Eine Hexe tanzt in der Walpurgisnacht im Harz vor einem Feuer. | Foto: Matthias Bein / dpa

Zur Walpurgisnacht

Mit Feuereifer gegen die Hexen

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In der Walpurgisnacht, der Nacht zum 1. Mai, schwingen sich die Hexen auf ihre Besen und fliegen zum Tanz: Der Brocken im Harz, aber auch der Kandel im Schwarzwald oder der Heuberg im Südwesten der Schwäbischen Alb gehören zu den berüchtigten Hexen-Treffs.

Folklore mit Feuer, Festen, Fackelzügen

Wenn heute Nacht die Hexen toben – an „mystischen Orten“ gerne mit Feuer, Festen, Fackelzügen – wird das schaurig-schöne Spektakel meist tourismusfördernd als „Brauchtum“ gepriesen, bisweilen gewürzt mit einer Prise feministischer Nostalgie. Dass vom 16. bis weit ins 18. Jahrhundert hinein europaweit Zehntausende angeblicher „Hexen“ – unter Folterqualen zu Geständnissen gezwungen – auf Scheiterhaufen endeten, schwingt im Hinterkopf mit. Wellen intensiver Hexenverfolgungen gab es auch in unserer Region. In der Markgrafschaft Baden-Baden etwa oder in der Reichsstadt Offenburg.

Streckbank mit Stachelwalze aus dem Elsass, 17./18. Jahrhundert: Die Folter galt in Hexen-Verfahren als Beweisgewinnungsmethode. | Foto: Mittelalterliches Kriminalmuseum Rothenburg ob der Tauber

In den 1970er Jahren kehrten die Hexen zurück

Durch die Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre hat der Walpurgis-Kult kräftig Auftrieb erfahren: Unter dem Motto „Die Hexen kehren zurück“ ging es damals gegen das Patriarchat. Es kam in Mode, die historischen „Hexen“ als weise und starke Frauen, vorzugsweise Heilerinnen und Hebammen, zu deuten – die Hexen-Prozesse hätten demnach darauf abgezielt, weibliche Spiritualität und Macht zu vernichten. Viele Wissenschaftler bezeichnen dies jedoch als „Verschwörungstheorie“.

Hexen-Mythen halten sich hartnäckig

Die Fantasy-Welle ließ den folkloristischen Hexen-Kessel weiter aufbrodeln. Historische Fakten blieben dabei schon mal auf der Strecke. Dabei lässt sich mit dem Nervenkitzel-Thema auch in seriöser Aufarbeitung punkten. Für ihre Hexen-Ausstellungen wurden etwa das Badische Landesmuseum in Karlsruhe (1994) oder das Historische Museum in Speyer (2009/2010) mit großem Publikumsinteresse belohnt. Trotzdem halten sich von Wissenschaftern längst widerlegte Hexen-Mythen sehr hartnäckig. (Mehr dazu unten).

Martin Luther und die Hexen

Derzeit präsentiert das Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber eine Ausstellung zum Thema Hexenglauben und Hexenverfolgungen. Passend zum Reformationsjubiläum liegt dabei ein besonderer Fokus auf der Person Martin Luthers. Der war  vor 500 Jahren fest davon überzeugt, dass es böse Zauberinnen tatsächlich gab. Gegen Hexen solle man „mit dem Schwert oder festem Glauben“ vorgehen, riet der Reformator. „Aufgrund Luthers ambivalenter Haltung zum Hexenglauben konnten sich sowohl Verfolgungsgegner als auch Befürworter auf ihn berufen“, sagt Museumschef Markus Hirte.

Statue des Reformators Martin Luther am Marktplatz in Wittenberg: Der Reformator war überzeugt davon, dass es Hexen wirklich gibt. | Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Verfolgungen mit regional sehr unterschiedlicher Intensität

Luther wegen seines Hexenglaubens anzuprangern – das ist nicht das Anliegen der Rothenburger Ausstellung oder des lesenswerten Begleitbuchs. Eine zentrale Erkenntnis, die man mitnimmt, ist vielmehr: Luther war ein Kind seiner Zeit – einer krisengeschüttelten Zeit wachsender Hexen-Angst. Und die großen Verfolgungen, die mit regional sehr unterschiedlicher Intensität erst nach Luthers Tod einsetzten, kann man an der Konfession der Hexen-Jäger kaum festmachen. Andere Faktoren scheinen eine bedeutendere Rolle zu spielen – obrigkeitliche Machtkämpfe etwa.

