Mario Adorf: Charmant und unterhaltsam plaudert der berühmte deutsche Schauspieler im Festspielhaus Baden-Baden aus dem Nähkästchen seines Künstlerlebens. Foto: Tom Viering
Mario Adorf: Charmant und unterhaltsam plaudert der berühmte deutsche Schauspieler im Festspielhaus Baden-Baden aus dem Nähkästchen seines Künstlerlebens. Foto: Tom Viering | Foto: Tom Viering

Festspielhaus Baden-Baden

Mario Adorf begeistert mit seiner „Zugabe“

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Er ist zig Tode gestorben. Allein 15 Mal traf ihn eine Kugel. Der Mann wurde zudem vergiftet, mit einem Beil erschlagen, erhängt oder überfahren. Und er berichtet noch von vielen weiteren Arten, wie er ums Leben kam. Wie bitte?

Ja, dafür gibt es eine Erklärung: Der Mensch, der solches erfahren haben will, ist ein Schauspieler. Nicht irgendeiner, sondern der Grandseigneur der deutschen Film-, Fernseh- und Theaterwelt: Mario Adorf.

Nach über 200 Film- und Fernsehrollen steht er mit 88 Jahren noch immer auf der Bühne. Als Entertainer, der erzählt, literarische Texte zitiert, Chansons singt und Szenen spielt, erntet der wohl beliebteste deutsche Schauspieler im Festspielhaus Baden-Baden frenetischen Applaus.

120-minütige Zugabe

Das Wort Abschiedstournee hat er für sein vermutlich letztes Programm nicht gewählt. Adorf nennt es schlicht „Zugabe“. Sie soll bei ihm aber „keine traurige Abschiedsfeier werden“, erklärt er dem Publikum.

Der prominente Akteur, der sich zunächst mit Schurkenrollen, etwa in Winnetou-Filmen, einen Namen macht und später als Charakterdarsteller brilliert, hält Wort. Es wird ein berührender Abend. Er erzählt in seiner 120-minütigen „Zugabe“ Lieblingsgeschichten, berichtet über prägende Erfahrungen und Begegnungen.

Charmant und unterhaltsam präsentiert er seine Erinnerungen, geschmückt mit vielen Anekdoten sowie Pointen, etwa über Versprecher oder Worthänger sowie zum Thema Alkohol. Ohne den, beteuert Adorf, „wäre die Theatergeschichte um viele Anekdoten ärmer“.

Betrunkene Schauspieler, die nüchtern sein müssen

Zum Beispiel die vom Schauspieler, der sich betrinken soll, um die entsprechende Rolle authentisch zu spielen, aber darin ein ernsthaftes Problem sieht, weil er doch im 3. Akt wieder nüchtern sein müsse. „Das musst Du dann spielen“, bekommt der Mime zu hören.

Isch scheiß disch sowatt von zu mit meinem Jeld, dat de keine ruhije Minute mehr hass

Unvergessen: die Kultszene aus dem Fernsehfilm „Kir Royal“. Im kölnisch-rheinischen Tonfall stutzte er als Großprotz „Baby Schimmerlos“ zusammen: „Isch scheiß disch sowatt von zu mit meinem Jeld, dat de keine ruhije Minute mehr hass.“

Zwar besingt Adorf zum Auftakt im Chanson „Alpenglühen“ von Georg Kreisler, begleitet vom Jazzpianisten Klaus Wagenleiter, zunächst schrille Beispiele für „das letzte Mal“ und räumt ein, im fortgeschrittenen Alter hin und wieder Gedanken darüber zu verlieren, Dinge das letzte Mal zu erleben. Das bleibt nicht ohne Folgen: Jeder Anlass werde bewusster genossen, betont der 88-Jährige.

Schauspielprüfung eigentlich vermasselt

Glück und Zufall spielten eine Rolle, dass er Schauspieler wurde und nicht Arzt oder Maler, wie es ihm vorschwebte. An der Otto-Falckenberg-Schule in München kam er demnach nur zufällig vorbei, erzählt die Schauspiel-Ikone.

Die Aufnahmeprüfung schaffte der junge Adorf, obwohl er überzeugt war, sie vermasselt zu haben. Auf der Bühne des Festspielhauses spielt er den Auszug aus Wallensteins Tod von Friedrich Schiller vor, bei dem er über die Rampe in den Zuschauerraum gestürzt war. Seinen Kommentar von damals wiederholt er in Baden-Baden unüberhörbar: „Sch…!“

Nur der Intendant glaube an ihn

Warum er dennoch genommen wurde, offenbarte sich ihm erst Jahre später. Keiner habe ihn haben wollen, außer dem Intendanten, verriet ihm der Leiter der Schauspielschule. Zwei Dinge habe der Intendant demnach dem jungen Adorf attestiert: „Kraft und Naivität“.

Damit hat es der Schauspieler, der in Mayen in der Eifel aufwuchs und in München noch mit dem Volksschauspieler und Sänger Hans Albers um die Häuser zog, in seinem Leben sehr weit gebracht. Auch weil er einen großen Lehrmeister hatte: den im Jahr 1970 in München verstorbenen Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner.

Unteroffizier redete wohl sein Leben

Mit Schauspielern habe Kortner bisweilen stundenlang nur einen Satz gepaukt. Einem Kollegen, erzählt Adorf, habe er dessen mangelndes Talent dagegen mit diesen Worten nahegebracht: „Ich habe den Verdacht, sie schwänzen einen anderen Beruf!“

Beinahe wäre das Leben von Adorf im zarten Alter von 14 Jahren ausgelöscht worden. Am 9. März 1945 wurde er zum Volkssturm einberufen und sollte amerikanische Panzer mit Panzerfäusten stoppen. Ein besonnener Unteroffizier schickte die Jungs jedoch nach Hause – und rettete so ihr Leben.

Bekenntnis zu Europa

Mario Adorf verbindet diese Schilderung und die prägenden Erfahrungen wie Todesangst und Hunger während des Zweiten Weltkriegs mit einem leidenschaftlichen Bekenntnis zu Europa („Wir müssen es erhalten“) und zur Demokratie („Es gibt keine vernünftige Alternative“) sowie mit einem Appell an junge Menschen, sich von Hasspredigern nicht beeinflussen zu lassen: „Lasst Euch nicht verführen!“ Auch dafür gibt es Sonderapplaus!