Ob bunt, groß oder klein: Lieferengpässe können prinzipiell jedes Medikament betreffen. Apotheken und Ärzte schlagen Alarm und fordern die Politik zum Handeln auf. | Foto: Hans-Jürgen Wiedl/dpa

Lieferengpässe

Manche Medikamente sind in Baden-Badener Apotheken weiterhin nicht verfügbar

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Die Zahlen waren alarmierend und sie sind es bis heute: Über 200 Medikamente standen den Baden-Badener Apotheken im August aufgrund von Lieferengpässen nicht zur Verfügung. Fünf Monate später ist die Liste nicht viel kürzer geworden.

„Die Situation hat sich auf keinen Fall gebessert“, klagt Matthias Kraemer, Inhaber der Kreuz Apotheke. Aktuell seien rund 150 Medikamente nicht erhältlich, darunter etwa Mittel gegen Herz-Rhythmus-Störungen oder auch Schilddrüsenhormone. „Betroffen sind sogar Standardmedikamente wie Blutdrucksenker oder Antibiotika“, so Kraemer.

Apotheker müssen nach adäquaten Ersatz-Präparaten suchen

Ist ein Mittel nicht verfügbar, müssten Apotheken nach adäquaten Ersatz-Präparaten suchen und dann bei den Krankenkassen erwirken, dass diese die Kosten übernehmen. Dieses Vorgehen koste vor allem eines: Zeit. Zeit, die im Kerngeschäft – also der Beratung und Versorgung der Kunden – fehle.

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„Wenn es so weitergeht, können wir unseren gesetzlichen Auftrag bald nicht mehr wahrnehmen“, warnt Kraemer. Vor allem chronisch Kranke seien niedergeschlagen, wenn es ihr Medikament nicht gibt und sie möglicherweise für das Ersatzpräparat aufzahlen müssen. „Und die Apotheken sind dann der Blitzableiter.“

Fehlende Medikamente können schwerwiegende Folgen haben

Mit denselben Problemen kämpft auch Sandra Scheible von Rösslers Hofapotheke. Gleichwohl sei sie froh, „wenn wir überhaupt noch passende Medikamente finden“. Scheible hat beobachtet, dass sich das Problem der Lieferengpässe in unregelmäßigen Abständen verlagert.

Apothekerin Sandra Scheible zeigt das Medikament Candesartan (Blutdrucksenker), das durch die Lieferengpässe derzeit kaum zu bekommen ist. | Foto: Kungl

Seien heute Blutdrucksenker wie Candesartan knapp, könnten morgen schon ganz andere Stoffe ausgehen – womöglich mit schwerwiegenden Folgen. „Ein Notfallpräparat für Allergiker ist beispielsweise schwer zu bekommen. Das kann für die Betroffenen sehr problematisch werden“, sagt Scheible.

Ich bin 25 Jahre Mediziner, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt.

Patrick Fischer, Sprecher der Ärzteschaft Baden-Baden

Patrick Fischer, Sprecher der Ärzteschaft Baden-Baden, beobachtet die Entwicklung der vergangenen Monate mit Sorgen. „Bisher basteln wir uns Ersatzpräparate zusammen. Aber was ist, wenn auf einmal alle Medikamente eines Typs nicht verfügbar sind?“, fragt er sich. Früher habe es nicht so viele Engpässe gegeben. „Ich bin 25 Jahre Mediziner, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, meint Fischer, für den vor allem die Transparenz bei Lieferengpässen nicht gegeben ist. „Meistens erfahre ich erst durch meine Patienten davon.“

Grüne im Bund schlagen ein Frühwarnsystem bei Lieferengpässen vor

Die Problematik betrifft aber nicht nur Baden-Baden, sondern Apotheken in ganz Deutschland. Die Grünen im Bund fordern deshalb ein Frühwarnsystem, um Engpässen vorzubeugen. Wird ein Arzneimittel knapp, sollen Großhändler frühzeitig das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinproduktion (BfArM) informieren. Darüber hinaus schlägt die Partei vor, dass die Krankenkassen die Kosten für Ersatz-Präparate übernehmen.

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Baden-Badener Apotheker fordert, die Produktion der Medikamente nach Deutschland zu holen

In der Kurstadt lösen diese Vorschläge nur wenig Begeisterung aus. Fischer hält das Frühwarnsystem lediglich für ein Kratzen an der Oberfläche. „Wenn der Weltmarkt tatsächlich so abhängig von den Produktionsländern Indien und Pakistan ist, müssen wir uns ganz andere Gedanken machen.“

Während Scheible glaubt, dass die Vorschläge das Problem etwas lindern könnten, hält Kraemer zumindest das Warnsystem für sinnvoll. Allerdings seien weitgreifendere politische Entscheidungen notwendig. „Nicht nur ein Händler sollte den Zuschlag von den Krankenkassen bekommen“, schlägt er vor. „Und man müsste diejenigen sanktionieren, die nicht liefern können.“

Am wichtigsten sei aber, die Produktion der Arzneimittel nach Europa oder besser noch nach Deutschland zu holen. „Nur so sind wir nicht mehr abhängig.“ Nach den Worten von Fischer habe noch nicht jeder den Ernst der Lage erkannt, viele Patienten würden es einfach so hinnehmen. „Ich finde, dass man viel mehr auf die Barrikaden gehen müsste.“