Benedikt Stampa blickt gelassen auf seine erste Spielzeit als Intendant am Festspielhaus Baden-Baden. | Foto: Christian Grund

Benedikt Stampa im Interview

Neuer Baden-Badener Festspielhausintendant blickt gelassen auf die Saison

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Es sieht alles nach einem Traumstart aus: Benedikt Stampa begrüßt zum Beginn seines Amtes als Intendant des Baden-Badener Festspielhauses mit John Neumeier nicht nur einen der angesehensten Choreografen der Welt, sondern auch einen guten alten Bekannten aus seiner Zeit in Hamburg. Im BNN-Interview stellt er sich den drängenden Fragen.

Bei der Pressekonferenz sagt Stampa mit Blick auf die Saisoneröffnung denn auch: „Ich bin echt gelassen.“ Und im Gespräch mit unserer Redakteurin Isabel Steppeler zeigt sich der sympathische Kulturmanager aus Münster in jeder Hinsicht optimistisch.

Die neue Saison beginnt, das Programm steht schon lange. Zeit also zum Durchatmen?

Stampa: Durchatmen vielleicht nicht. Jetzt beginnen die Proben, aber das macht ja den Reiz aus, diese nun miterleben zu können. Dann kommen natürlich auch Sponsorentermine, Besuch, die Family … man hat genug zu tun.

Das Haus mit über 2.500 Plätzen ist riesengroß, das fühlt sich ein wenig an wie auf der Südtribüne im Dortmunder Stadion.

Und viele „erste“ Begegnungen als neuer Intendant …

Stampa: Viele davon hatte ich schon. Es waren aber noch Begegnungen der Art „Du bist ja demnächst Intendant“. Jetzt bin ich der Intendant, jetzt haben die Begegnungen eine andere Qualität. Bisher gab es bei Gesprächen ja noch uns beide, Andreas Mölich-Zebhauser und mich. Jetzt habe ich die ganze Last zu tragen. Ich möchte eine große Nähe zum Publikum haben, das ist neu hier. Das Haus mit über 2.500 Plätzen ist riesengroß, das fühlt sich ein wenig an wie auf der Südtribüne im Dortmunder Stadion. Das ist natürlich eine Herausforderung für mich.

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Die Besucher sind verwöhnt. Seit Jahren erleben sie in Baden-Baden die Crème de la Crème der Klassikwelt. Das wollen Sie weiterführen. Aber wird es in Ihrer ersten Saison eine Handschrift Stampa geben? Worauf können wir uns einstellen?

Stampa: Das sind zwei Sachen. Zum einen die über allen Dingen schwebende Idee: Wir wollen die Neugierde auf das Europäische, die klassische Kultur wecken und dabei mit den Baden-Badener Themen spielen von Orlando di Lasso bis hin zu Johannes Brahms, Clara Schumann und Pauline Viardot.

Baden-Baden ist ja ein Ort, an dem seit 500 Jahren Musikgeschichte geschrieben wird. Das weiß der Rest der Welt noch kaum. Zugegeben, das klingt ein wenig sophisticated. Und das etwas Handfestere ist, dass wir die Festspiele in den nächsten Jahren weiter stärken und profilieren wollen.

Zu den Osterfestspielen kommen die Pfingstfestspiele mit einem eigenen Gesicht, wenn das SWR Symphonie-Orchester als Residenz-Orchester zurückkommt und wir mit wechselnden Dirigenten arbeiten. Vor allem bei den Herbstfestspielen wollen wir versuchen, in den nächsten Jahren wieder eine neue szenische Oper selbst zu produzieren.

Festspielhaus Baden-Baden
Das Festspielhaus in Baden-Baden. | Foto: Uli Deck/Archiv

Es soll also in Baden-Baden wieder zwei große szenische Produktionen pro Jahr geben?

Stampa: Ja, das ist meiner Meinung nach das Mindeste, was man in einem Festspielhaus machen sollte. Und wir werden darum herum programmatische Wochenenden spannen, die von Künstlern gestaltet werden wie zum Beispiel Thomas Hengelbrock oder Cecilia Bartoli. Denn wie John Neumeier sagte: Baden-Baden ist ein Raum der Ruhe, an dem sich Künstler gerne aufhalten und entfalten können.

