Nicht alle Insekten haben es bei der Nahrungssuche so "leicht" wie die Honigbiene. Die meisten Wildbienenarten sind auf spezielle Blütenformen spezialisiert. Können sie die nicht finden, droht ihnen der Hungerstod. | Foto: Manzey

Insektensterben

Insekten finden immer weniger Nahrung

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Nicht nur Pflanzenschutzmittel und Umweltgifte, auch ein immer kleiner werdendes Nahrungsangebot setzt den Insekten zu. Die Stadt Baden-Baden hat kürzlich Tüten mit einer eigenen Blütenmischung verteilt. Aber auch durch den Verzicht auf Schotter- und Steingärten ist schon viel erreicht, finden Experten.

Das Insektensterben nimmt rapide zu. Auch in der Kurstadt gibt es immer weniger Insekten – das merkt insbesondere Günther Kolb, Vorsitzender des Kreisimkervereins Baden-Baden. Durch die kurze Obstblüte in diesem Jahr finden seine Bienen nicht genug Futter, Kolb musste bereits zweimal zufüttern.

Wildbienen oft auf bestimmte Pflanzen spezialisiert

Für die etwa 180 hier heimischen Wildbienenarten sei die Lage aber noch dramatischer, erklärt er, denn sie hätten sich meist auf einen bestimmten Typ Blüten spezialisiert. Wachsen diese Pflanzen nicht mehr oder werden nicht mehr angebaut, sieht es für die Wildbienen düster aus.

Doch wie lässt sich das Insektensterben aufhalten? Wichtig ist vor allem ein ausreichendes Nahrungsangebot – und das erreicht man eben nur durch Bepflanzen. Steingärten, wie viele Grundstückbesitzer sie gern anlegen, sind zwar pflegeleichter, aber ein unschöner Trend und ein Verlust der Vorgartenkultur, findet Erik Grimmeisen. Der Gärtner aus Baden-Baden legt mit seiner Gärtnerei Krüger & Grimmeisen aus Überzeugung keine an, für ihn haben sie ökologisch und klimatisch keinen Wert.

Wer den Mut hat, eine Brennnessel stehenzulassen, tut der Natur etwas Gutes

Um Insekten wirksam zu unterstützen, sollte man auf Pflanzen zurückgreifen, deren offene Blüten und Blätter sowohl Insekten Nahrung als auch Substrat für die Brut bieten. Dafür eignen sich laut Grimmeisen besonders einheimische Blühsträucher wie etwa die Kornelkirsche oder der Gemeine Schneeball. Aber auch unliebsame Pflanzen wie die Brennnessel unterstützen Insekten. „Wer den Mut hat, eine Brennnessel stehenzulassen, tut der Natur etwas Gutes“, erklärt Grimmeisen. In der Stadt eignen sich Dachgärten besonders gut – nicht nur, weil man auf ihnen Gewächse wie den scharfen Mauerpfeffer anbauen und die Insekten so unterstützen kann, sondern auch, weil sie im Gegensatz zu Steingärten keine Wärme reflektieren und so sowohl kühlend als auch isolierend wirken.

Stadt Baden-Baden stellt eigene Blütenmischung vor

Grundsätzlich sollte man auf jeden Einsatz von Insektiziden oder Herbiziden verzichten. Die Stadt Baden-Baden tut das bereits seit einigen Jahren freiwillig. Die Fachgebiete Forst und Natur sowie Park und Garten arbeiten mit diversen Maßnahmen gegen das Insektensterben. So werden unter anderem Insektenhotels im Stadtgebiet aufgehängt. Auch mit einer Baden-Badener Blütenmischung will die Stadtverwaltung das Umweltbewusstsein ihrer Bürger weiter fördern – und wenn es nach Markus Brunsing vom Fachgebiet Park und Garten gehen würde, den Stein- und Schottergärten den Kampf ansagen. „Die Stadt kann in den städtischen Grünflächen so viel tun. Es ist aber wichtig, dass auch die Bürger ein Zeichen setzen.“

An der Lichtentaler Allee hat die Stadt Baden-Baden in einem geschwungenen Streifen ihre eigene Blütenmischung ausgebracht. Noch blüht da nur wenig, aber das wird sich bald ändern. | Foto: Manzey

Die Stadt verteilte jüngst 2 000 kostenlose Saat-Tütchen an Privatgärtner. Enthalten waren Pflanzensamen, die nicht nur attraktive Blüten hervorbringen, sondern eben auch gut sind für Insekten. Wer sich darüber hinaus informieren will, welche Pflanzen besonders bienenfreundlich sind, kann dies auch mit einer speziellen Bienen-App des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.

Insektenpopulation erholt sich nur langsam

Die Insektenpopulation kann sich wieder erholen, davon ist Günther Kolb überzeugt. Bis der angerichtete Schaden aber behoben ist, wird es seiner Meinung nach „zig Jahre“ dauern. Bis dahin sollte man jedoch mit offenen Augen durch die Welt gehen und jede Möglichkeit für eine Bepflanzung nutzen. In der Summe würden auch viele Balkonkästen mit Blüten etwas bewegen, gerade in der Stadt. Aber auch an ungewöhnlichen Orten wie dem Friedhof lohnt es sich, die Artenvielfalt im Blick zu behalten. Denn eines ist für Kolb klar: „Ohne Bienen und Insekten geht nichts!“