Nach 42 Jahren hat die Feuerwache in der Schwarzwaldstraße in Baden-Baden eine Renovierung nötig. Außerdem muss sie aufgrund des gestiegenen Personalbedarfs erweitert werden. | Foto: Bernd Kappler

Bedarfsplan in Baden-Baden

Investitionen in Feuerwehr

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Die Baden-Badener Feuerwehr ist offenbar nicht auf dem Stand, wie sie sein sollte. Dies geht aus dem erstmals in der Geschichte der Wehr aufgestellten Feuerwehrbedarfsplan hervor. Darin wird für die hauptamtliche Abteilung eine Aufstockung von zwölf Personalstellen auf künftig 57 vorgeschlagen. Dies bringt jährliche Mehrkosten in Höhe von 750 000 Euro mit sich. Als zweiter großer Brocken wird die Renovierung und der Ausbau der Feuerwache in der Schwarzwaldstraße für rund fünf Millionen Euro genannt.

Feuerwehr braucht Personal

Damit nicht genug: Gelingt es nicht, die Zahl von freiwilligen Feuerwehrleuten zu erhöhen, vor allem tags über von 7 bis 17 Uhr, könnte ein weiterer Bedarf von zehn Stellen erforderlich werden.
Auch der Fuhrpark erfordert laut Bedarfsplan weitere Investitionen. Notwendig sei aktuell die Neubeschaffung eines Löschfahrzeugs als Ausfallreserve für Paralleleinsätze. Kosten: rund 470 000 Euro. In den folgenden fünf Jahren seien in Summe 17 (Ersatz-)Beschaffungen von Fahrzeugen erforderlich. Hiervon seien zwölf bereits im Haushalt genehmigt oder in der mittelfristigen Finanzplanung bis 2021 vorgesehen.
In den Jahren 2007 bis 2017, so der von der Firma Luelf & Rinke Sicherheitsberatung aufgestellte Plan, hatte die Baden-Badener Feuerwehr pro Jahr rund 1 400 Einsätze zu verzeichnen. Für eine Stadt wie Baden-Baden sei das eine hohe Zahl, die letztlich auf die örtliche Risikostruktur zurückzuführen sei. (Siehe unseren gesonderten Beitrag.) In der wesentlich größeren Stadt Karlsruhe gebe es rund 3 000 Einsätze jährlich, so der angestellte Vergleich.

Schwerpunkt am Tag

Aus dem untersuchten Einsatzgeschehen geht hervor, dass die meisten Einsätze zwischen 8 und 20 Uhr stattfinden. Der Bericht: „Die Wahrscheinlichkeit für einen ,zeitkritischen Einsatz‘ (das heißt Einsatz duldet keinen Aufschub – zum Beispiel ein Wohnungsbrand) ist in der Zeit von Montag bis Freitag 7 bis 17 Uhr um 77 Prozent höher als in der übrigen Zeit.“
Über die Hälfte aller Einsätze würden sich in der Innen- und Weststadt ereignen. Die Anteile für Oos werden mit 15 Prozent, in Lichtental mit zehn Prozent und die übrigen Stadtteile mit unter fünf Prozent beziffert.
Die Bedarfsplanung basiert auf einem klassische Einsatzszenario, einem „kritischen Wohnungsbrand“. Innerhalb von 15 Minuten muss eine bestimmte Anzahl an Feuerwehrkräften vor Ort sein. Die erste Einheit innerhalb von zehn Minuten mit neun Kräften, die zweite Einheit mit weiteren neun Kräften nach 15 Minuten.
Angestrebt wird im Bedarfsplan ein Zielerreichungsgrad von 90 Prozent. Das bedeutet, dass in 90 Prozent der Einsätze diese Zeiten eingehalten werden. Aktuell liege der Zielerreichungsgrad bei der ersten Eintreffzeit bei 38 Prozent und bei 68 Prozent bei der zweiten Eintreffzeit, so die Feststellungen im Bedarfsplan.