Diese Besonderheit wie überhaupt das Emotionale am Sehnsuchtsort Baden-Baden in das Programm umzubauen, das ist unser Profil. Wir wissen alle, Musik äußert sich über Emotionen und Geschichten. Und wenn wir das Publikum auch für junge unbekannte Künstler erreichen wollen, müssen wir Geschichten erzählen. Und die können wir nur erzählen, wenn wir einen Faden haben.

Es geht also nicht nur darum, Künstler zu präsentieren. Man muss Beziehungen aufbauen. Das ist eine Erfahrung, die ich in den vergangenen Jahren meines Berufes gemacht habe: Künstler lieben diese Beziehungen zu einem Ort und einer Institution. Im Rahmen dieser ersten Herbstfestspiele spinnen wir den „Orpheus“-Faden mannigfaltig. In John Neumeiers Ballett-Oper, in einem Konzert mit dem Venice Baroque Orchestra und sogar in einem sinfonischen Programm mit Pianist und Dirigent Lahav Shani, einer Neuentdeckung.

Wir haben ein Kernrepertoire, eine Kernaufgabe. Bestehend aus Oper, Ballett, Orchesterkonzert und Kammermusik. Menschen dafür zu begeistern, das ist wichtig.

Eine Herausforderung sind die jüngeren Generationen, die sich kaum noch lange auf eine Sache fokussieren wollen. Reagiert man darauf in Konzertprogrammen? Oder versucht man, sie zurück zu holen?

Stampa: Letzteres ist der Punkt für mich. Ich habe in Dortmund immer gesagt: „Entscheidend ist auf der Bühne“ in Abwandlung des berühmten Fußball-Spruchs „Entscheidend ist auffem Platz“. Und auf der Bühne spielen wir Mahlers Neunte – und zwar ganz. Wir werden nicht anfangen Sinfonien zu zerstückeln, um dem Aufmerksamkeitsdefizit der Jugendlichen Rechnung zu tragen. Wir haben ein Kernrepertoire, eine Kernaufgabe. Bestehend aus Oper, Ballett, Orchesterkonzert und Kammermusik. Menschen dafür zu begeistern, das ist wichtig.

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Wie wollen Sie das machen?

Stampa: Es ist nicht damit getan den ersten Schritt zu tun. Es ist erst damit getan, wenn man die Menschen daran gewöhnt. Deshalb wollen wir in die Erwachsenenbildung investieren, also in die Arbeit mit Menschen zwischen 30 und 50. Zu ihnen müssen wir eine Brücke bauen. Das ist die Klientel, die morgen ihre Karten kauft. Und das sind die Eltern, die ihren Kindern davon erzählen.

Im Grunde haben diese Menschen Interesse an klassischer Musik. Aber es gibt so viele Gründe, nicht hinzugehen. Zu teuer, zu elitär, zu lang, zu unbekannt… Das zu entkräften und vielleicht mit neuem Sinn aufzuladen, ist unsere große Herausforderung. Man kann die Truhe natürlich auch einfach zuklappen, dann liegt der Schatz der Musik für immer auf dem Boden des Rheins. Aber dann fehlt uns etwas. Wenn wir uns als europäische Nation verstehen, dann ist die Kultur etwas, das uns ausmacht.

Was sagen Sie zu den jüngsten Entscheidungen bei den Salzburger Osterfestspielen?

Stampa: Wir verfolgen das in Baden-Baden mit einem leichten Schmunzeln, denn wir wissen mehr als die Salzburger. Es tut mir leid für Christian Thielemann, weil er viel geleistet hat in Salzburg. Und das jetzt so zu beenden, finde ich schwierig. Andererseits: Man hat das Recht, etwas zu beenden. Und ein Festival für wechselnde Ensembles aufzubrechen, das kann man schon machen.

Die Gerüchte, dass die Berliner Philharmoniker wieder nach Salzburg abwandern könnten, sind damit vom Tisch?

Stampa: Stand heute kann ich sagen, ja. Unser Vertrag mit dem Orchester läuft zwar nur bis 2022, da müssen wir formal bleiben. Aber wir planen künstlerisch bereits darüber hinaus, das ist schon mal das erste Anzeichen, dass es weitergeht. Wir werden uns dann zu gegebener Zeit zusammensetzen und über die Konditionen reden. Kirill Petrenko und ich haben tolle Projekte vor. Ich bin da grundoptimistisch.