Beendet die Konzertzwangspause wegen Corona mit zwei Konzerten in Baden-Baden: Liedermacher Konstantin Wecker.
Beendet die Konzertzwangspause wegen Corona mit einem Konzert in Baden-Baden: Liedermacher Konstantin Wecker. | Foto: Anspach

Konzert in Baden-Baden

Konstantin Wecker: Die Poesie ist der Gegner der Parole

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Der Liedermacher Konstantin Wecker war als Kind oft in Baden-Baden, weil sein Vater aus der Bäderstadt stammte. Auf  Spaziergängen zum Alten Schloss hat er seine ersten Gedichte geschrieben. Jetzt kommt er am 16. Juni  zum ersten Live-Konzert nach der Corona-Zwangspause auf die Autokino-Bühne beim Rantastic.

Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Liedermacher und ist seit über 50 Jahren als solcher unterwegs: Konstantin Wecker. Über seine Beziehung zu Baden-Baden und über die Zwangspause wegen Corona sprach der 73-jährige Künstler mit unserem Autor Bernd Kamleitner.

Wegen der Corona-Krise fielen seit März alle geplanten Konzerte aus. War der Feier zu Ihrem Geburtstag am 1. Juni ein ähnliches Schicksal beschieden?

Konstantin Wecker: Wir haben im Corona-Rahmen gefeiert – mit acht engen Freunden in der Gaststätte. Es war sehr schön. Als mein Vater 82 Jahre wurde, hat er zu mir gesagt: „I hätt ja nie gedacht, dass i mal so alt werde“. Ich bin jetzt 73 geworden und hab’ großes Glück gehabt: ich bin gut beinander und vor allem auf der Bühne fit. Seit fünf Jahrzehnten gebe ich jedes Jahr rund 100 Konzerte. In der Corona-Pause habe ich gemerkt, wie gut es meiner Stimme gut, auch mal ein paar Monate völlig zu pausieren. Man merkt, dass sie erholt ist.

Ihre Stimme hat sich darüber gefreut, aber wie erging es dem Künstler, der das Publikum liebt, ihm was mitteilen möchte und sich mit ihm auseinandersetzt?

Das hat mir unglaublich gefehlt. Nach den Erfahrungen meiner jüngsten Livestream-Konzerte würde ich sagen: Es ist toll im Studio Lieder zu singen gemeinsam mit Musikern und danach zu erfahren, dass die drei Konzerte mittlerweile 320.000 Menschen gesehen und gehört haben. Aber für jemanden wie mich war es zunächst sehr befremdlich und gewöhnungsbedürftig.

Ich habe vielleicht jetzt erst so richtig gespürt, dass ich den vergangenen Jahren im übertragenen Sinne jeden Abend von den Leuten umarmt worden bin. Dieter Hildebrandt hat einmal gesagt: „Die Konzerte von Konstantin Wecker sind ein Liebesakt.“ Da ist was dran. Diese Freude, auf die Bühne zu gehen und zu spüren, dass das Publikum, einen mag. Wie schön man es da gehabt hat, das merkt man erst, wenn es fehlt.

Beim Livestream-Konzert fehlen auch die Publikumsreaktionen im Saal…

Das merkt man vor allem, wenn man Fehler macht. Und man macht immer irgendwelche Fehler. Mit Publikum kann ich das sofort wunderbar ausbügeln: Oh, ich habe mich verspielt – und die Leute freuen sich, dass man nicht allzu perfekt ist.

Was hat am meisten gefehlt, der Applaus?

Ganz ohne Applaus wäre ein Konzert ziemlich schwer (lacht). Der große Cellist Pablo Casals hat mal gesagt: Es ist nicht der Applaus, der den Künstler ehrt, es ist die Stille! Manchmal erlebe ich bei einem Lied oder Gedicht, dass es das Publikum kaum gewagt hat, zu atmen, weil es so betroffen und so dabei war. Das spürt man nur, wenn man das Publikum sieht und mit ihm zusammen ist. Es ist sehr schön zu spüren, wie man Menschen mit Poesie und Musik in seinen Bann ziehen kann.

Würden Sie in ein Konzert eines Künstlers auf der Bühne eines Autokinos auf einem Pendlerparkplatz gehen?

Im Moment wahrscheinlich schon. Ich wäre scharf darauf, wieder zu spüren, wie das so ist in einem Konzert. Für mich ist das Gastspiel auf der Autokino-Bühne beim Rantastic ein Abenteuer. Ich habe so was noch nie gemacht.

