Maßschneidermeister Olivier Maugé bringt Pia Pöllmann das Abstecken bei.
Im Modesalon von Olivier Maugé lernt Auszubildende Pia Pöllmann seit über zwei Jahren das Schneidern. | Foto: Müller

Maßschneider in Baden-Baden

Olivier Maugé hat bereits 163 Lehrlinge ausgebildet

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In anderen Betrieben herrscht Nachwuchsmangel, bei Olivier Maugé in Baden-Baden bewerben sich dagegen jedes Jahr 80 bis 100 junge Erwachsene um durchschnittlich zwei freie Ausbildungsplätze. Bereits 163 Lehrlinge hat der Maßschneidermeister in seinem Berufsleben ausgebildet, zu Maßschneidergesellen mit Fachrichtung Damenmode.

„Viele träumen von einer Karriere als Designer. Doch der Konkurrenzkampf ist hart“, erklärt Maugé. Die Ausbildung würden sie oft als Sprungbrett nutzen für weitere Karriereschritte wie Modeschulen und Modedesign-Studiengänge. Manche würden sich auch selbstständig machen oder bei ihm als Gesellen weiterarbeiten.

Es ist klasse, ein Handwerk zu lernen

Andere wiederum wechseln die Richtung nach der Ausbildung komplett, wie die 21-jährige Pia Pöllmann. Sie wird demnächst ihre Prüfung zur Maßschneidergesellin ablegen, danach möchte sie aber eher in die soziale Richtung.

Dennoch macht ihr das Schneiderhandwerk viel Spaß: „Es ist klasse, ein Handwerk zu lernen, man kann es immer anwenden.“ So näht sie sich beispielsweise auch selbst manchmal Kleider. Dabei zeigen sich unterschiedliche Schwierigkeiten. „Was man mit einem Stoff sehr gut beherrscht, kann mit einem anderen Material eine komplett neue Herausforderung sein“, erzählt sie.

Einen Schal von Hand rollieren kann gerne einen Tag dauern

Olivier Maugé berichtet, dass Geduld als Maßschneider sehr wichtig sei. „Einen Schal von Hand rollieren kann gerne einen Tag dauern“, berichtet der 63-Jährige. Rollieren bedeutet, den Saum des Schals einzuschlagen und festzunähen. Da sei einiges an Ausdauer notwendig und viel Liebe für den Beruf. Denn reich werde man in diesem Handwerk nicht, informiert er.

Während der Ausbildung bekämen einige der Azubis sogar Berufsausbildungsbeihilfe vom Staat, um über die Runden zu kommen. Dafür sei es aber sehr befriedigend, wenn ein Teil fertig sei und man sehe, was man mit den eigenen Händen geschaffen habe.

Bei Olivier Maugé arbeiten die Azubis direkt für die Kunden

Damit seine Azubis an den Punkt kommen, an dem sie selbst ganze Kleidungsstücke anfertigen können, lernen sie anfangs, Futterröcke zu nähen, machen Säume und Heftarbeiten. Später dürfen sie ganze Röcke erstellen. Dabei arbeiten sie immer direkt für Kunden. „Das ist wichtig, dass sie gleich lernen, unter Zeitdruck zu arbeiten“, erklärt Maugé.

Die Berufsschule ist in Karlsruhe

Auch sei es gut, dass sie nicht, wie in Frankreich, in Vollzeit an einer Schule ausgebildet werden. „In der Schule erstellen sie oft ein Probeläppchen mit nur eine Tasche. Die Kunst ist aber, ein Kleidungsstück mit zwei exakt gleichen Taschen zu nähen“, betont Olivier Maugé.

Seine Azubis gehen einmal pro Woche in die Berufsschule in Karlsruhe, um in Fächern wie Mathe, Englisch, aber auch Schnittkonstruktion, Fachkunde und Zeichnen unterrichtet zu werden. „Wir lernen dort zum Beispiel, wie man einen Rock konstruiert“, so Pöllmann. Allerdings nur in Grundzügen, um richtig Schnitte konstruieren zu können, sei die Meisterschule oder die Ausbildung zur Schnittdirektrice im Anschluss zu empfehlen. Bei der Arbeit im Betrieb designen oder konstruieren die Azubis nicht.

Die traditionelle Maßschneiderei arbeitet sehr viel mit der Hand

„Viele schmeißen das Probearbeiten nach zwei Tagen hin, weil sie dachten, sie könnten hier gleich große Roben entwerfen“, erklärt Maugé. Wenn sie sich allerdings beim Probearbeiten beweisen und einen der begehrten Ausbildungsplätze in Maugés Modesalon ergattern, folgt nach drei Jahren die Gesellenprüfung. „Dafür müssen wir ein Kostüm oder Kleid mit einer Jacke oder einem Mantel nähen“, erläutert Pöllmann.

Obwohl sie sich selbst aussuchen dürfen, was sie nähen, muss ihr Gesellenstück beispielsweise ein Handknopfloch enthalten. „Die traditionelle Maßschneiderei arbeitet sehr viel mit der Hand“, bekräftigt Olivier Maugé.

Das ist auch bei Maßschneiderin Myriam Gerber der Fall, die ebenfalls in Baden-Baden arbeitet.