Freut sich auf die Rückkehr auf die Konzertbühne: Sänger Marc Marshall. Am 11. Juni steht er erstmals auf einer Autokino-Bühne - beim Rantastic in Baden-Baden-Haueneberstein.

Sänger

Marc Marshall: „Autokino-Konzerte sind ein Übergang, aber keine Lösung“

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Trotz der wegen der Corona-Krise abgesagten Konzerte hatte er keine Langeweile: Der Baden-Badener Sänger und Entertainer Marc Marshall hat mit anderen Formaten auf sich aufmerksam gemacht. Vor seinem ersten Live-Konzert nach langer Pause am Donnerstag, 11. Juni, auf der Autokino-Bühne beim Rantastic in Baden-Baden-Haueneberstein sprach BNN-Redakteur Bernd Kamleitner mit dem Künstler.

Am 21. Juni gastiert er ferner im Autokino Karlsruhe und am 6. August 2021 auf der Bühne der Volksschauspiele Ötigheim.

Künstler stehen in der Regel am liebsten vor Publikum auf der Bühne. Wie erleben Sie die Einschränungen durch die Corona-Krise?

Marshall: Ich habe vieles einfach nicht an mich herangelassen und war gewissermaßen in einem Aktionstaumel. Das Wissen, dass mich die Natur mit der Stimme mit einer besonderen Gabe ausgestattet hat und mein musikalisches Talent, das hat mir Kraft gegeben. Ich weiß heute mehr denn je, dass ich Sänger bin und singen will. Mich einfach zurückziehen, das konnte ich mir nicht vorstellen.

Und der wirtschaftliche Aspekt?

Marshall: Die Frage nach dem wirtschaftlichen Aspekt habe ich mir nicht gestellt. Für mich war wichtig, das zu tun. Ich habe mich durch diese über 65 Konzerte im Live-Stream mit über 300 Liedern weiterentwickelt und fühle mich gestählt. Mir kann nichts mehr Angst machen. Und ich kann von Glück reden, dass die Familie bis dato gesund geblieben ist. Für eine verwöhnte Gesellschaft wie der deutschen ist diese Krise aber eine völlig neue Situation.

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Mit vielen Auflagen bzw. Einschränkungen…

Marshall: Der Staat hat meines Erachtens vieles richtig gemacht. Aber auch einen Kardinalfehler: Es wurde zu viel versprochen! Von Anfang an hieß es: Macht Euch keine Sorgen, Ihr werdet alle aufgefangen. Wir haben alles im Griff. Das kann aber niemand im Griff haben. Es geht inzwischen bei den Hilfsprogrammen um hunderte Milliarden. Ich wollte nicht in der Position eines verantwortlichen Politikers sein.

Was letztendlich richtig oder falsch war, wird man, wenn überhaupt, jedoch erst in einigen Jahren wissen. Was mir noch auffällt, ist die Anfälligkeit von Menschen auf irgendwelche Theorien anzuspringen und Dinge für bare Münze zu nehmen, in denen sie kein Fachmann sind. Ich will gar nicht von Fallen reden und hoffe, dass die Lage stabil bleibt und nicht etwa Unruhen aufkommen.

Wie gehen Sie persönlich mit Nachrichtenflut zum Thema Corona um?

Marshall: Ich lasse solche Infos nicht an mich heran, weil ich keinen Mehrwert darin sehe. Mein tägliches Dasein liegt im Singen und darin, Kooperationen für die Zukunft zu gestalten – wann immer diese Zukunft sein wird. Irgendwann geht eine Tür auf und ich bin überzeugt, dass diese Türen, die ich jetzt als Künstler und Mensch öffne, offen bleiben.

Als Künstler kommt man sich aber schon etwas verarscht vor. Wir bekommen zwar Geld, dürfen es aber nicht ausgeben, weil wir es nur für betriebsbedingte Kosten benutzen dürfen. Auf gut Deutsch ist das ein Berufsverbot. Ich gehöre zu den Privilegierten, die auch mal einige Monate über die Runden kommen, aber ich kenne viele Kolleginnen und Kollegen, die so zu Hartz-VI-Empfängern werden. Das Geld, das nicht verdient wurde, ist weg!

Wie sehr fehlt es Ihnen, das Publikum im Blick zu haben, den Applaus zu vernehmen?

Marshall: Nur bedingt, weil ich gelernt habe, das unser Publikum bei Marshall’s Welt der Musik so intensiv zuhört und dabei ist. Bei den Live-Streaming-Konzerten sind Dinge passiert, die René Krömer und mich zu Tränen gerührt haben. So gab es jeden Abend fünf neue Lieder, von denen sich das Publikum eines für die Zugabe aussuchen durfte. Einmal haben wir ein jüdisches Gebet vortragen und René davor noch eine Meditation am Klavier.