Da wir Leinwände zur Verfügung haben, wird es einige Einspielungen geben mit Aufnahmen von früher und ich werde versuchen, die Leinwand in das Konzert einzubeziehen. Es wird ein Querschnitt aus meinem Repertoire geben. Beginnen werde ich mit ganz frühen Liedern. Im Konzert wird sich zudem meine Biographie spiegeln.

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Wissen Sie eigentlich, wie viele Lieder Sie in den vergangenen fünf Jahrzehnten schon geschrieben haben?

Ich glaube, bei der Gema angemeldet sind so an die 600. Da sind aber auch Stücke für Theater usw. dabei und viele darunter, von denen ich keine Ahnung mehr habe. Ich denke, dass ich bei der Auswahl eines Programms auf rund 100 Wecker-Lieder zurückgreifen kann. Und ich höre nicht auf, Songs zu schreiben. Es ist jedenfalls richtig spannend und ich muss auch wieder üben: Es gibt schon einige Lieder, in die ich mich richtig reinschaffen muss, weil ich sie lange nicht mehr gespielt habe.

Sie treten solo auf. Gibt es ein festes Programm, oder können Sie variieren?

Ich bin schon lange nicht mehr solo aufgetreten und merke, dass mir das wieder richtig Freude macht. Früher war ich oft solo unterwegs. Es ist wieder mal schön, sich auf die Mischung von Klavierspiel und Gesang zu konzentrieren. Ich bin aber auch sehr gerne mit meinen tollen Musikern unterwegs. Wenn man ganz alleine auf der Bühne ist, ist es aber eine andere Herangehensweise. Das erinnert mich viel an sehr frühe Zeiten.

Der Willy ist wohl gesetzt, aber in einer aktualisierten Form, oder?

Ja, es dürfte die 10. Version sein. Der Willy wurde übrigens nicht getötet, sondern schwer verletzt. Das habe ich mal klar gestellt, Er lebt also noch und ist immer noch ein guter Freund von mir. Er wird in Baden-Baden mit dabei sein und ist für das Merchandising zuständig. Es ist aber noch offen, ob wir wegen Corona den Stand aufbauen können.

Ich kann mich nicht bei vielen Liedern genau an den Zeitpunkt erinnern, an dem sie entstanden sind. Bei Willy weiß ich es, weil ich ein politisches Lied schreiben wollte. Wir hatten damals mit meinen Musikern eine Pause und in der platzte es aus mir heraus: Ich habe das Lied geschrieben, vorgesungen und sogar noch gesagt: Das interessiert keinen außerhalb Bayerns, außerdem ist der Song zu lang und ich spiele allein am Klavier.

Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass dieses Lied, ein Talking-Blues, doch so viele Menschen bewegen konnte. Den Willy haber ich immer in seiner Ruhe gestört, wenn ich mir etwas von der Seele schreiben wollte. Nicht als Dichtung oder Poesie, sondern einfach als bayrische Prosa.

Die Einschränkungen in der Corona-Krise lassen einen kritischen Zeitgeist sicher nicht stumm zurück, oder?

Ich bin ein kritischer Zeitgeist und möchte das bleiben. Mich erschreckt sehr, wie sich die Rechten, die AfD und die Identitären die Straßen mit Demonstrationen erobert haben. Das macht mir Angst und bange. Wir haben in München eine Demo zum Thema „break isolation“ am 11. Mai vor dem Bayerischen Innenministerium gemacht. Wir wollten verhindern, dass alte und schwerkranke Menschen und Menschen mit Handycaps in dieser Zeit aufgrund falscher Schutzkonzepte einfach weggesperrt und monatelang isoliert werden.

Deshalb haben wir unter anderem auch die sofortige Schließung aller Lager für Geflüchtete an den EU-Außengrenzen und in Deutschland gefordert sowie deren dezentrale Unterbringung. Heute wissen wir: Tausende Geflüchtete wurden mit Covid-19 angesteckt, nur weil sie die Regierungen ohne Schutz und Hygienekonzepte auf viel zu engem Raum eingesperrt haben. Was mich besonders aufregt: Viele Menschen durften ihre Eltern, ihre Verwandten oder Freunde beim Sterben nicht begleiten. Diese Demo hatte jedoch eine eindeutige Zielsetzung und hat nichts mit denen zu tun, die mich erschrecken.

In dem Lied „Stilles Glück, trautes Heim“ haben Sie schon vor 30 Jahren beschrieben, wie es sein könnte, wenn die AfD an die Macht käme. Hatten Sie eine Vorahnung?