Die Risikostruktur ist in Baden-Baden wesentlich anders als in anderen Städten. Ein Grund ist zum Beispiel auch die Merkurbahn. | Foto: Christiane Krause-Dimmock

Risikostruktur anders

Dass Baden-Baden in vielen Bereichen im Vergleich zu anderen Städten Unterschiede ist augenscheinlich. Das trifft auch auf die so- genannte Risikostruktur, die im Feuerwehrbedarfsplan durch Gemeindegröße, Gemeindestruktur, Siedlungsstruktur, Infrastruktur, demografische Besonderheiten und durch besondere Gefahrenpunkte definiert wird. Wörtlich heißt es in dem Bericht: „Der Stadtkreis Baden-Baden mit circa 54 000 Einwohnern ist mit anderen Kommunen gleicher Einwohnerzahl schwer vergleichbar. Ein Vergleich allein basierend auf der Einwohnerzahl lässt keine validen Schlüsse zu. Denn einerseits liegt die ,Tagbevölkerung‘ mit rund 84 000 (circa 10 000 durch Pendlerströme, 3 158 Zweitwohnsitze, durchschnittlich 2 700 Übernachtungs- und circa 13 800 Tagesgäste) in Baden-Baden im Vergleich zu anderen Städten sehr hoch. Andererseits bestehen im Stadtgebiet zahlreiche Besonderheiten, die jeweils für eine spezifische Risikoerhöhung sorgen“. Dazu gehören:

  • Großstädtische Innenstadtbebauung
  • Überdurchschnittlich viele Großveranstaltungen
  • Vielzahl an besonderen Gebäudestrukturen (Sonderbauten): viele Hotelbetriebe in enger innenstädtischer alter Bebauung, Festspielhaus, Theater, Kurhaus, Kongresshaus
  • 23 große Hotels mit mehr als 60 Gästebetten
  • Insgesamt 5 416 Gästebetten
  • Zehn Kliniken mit 1 392 Betten und 20 Pflegeheime mit 1 462 Betten
  • Schwierige verkehrliche Situation aufgrund der langgestreckten Tallage
  • Besonders großer Höhenunterschied im Stadtgebiet (fast 900 Meter)
  • Besonders großes Waldgebiet (85 Quadratkilometer)
  • Hochalpines Klettergebiet am Battertfelsen
  • Standseilbahn am Merkur
  • Gleitschirmflieger Start- und Landeplatz am Merkur
  • Von der Kernstadt abgelegene touristische Attraktionen wie Altes Schloss, Yburg, Ebersteinburg, Wildnispfad, Luchspfad
  • Infrastrukturelle Besonderheiten: Autobahn, Rheintal-Bahnstrecke, Michaelstunnel (mit 2,5 Kilometer einer der längsten Einröhrenstraßentunnel in Deutschland)

Kommentar
Dass Bedarfspläne zuweilen Lücken im System aufdecken, ist eine bekannte Tatsache. Das ist beim Feuerwehrbedarfsplan in der Kurstadt jetzt nicht anders. Das verwundersame an der ganzen Sache ist etwas ganz anderes: Die Kur- und Weltstadt mit ihren über 50 000 Einwohnern und Tausenden von Einpendlern und Gästen hatte so einen Plan bisher überhaupt nicht. Was soviel bedeutet, dass die Bedürfnisse der Floriansjünger, hauptamtliche wie freiwillige gleichermaßen, Pi mal Daumen befriedigt worden sein müssen. Das klingt irgendwie nach Planlosigkeit.
Bei Sicherheitsfragen kann das schnell zu einem Desaster führen, für das es dann keine Verantwortlichen gibt. Insofern ist die Aufstellung von Sollzahlen und der Abgleich mit Ist-Werten eine mehr als sinnvolle Arbeit und alternativlos.
Natürlich hat das Ding eine Kehrseite: Die Erkenntnisse erfordern nämlich Investitionen in Personal, Gebäude und Geräte. Die größten Brocken sind dabei jährliche Mehrkosten beim Personal mit 750 000 Euro und fünf Millionen Euro für die Erweiterung der über 40 Jahre alten Feuerwache.
Man darf aber eines nicht vergessen: Feuerwehr und in gleichem Atemzug auch die Rettungsdienste sind hierzulande doch nur deshalb immer noch preiswert, weil Freiwillige ihre Freizeit und zuweilen auch ihre Gesundheit für andere opfern.