Blick in die Kuppel des Friedrichsbades in Baden-Baden. | Foto: Carasana

BNN-Serie Friedrichsbad 5

Islamische Tradition war das große Vorbild des Friedrichsbades in Baden-Baden

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Das Friedrichsbad in Baden-Baden war im 19. Jahrhundert das modernste Kurbad Europas. 1869 wurde nach Plänen von Karl Dernfeld der Grundstein gelegt. Die Kurstadt reagierte damit auf das drohende Glücksspielverbot. Mit Wellness statt Zocken wollte sie für die Gäste attraktiv bleiben. Die BNN-Serie beschreibt die spannende Baugeschichte. Dies ist Folge 5. 

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Wichtige Impulse für den Bau des Friedrichsbades gingen von Baden bei Wien aus. Die österreichische Kurstadt bewirbt sich gemeinsam mit Baden-Baden und neun anderen Kurorten als „Great Spas of Europe“ um die Aufnahme ins Weltkulturerbe.

Geselliges Baden

Was ist an der Badetradition in Baden bei Wien besonders? Auffällig ist, dass die mittelalterliche Tradition des Gesellschaftsbades dort fortlebte, während in den meisten Kurorten im deutschsprachigen Raum Einzelbäder üblich waren. Das war auch in Baden-Baden in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Fall und wurde dort von Experten kritisiert (wie in Folge 1 berichtet). Erstaunlich ist außerdem der repräsentative Charakter der meisten Bäder in Baden bei Wien, die im Gegensatz zum sonst im deutschsprachigen Raum seit dem Mittelalter üblichen wohnhausmäßigen Erscheinungsbild und zur schlichten Ausstattung steht.

Baden bei Wien erfreute sich der besonderen Gunst von Kaiser Franz I., der von 1792 bis 1835 regierte und den Ort zu seiner Sommerresidenz machte. Die Wiederaufbauphase nach dem Stadtbrand 1812 wurde durch den Architekten Joseph Kornhäusel geprägt. Zu seinen wichtigsten Werken gehört der 1820 bis 1822 im Auftrag Karl von Doblhoffs entstandene Sauerhof, ein Badehotel mit schlossartigem Erscheinungsbild und Badehaus im Seitenflügel.

Das Raitzenbad in Budapest ist ein wichtiges Vorbild für das Friedrichsbad. Dieser Holzstich aus dem Jahr 1873 zeigt einen Schnitt durch das Bad und links den spektakulären Badesaal mit Kuppel. | Foto: Ulrich Coenen

Als bedeutendstes Vorbild für das Friedrichsbad wird in der Fachliteratur regelmäßig das Raitzenbad in Budapest genannt, ohne dass konkret gesagt wird, worin diese Vorbildfunktion genau besteht. Es entstand 1860 bis 1873 im Auftrag von Johann Nepomuk von Heinrich nach Plänen von Miklós Ybl (1814-91), dem bedeutendsten Architekten der Stadt. Heinrich hatte das verfallene Bad, das auf das im 15. Jahrhundert entstandene „Königliche Bad“ zurückgeht, 1860 erworben und ließ es durch Ybl ausbauen. Das Raitzenbad ist also im Gegensatz zu den bisher genannten Vorbildern kein vollständiger Neubau. Mit seinem Umbau setzte der Architekt aber Maßstäbe. „Er schuf eine Badeanstalt, welche an Pracht, Eleganz, zweckmässigen Einrichtungen und Komfort als eine Musteranstalt aufgestellt werden kann“, konstatiert die renommierte Allgemeine Bauzeitung 1873.

Türkisches Bad als Vorbild

Ybl integrierte den historischen Baubestand in den Neubau. Das Raitzenbad hat seit der Erweiterung keine einheitliche Hauptfassade. Wegen des deshalb wenig repräsentativen Charakters konnte die Außenansicht der Baden-Badener Kommission, die das Raitzenbad während der Bauarbeiten besichtigte, keine Anregungen geben. Im Gegensatz dazu stehen die großen aufwändigen Gesellschaftsbäder im Inneren, die sich an islamischen Vorbildern orientieren und Dernfeld stark beeinflusst haben. Das im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte Bad ist im maurischen Stil gehalten. Dabei ging die Anregung einerseits vom Altbau selbst und anderen islamischen Badehäusern in Budapest aus, andererseits aber auch von der zeitgenössischen Rezeption des türkischen Bades in Westeuropa.

Der Badesaal mit Kuppel des Raitzenbades war Vorbild für den großen Badesaal des Friedrichsbades. Der Holzstich ist von 1873. | Foto: Ulrich Coenen

Während einer Reise nach Frankreich und England 1866 besuchte Johann Nepomuk von Heinrich David Urquharts türkisches Bad in London und zeigte sich tief beeindruckt. Der Bauherr lässt aber in seinem Buch über das Raitzenbad keinen Zweifel daran, dass er dieses nach Umbau und Erweiterung für eines der führenden Badehäuser Europas hält: „Alles dies hat sich nun, seit das Raitzenbad in meinem Besitz, geändert. Ich habe den wahren Werth dieser Naturgaben erkannt, habe es verstanden, das Nützliche zum Wohle der leidenden Menschheit Dienende mit zeitgemäßem Comfort in Einklang zu bringen und der ganzen Anstalt ein Gepräge aufzudrücken, welches geeignet ist, ihr in balneologischer Beziehung einen Achtung gebietenden Namen, der Hauptstadt Ofen (Budapest) aber eine neue Spezialität zu verschaffen.“

Im Krieg zerstört

Nach dem Zweien Weltkrieg wurde das Raitzenbad provisorisch wiederhergestellt und blieb bis 1963 in Betrieb. Dann wurden große Teile des renovierungsbedürftigen Ybl-Baus abgerissen. Vom Herrenbad blieb nur der größere der beiden Kuppelsäle erhalten, das Damenbad wurde leider vollständig vernichtet.

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