Das erinnert mich an ein wunderbares kleines Büchlein von Umberto Ecco: „Der ewige Faschismus“. Es war ein Vortrag, den der große Intellektuelle, den ich sehr schätze, wohl 1995 in Amerika gehalten hat. Er beschreibt, dass Faschismus eben nicht nur Hitlerismus und Mussolinismus ist, sondern er zeigt das Urwesen des Faschismus auf und die Gefahren.

In meinem Lied „Lieb Vaterland“, beschimpft der Sohn, der Neofaschist, seinen Vater, einen Sozi, weil er damals in den 1930er Jahren gegen die Nazis war. Das habe ich in den 1980er-Jahren geschrieben. Da gab es noch nicht wirklich sichtbar Neonazis. Ein paar, aber kein Vergleich mit heute. Es ist schon erstaunlich, wie man manchmal in der Kunst etwas vorausahnen kann, weil man vielleicht den Ur-Grund mit einer größeren Sensibilität spürt.

Sprache bringt Themen in die Köpfe der Menschen, sagen Sie…

Das ist ganz wichtig. Deshalb stelle ich ganz bewusst die Poesie den Parolen gegenüber. In einem jüngeren Lied von mir heißt es: „Den Parolen keine Chance, lasst sie nicht ans Tageslicht“. Die Poesie ist der Gegner der Parole. Nicht umsonst werden in angehenden Diktaturen als erstes die Dichterinnen und Dichter des Landes verwiesen und die Bücher verbrannt.

Man versucht, auf die Kultur Einfluss zu nehmen. In den 1920er-Jahren waren Poeten wie Mühsam oder Landauer diejenigen, die schon lange vor der Machtübergabe an die Nazis 1933 mit ihrer Poesie und ihrer poetischen Kraft vor dem Grauen gewarnt haben.

Wie kommt es zu Textänderungen wie jetzt etwa in dem Lied „Sage nein“?

Vor 20 Jahren, als das Lied entstanden ist, war es eine andere Zeit. Heute kann man in einem Refrain, wie ich es damals gemacht habe, nicht nur Männerberufe auswählen, und als einzigen Frauenberuf die Hausfrau. Das geht einfach nicht mehr – zu Recht!

Wenn wir was für Gleichberechtigung tun wollen, dann muss man sich auch um die Sprache kümmern. Ich habe mich mit meinen beiden jungen Label-Künstlerinnen zusammengesetzt und wir haben den Refrain gegendert. Das Lied werde ich auch in Baden-Baden singen.

Und Sie singen davon, man müsste ein Revoluzzer sein. Wie sehr sind sie ein Revoluzzer?

Ich glaube, ich war schon immer einer, auch wenn ich im Lied singe: „Aba wer macht si scho die Plog und revoluzzt den ganzn Dog?“ Ich hatte das Glück mit meinen Eltern: Mein Vater war ein antiautoritärer Mann. Ein kleines Wunder, denn er wurde 1914 geboren, in der Zeit der Schwarzen Pädagogik. Beide Eltern waren Antifaschisten. Ich durfte revoluzzen. Wenn wir 1968 auf die Straßen gingen, dann ging ich nicht gegen meine Eltern auf die Straße, sondern mit ihnen. Die meisten 68er haben gegen ihre Eltern demonstriert.

Haben Sie aus Ihrem Repertoire einen absoluten Lieblingssong?

Das ist von Fall zu Fall verschieden. Es gibt ein paar Songs, wo ich der Meinung bin, da ist mir poetisch wirklich etwas Einmaliges geglückt. Wie ich schon gesagt habe: Mir passieren meine Gedichte. „Sage nein“ war eines der wenigen Lieder, die ich bewusst geschrieben habe. Es ist ein gutes Lied, aber keine große Poesie.

Vor allem in den Liebesliedern gibt es schon ein paar Sätze, wo ich denke, da habe ich Glück gehabt, da ist mir was eingefallen. Ich kann darauf eigentlich gar nicht stolz sein, weil es passierte mir einfach, ich habe es mir nicht erarbeitet. Ich habe aber viel gelesen. Das sage ich auch immer meinen Studentinnen und Studenten in Songwriting-Kursen.

Wer ein Gedicht schreiben will, muss lesen! Wenn ich das sage, sehe ich manchmal bei jungen Leuten Fragezeichen über dem Kopf. Was meint der jetzt? Meine Hauptarbeit besteht dann darin, bei den jungen Leuten die Begeisterung für Gedichte und Poesie zu wecken.

Mit Poesie und Musik allein ist die Welt aber nicht zu verändern. Ist das für Sie sehr frustrierend?