Baden im 17. Jahrhundert: Wider das „Unkraut der Zauberei“

Dass Machtkämpfe sich auch an Konfessionsfragen entzünden konnten, zeigt ein Blick ins geteilte Baden zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Die Markgrafschaft Baden-Baden war jahrelang von den evangelischen Baden-Durlachern besetzt gewesen. Als die sich zurückziehen mussten und der katholische Markgraf Wilhelm sein Erbe antreten konnte, machte er sich mit Feuereifer daran, das „Unkraut des Irrglaubens und der Zauberei“ auszurotten. Unter den 230 „Hexen“, die zwischen 1625 und 1631 hingerichtet wurden, waren auffällig viele Anhängerinnen des evangelischen Glaubens. In der Markgrafschaft Baden-Durlach hingegen gab es nur vereinzelt Verurteilungen wegen Hexerei.

Hexenflug und Sex mit dem Teufel

Woraus aber speiste sich der Hexen-Wahn, der Menschen reihenweise auf den Scheiterhaufen brachte? Magische Vorstellungen gibt es seit ältester Zeit, doch im 15. Jahrhundert verschmolzen verschiedene Elemente zum Superverbrechen der Hexerei. Dieses umfasste, so Markus Hirte, den Schadenszauber, den Teufelspakt, Sex mit dem Teufel, den Flug durch die Luft und die Teilnahme am Hexensabbat.

Walpurgisnacht 1981: Die Teufelskanzel stürzt ein

Zu solchen geheimen nächtlichen Treffen sollen die Hexen auch auf den Kandel nordöstlich von Freiburg geflogen sein. Kein Wunder, dass der oberste Teil des Kandel-Felsens „Teufelskanzel“ genannt wurde. Die Teufelskanzel stürzte 1981 aus ungeklärten Gründen ein – ausgerechnet in der Walpurgisnacht. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass zwischen den mächtigen Gesteinsbrocken ein Besen gefunden worden sei.

Die Sonderaussstellung „Mit dem Schwert oder festem Glauben. Martin Luther und die Hexen“ ist bis Ende 2018 im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber zu sehen.
Zur Ausstellung ist ein gleichnamiges, sehr lesenswertes Begleitbuch im Theiss-Verlag erschienen, das  Markus Hirte herausgegeben hat (224 Seiten, 19,85 Euro). Der reich bebilderte Band enthält neben einem ausführlichen Überblick zum Ausstellungsthema aus der Feder von Museumschef  Hirte vertiefende Beiträge von Experten zu Spezialthemen. Dazu gehören unter anderem ein Aufsatz über die frühen Hexenschriften und ein tiefenpsychologischer Versuch über „Luthers Größe“.

Mythen und Fakten

Mythos: Hexen-Verfolgungen und Hexen-Prozesse waren typisch für das „finstere Mittelalter“.
Fakten: Die großen Verfolgungen fanden erst in der frühen Neuzeit statt. Im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation erreichten sie zwischen 1560 und 1630 ihren Höhepunkt, um 1660 kam es erneut zu Prozesslawinen. Als letzte Hexe in Europa wurde 1782 im schweizerischen Glarus die Dienstmagd Anna Göldi hingerichtet.

Mythos: In Europa wurden mehrere Millionen angeblicher Hexen hingerichtet.
Fakten: Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass es 50.000 bis maximal 60.000 Hinrichtungen wegen Hexerei gab. Die meisten Opfer (25.000 nach neueren Schätzungen ) gab es im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, wobei beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen Territorien zu beobachten sind. Zu den Ländern mit einer sehr intensiven Hexenverfolgung gehörten zudem Polen, die Schweiz und Frankreich.

Mythos: Hinter Hexen-Verfolgungen und -Prozessen steckte die katholische Kirche.
Fakten: Hexen-Prozesse fanden in katholischen und in evangelischen Territorien statt. Zwar gab es einige katholische Gebiete, die die Verfolgung besonders exzessiv betrieben – etwa die katholischen Kurfürstentümer Mainz, Köln und Trier oder die Fürstbistümer Würzburg und Bamberg, doch das gilt ebenso für reformierte Gebiete der Schweiz oder das lutherische Mecklenburg. Die Prozesse fanden fast ausschließlich vor weltlichen Gerichten statt.

Mythos: Opfer der Hexen-Verfolgungen in Europa waren ausschließlich Frauen.
Fakten: Mit 70 bis 80 Prozent war der Anteil von Frauen und Mädchen unter den Opfern des Hexenwahns europaweit extrem hoch (auch Kinder wurden hingerichtet). Allerdings wurden in einigen Teilen Österreichs, in Island, Estland und Finnland sogar mehr „Hexenmeister“ als „Hexen“ getötet.

Die Angaben zu den Fakten folgen dem Buch „Mit dem Schwert oder festen Glauben. Luther und die Hexen“, herausgegeben von Markus Hirte.

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