Reagiert auf die Corona-krise mit Kreativität: Sänger Marc Marshall aus Baden-Baden.
Reagiert auf die Corona-krise mit Kreativität: Sänger Marc Marshall aus Baden-Baden. | Foto: Bernd Kamleitner

Bei der Frage nach der Zugabe haben die Zuhörer mehrheitlich geschrieben: Nach diesem Stück darf es keine Zugabe mehr geben! Wir saßen da mit Tränen in den Augen, gerührt von der Sensibilität und der Bereitschaft von unserem Publikum, sich zu öffnen und das emotional zuzulassen.

Im Konzertsaal wäre das undenkbar, oder?

Marshall: Im Konzertsaal ist es so, dass nach einem Stück erst einmal der frenetische Applaus kommt. Mir kommt der meistens viel zu früh, weil ich in mir diese ganze Emotion des Stücks noch einmal nachklingen lassen möchte. Diese Stille nach dem Lied beim Live-Streaming-Konzert konnten viele am Anfang nicht begreifen. Mir fehlt der Applaus an der Stelle tatsächlich nicht. Ich spüre dabei aber, dass die Menschen ganz konzentriert dabei sind.

Im Konzertbetrieb vor Corona konnte man nicht immer von hoher Konzentration sprechen. Die Leute filmen, machen Fotos, reden miteinander oder kruschteln manchmal in ihren Handtaschen nach einem Bonbon, weil sie Angst haben, Husten zu müssen. Im Live-Stream-Konzert wird es dagegen richtiggehend zelebriert.

Wie war die Resonanz?

Marshall: Für uns war sie überwältigend. Erstaunlich auch, was uns manche Zuhörer per Paypal dafür überwiesen haben. Auch über Kleinstbeträge haben wir uns gefreut. Es kommt auf die Geste an. Da haben wir uns etwas aufgebaut, was wir vorher so nicht kannten: eine vermeintlich anonyme Form der Kommunikation zu der noch etwas Spirituelles hinzukommt.

Wir reden oft über Energie, über Stimmung und Atmosphäre nach dem Motto: Da liegt was in der Luft… Wir bilden uns ein, dass wir trotz der Apparate, zwei iphones, eins für die Übertragung auf Instagram und eins für Facebook, diese positive Energie spüren. Es ist aber keine Frage, dass ich mich wieder auf die Begegnung mit Publikum freue. Vor kurzem habe ich ein Live-Stream-Konzert in Schwetzingen gegeben. Da waren einige Techniker vor Ort. Am Ende haben sie applaudiert – das war ganz komisch (lacht).

Wenn sie wählen dürften zwischen einem Livestream-Konzert mit der vollsten Konzentration des Publikums und einem Auftritt im Kur- oder Festspielhaus, was wäre Ihnen lieber?

Marshall: Das Live-Erlebnis würde ich auf jeden Fall immer vorziehen. Aber: In den 80er-Jahren war ich öfter in der Sowjetunion auf Kulturreise. Bei Kammermusik in der Philharmonie in Moskau war es tatsächlich so, dass die Menschen erst einmal lange nicht geklatscht haben. Am Schluss folgte ein ganz kurzer, aber respektvoller Applaus. Dann sind alle gegangen – in Ruhe.

Sänger Marc Marshall und Pianist Rene Krömer bei einem seiner Live-Stream-Konzerte, hier aus dem Hotel Roomers in Baden-Baden,
Sänger Marc Marshall und Pianist Rene Krömer bei einem seiner Live-Stream-Konzerte, hier aus dem Hotel Roomers in Baden-Baden, | Foto: Bernd Kamleitner

Und wie läuft es bei uns nach einem Konzert? Wie im Flugzeug: Nach der Landung Flugmodus aus und rausströmen. Ich hole das Auto, du die Mäntel, wir haben einen Tisch im Restaurant reserviert – zig Einflüsse und zack ist der gesamte Genuss dahin. Das ist keine Wertschätzung im eigentlichen Sinne. Die Eintrittskarte ist zwar bezahlt, aber entscheidend ist, was am Abend passiert. Das hat aber jeder selbst in der Hand.

Bei Ihren Auftritt auf der Autokino-Bühne beim Rantastic gibt es für Sie ein neues Format: Lichthupe oder Hupen als Beifall. Sind sie darauf vorbereitet?

Marshall: Nein, es ist meine Premiere. Ich sehe solche Formate als Übergang und nicht als Lösung. Ich bin gespannt, was das mit mir macht. Angst habe ich aber nicht. Es wird ein neues Erlebnis!

Was erwartet das Publikum?

Marshall: Ich habe inzwischen zwei Leitz-Ordner voll nur mit Liedtexten von den Live-Streaming-Konzerten – von A bis Z sortiert. Daraus werde ich Stücke auswählen. Wer zu Marc Marshall kommt, der weiß, dass es immer ein spannender Musikmix werden kann. Wir haben zuletzt die abenteuerlichsten Zusammenstellungen gehabt. Da folgte ein Lied aus einer Operette auf einen Jazzstandard oder ein Chanson auf ein Volkslied oder einen Popsong. Es wird alles dabeisein, auch eigene Stücke.

