforderten persönliches Engagement, dafür sei das Zusammenleben im Wohnprojekt mit Gemeinschaftsangeboten auch anders als im eher anonymen Wohnblock.

Wohnprojekt fördert Stabilität

Und noch einen Vorteil soll ein Wohnprojekt haben: Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass das Zusammenleben in einer tragenden Gemeinschaft die physische und psychische Stabilität des Einzelnen fördere und damit die Lebenserwartung erhöhe. Das steht auf der Via-Homepage.

Wohnprojektetag

Nach 2015 tagen Vertreter von Wohnprojekten aus Baden-Württemberg am Samstag, 29. Juni, erneut in Baden-Baden. Gastgeber ist wiederum Via, eine Gemeinschaft, die miteinander die Idee des gemeinschaftlichen, generationsverbundenen Wohnens verwirklicht. Schwerpunkt des Treffens ist der Austausch über Erfahrungen in Wohnprojekten, die unterschiedlich organisiert sind und in der Größe zum Teil beträchtlich variieren. Via ist eine Eigentümergemeinschaft, es gibt aber auch genossenschaftlich organisierte Projekte. Zunächst werden Vertreter die etwa zehn beteiligten Wohnprojekte vorstellen. In Workshops beraten die Teilnehmer des Treffens dann Themen wie den Umgang mit Konflikten oder mit Pflegebedürftigkeit von Bewohnern und setzen sich mit strukturellen Veränderungen und Wandlungsprozessen auseinander, die sich mit den Jahren einstellen.