Man wirft mir immer vor, dass das nicht gehe. In dem Sinne, wie ich die Welt gerne verändern würde, ist sie nur durch Poesie verändert worden. Die anderen Veränderungen kommen durch Kriege, Macht und Herrschaft. Das, was ich mir und viele andere vorstelle, die Utopie von einer herrschaftsfreien Gesellschaft, die liebevoll miteinander lebt, die werde ich nicht mehr erleben.

Aber das heißt ja nicht, dass ich oder andere keine Utopie mehr haben dürfen. Das treibt einen an. Vielleicht haben auch die Höhlenmalereien sehr viel mehr verändert als wir das heute einschätzen können. Das weiß ich nicht, weil ich kein Historiker bin. Aber eines ist mir klar: In meinem Sinne wurde die Welt nur durch Poesie, Kunst und Kultur verändert.

Aus Ihrer Feder gibt es unter anderem das Buch „Die Kunst des Scheiterns“. Woraus haben Sie in Ihrem Leben Kraft geschöpft, wenn es mal nicht gut lief?

Ich merke in dieser Zeit noch mehr als früher, dass ich die Kraft, die ich meinem Publikum geben kann, ganz genau so von meinem Publikum bekomme. Ich hatte immer das Glück mit ein paar hundert oder tausend Menschen an einem Abend zusammen zu sein, die ähnlich dachten wie ich und eine ähnliche Sehnsucht wie ich hatten – ganz gleich unter welchen Weltumständen. Wenn ich immer ganz alleine gewesen wäre, wäre ich vielleicht zum Zyniker geworden.

Mein Publikum und die Liebe meines Publikums haben mir eine große Kraft gegeben, weiter zu machen, auch in den schrecklichen Zeiten, als ich am Ende war. Da gab es immer noch Leute, die mir dadurch Mut gemacht haben, dass sie in mein Konzert gekommen sind.

Was bedeuten Ihnen Preise?

Da gibt es schon welche, die mich sehr erfreuen. Zum Beispiel den Erich-Fromm-Preis, den ich zusammen mit Eugen Drewermann bekommen habe. Ich verehre Fromm heute noch, habe auch eine zeitlang Psychologie studiert. Fromm war mein absoluter Guru. Ich habe immer gesagt: Wenn ich mal jemanden noch treffen könnte, dann sollte es der Erich Fromm sein. Ich bin ihm aber nie persönlich begegnet. Dass ich einen Preis in seinem Namen bekommen habe, und das noch mit Eugen Drewermann, das war aber schon sehr beeindruckend.

Sie waren schon öfter in der Region zu Gast und sie haben Wurzeln in Baden-Baden…

Mein Vater stammt aus Baden-Baden. Deshalb war ich als Kind viel dort. Als Zwölf-, Dreizehnjähriger habe ich das Alte Schloss geliebt. Da war ich öfter in Baden-Baden, weil die Verwandtschaft meines Vaters hier lebte, während er schon in München war. Da bin ich als junger Poet sehr viel spazieren gegangen und habe mich in die Landschaft verliebt. Auf dem Weg zum Alten Schloss habe ich meine ersten Gedichte geschrieben, inspiriert von Mörike, Eichendorff und den ganzen Romantikern.

Gibt es noch einen Traum, den Sie gerne verwirklichen würden?

Ich habe gerade mit dem Bayerischen Rundfunkorchester das Lied „Stürmische Zeiten“ aufgenommen – coronamäßig. Das Video können Sie auf meiner Webseite anschauen. Wir haben als Trio die Basis gelegt und die Musiker mussten alle hintereinander spielen, immer in kleinen Gruppen. Es dauerte fast drei Tage, bis die Aufnahme fertig war. Das war sehr spannend und ich dachte, ich möchte mal wieder mit einem großen Orchester Lieder spielen.

Dann gibt es vielleicht nach dem Auftritt auf der Autokino-Bühne ein Wiedersehen im Festspielhaus Baden-Baden?

Gute Idee!

Zur Person: Das künstlerische Talent von Konstantin Weckerwurde früh gefördert: Schon als Sechsjähriger hatte der gebürtige Münchner Klavierunterricht. Später spielt er auch Gitarre und Geige und wirkt in einer Kinderoper mit. Als Zwölfjähriger träumt Konstantin Wecker vom Ideal eines Lebens als „freier Dichter“. Seine Karriere als Liedermacher startet neun Jahre später, 1968, mit ersten Soloauftritten auf Kleinkunstbühnen. 1971 studiert er Philosophie und Psychologie in München. 1973 erscheint die erste Langspielplatte: „Die sadopoetischen Gesänge des Konstantin Amadeus Wecker“. 1976 geht er erstmals auf Deutschlandtour – und eine einzigartige Karriere nimmt ihren Lauf.