Das andere ist Inspiration unter freiem Himmel. Ich bin neugierig, deshalb mache ich das. Das Publikum muss auch lernen damit umzugehen: Wie zeige ich es dem Künstler, dass ich es gut finde? Von den Regeln habe ich noch keine Ahnung: Darf man rauswinken oder müssen die Fenster zu bleiben? Wird der Scheibenwischer als Signal betätigt (lacht)?

Gibt es ein Lied, dass  beim Konzert auf der Autokino-Bühne unverzichtbar ist?

Marshall: „Glaub an mich“. Das Lied habe ich mit René Krömer komponiert. Der Text ist von Wolfgang Huber, der viel für Udo Jürgens geschrieben hat. Da schließt sich ein wenig der Kreis; René war auf der letzten Tour von Udo mit dabei. Er hat in der Pepe Lienhard Band gespielt. Ich spüre, dass dieses Lied sehr gut in die Zeit passt und viel Kraft gibt.

Ist vielseitig aufgestellt: Sänger Marc Marshall.
Ist vielseitig aufgestellt: Sänger Marc Marshall. | Foto: Bernd Kamleitner

Würden Sie ein Autokino-Konzert einer Kollegin oder eines Kollegen besuchen?

Marshall: Das habe ich mir so noch nicht überlegt. Überhaupt hatte ich in den letzten zwei Monaten nicht die Kapazität, mir Livestreams von Kolleglen anzuschauen. Ich war so mit mir beschäftigt und bin es immer noch. Ich habe am Anfang gesagt, ich mache das mit dem Livestreaming-Konzerten so lange wie es nötig ist. Das war vielleicht ein bischen vollmundig. Dass es mal 50 am Stück werden, das hätte ich nie gedacht. Inzwischen sind es noch mehr.

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Wie lange wird dieses Format noch nötig sein?

Marshall: Bis wir wieder auf Bühnen vor Publikum dürfen. Ich habe schon ganz schreckliche Szenarien von Veranstaltern gehört, die in riesige Säle auch nur 100 Leute reinkriegen. Die sitzen dann verteilt bis ins letzte Eck – spannend! (verzieht die Augen) Dafür gehen aber viele Dinge, die vorher nicht gegangen sind.

Zum Beispiel?

Marshall: Konzerte vor Altenheimen. Dazu brauchen wir nicht einmal Strom, sondern nehmen ein billiges und batteriebetriebenes Keyboard. Ich stelle mich in den Garten und singe los – ohne Mikro oder sonstige Technik. Manche Bewohner stehen hinter gekippten Fenstern, manche auf dem Balkon, manche dürfen auf die Terrasse. Da habe ich die tollsten Sachen erlebt. Da muss man sich von Eitelkeiten lösen und auf den Kern zurückkommen.

Wenn ich Unterhaltung nur unter optimalen Rahmenbedingungen machen kann, dann bin ich der Falsche. Ich stelle mich irgendwo hin und singe. Das geht! Man kann damit viel mehr erreichen als man denkt. Es geht um die ursprüngliche Motivation.

Das hört sich nach einem Zurück zu den Wurzeln an? Haben Sie früher Straßenmusik gemacht?

Marshall: Ja, erst im Januar und früher während des Studiums. Ich fühle mich immer wie ein Straßenmusiker und nicht als Star, der nur mit einem Wahnsinns-Apparat funktioniert. Ich muss nicht in eine Maschinerie passen. Ich machen den Mund auf und singe – ohne alles. Es ist fantastisch, wie man Menschen damit glücklich machen kann. Das ist eine Bestätigung und meine persönliche Antriebsfeder.

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Davon kann man als Künstler aber nicht auf Dauer leben…

Marshall: Alles kommt zurück. Manche Kollegen kritisieren mich, weil ich Musik verschenke. Ich behaupte, ich mache das, damit die Menschen sehen, dass man auf uns nicht verzichten kann. Wir sind Gaukler, die Menschen zum Lachen und zum Weinen bringen. Dann kommt was zurück.

Wurde von Corona ausgebremst: Mr. M's Jazzclub im Kurhaus Baden-Baden.
Wurde von Corona ausgebremst: Mr. M’s Jazzclub im Kurhaus Baden-Baden. | Foto: Bernd Kamleitner

Ich habe keine Existenzängste, weil ich der Meinung bin, dass ich immer etwas finden werde, um mich über Wasser zu halten. Es gibt aber ein Phänomen, das mich schon immer geärgert hat: Wenn ich zehn oder 20 Konzerte gemacht hätte, hätte kein Hahn danach gekräht. Viele Medien wie das Fernsehen reagierten erst beim 50. Konzert. Es ist eine Tragik: Es geht immer um das Messbare und nicht um das Fühlbare. Das Spektakuläre ist der Türöffner. Das ist leider so.

Viele sehen die Krise als Chance. Sie auch?

Marshall. Ich glaube nicht an die Chance einer solchen Krise. In dem Moment, in dem die Dinge wieder normal laufen, haben die Leute wieder ihren alten Rhythmus. Ich sage das nicht als Vorwurf, sondern als Feststellung.