Als Nikolaus verkleidet besucht Simone Sattler am 6. Dezember Kinder im Kindergarten.
Als Nikolaus verkleidet besucht Simone Sattler am 6. Dezember Kinder im Kindergarten. | Foto: Collet

Brauch am Nikolaustag

Unter dem Bart steckt eine Botschaft

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Wenn sich am Nikolaustag überraschend die Tür öffnet, fangen Kinder vielerorts an, aufgeregt zu tuscheln. Der Gast trägt Bischhofsgewand, Bart, Mitra und einen Sack voll mit Geschenken. Zwar halten die Nikoläuse in Rastatt und Baden-Baden den Brauch am 6. Dezember sowohl in Kindergärten als auch in Familien gleichermaßen am Leben. Ihre Botschaft ist jedoch ganz unterschiedlich.

„Ich schummle mich durch den Keller rein“, erzählt Simone Sattler vom katholischen Pfarramt Iffezheim. Seit etwa fünf Jahren schlüpft sie für den Kindergarten St. Martin in Iffezheim in das rote Kostüm und die Nikolaus-Rolle. „Die Kinder dort wissen, dass ich darunter versteckt bin. Aber das ist in dem Moment nicht wichtig“, sagt die 41-Jährige.

Nikolaus bekommt Tipps

Es geht vor allem darum, über das Thema Helfen und den Umgang untereinander zu sprechen. „Die Erzieherinnen schreiben zuvor auf, was in der Gruppe gut oder schlecht klappt“, erklärt Sattler. Gemeinsam mit den Kindern wolle sie dann deren Bewusstsein für diese Dinge schulen. „Ich bekomme Offenheit und Freude zurück“, sagt sie – und dazu noch zahlreiche selbstgemalte Bilder. Im Gegenzug gibt es Gesundes wie Mandarinen und Nüsse, ab und zu auch ein wenig Schokolade. „Für diese zwei Stunden ist die Welt in Ordnung“, ergänzt die Gemeindereferentin.

Vielleicht gehe ich die Sache anders an.

Ob man einen guten Nikolaus abgibt oder nicht, das hängt wiederum von der Person ab, glaubt sie. Als Frau sei sie in dieser Rolle wohl eher ein Exot. „Vielleicht gehe ich die Sache auch anders an“, vermutet Sattler. „Es geht aber letztendlich nicht darum, wer sich verkleidet, sondern um die Botschaft.“ Der Denkanstoß vom Nikolaus könne manchmal viel bewirken. „Die Kinder haben bei den Gesprächen einen Ausdruck in den Augen, den man bei Erwachsenen auch öfter sehen sollte“, erinnert sie sich an frühere Besuche zurück.

Unter dem Bart und dem roten Gewand versteckt sich ein weiblicher Nikolaus - Simone Sattler.
Unter dem Bart und dem roten Gewand versteckt sich ein weiblicher Nikolaus – Simone Sattler. | Foto: Collet

Besuch mit Effekt

Blickkontakt zu den Wartenden sucht auch Matthias Richtzenhain, sobald er in seinem Nikolauskostüm den Raum im Gaggenauer Kindergarten St. Laurentius betritt. „Dann wird es erst etwas still“, erzählt der Diakon der katholischen Kirche Gaggenau. Als seine zwei Töchter noch in der Grundschule waren, hat der vorherige Nikolaus abgedankt – und er die Rolle an dessen Stelle übernommen. „Die Verantwortlichen geben mir einen kleinen Erziehungsauftrag mit“, erklärt Richtzenhain. Doch sein Ansatz liege vor allem darin, den Kindern zu vermitteln, dass sie geliebt werden. Die Botschaft: „So wie ihr jetzt seid, seid ihr toll.“

Botschaft im Fokus

Erkannt wurde der 60-Jährige unter dem weißen Bart und der Kopfbedeckung im Kindergarten bisher selten, in der Grundschule seines ehemaligen Wohnortes Affenthal war das schon öfter der Fall. „Doch es geht nicht darum, den Kindern etwas vorzumachen, sondern ihnen etwas zu vermitteln“, betont er. Und dazu nutzen die vielen Nikoläuse eben auch ihre traditionelle Verkleidung.

Glocke, Rute und Sack

Spätestens wenn Carmen Huck „Glo-Ru-Sa-Bu“ ruft, überprüft jeder noch einmal, ob er Glocke, Rute, Sack und Buch beisammen hat. „Das ist gewissermaßen unser Schlachtruf“ sagt Wolfgang Huck und lacht. Seit vielen Jahren führt er gemeinsam mit seiner Frau die Anrufzentrale der Nikolaus-Vermietung im Baden-Badener Stadtteil Lichtental. Wer den Bischof mit weißem Bart und Goldenem Buch in den eigenen vier Wänden zu Besuch haben möchte, meldet sich bei ihnen.

Wir geben die Tradition weiter.

„Mittlerweile sind wir zu neunt“, erzählt Huck, der schon seit Entstehung der Aktion dabei ist. „Das ist ewig her“, erinnert sich der 69-Jährige. Die Idee, Nikoläuse zu vermieten, kam 1972 auf. „Das war bei unserem Stammtisch“, sagt Huck. Was mit zunächst drei Nikoläusen begann, erhielt über die Jahre immer mehr Zulauf. „Mittlerweile ist auch mein Sohn mit von der Partie.“ Bedenken, dass die Vermietung zum Erliegen kommen könne, hat er keine. „Wir geben die Tradition weiter“, sagt er. Viele der aktuell tätigen Nikoläuse sind bereits in Rente. „Die jüngeren nehmen am 6. Dezember einen halben Tag Urlaub“, hebt Huck hervor.

Mieten für den guten Zweck

19 Euro kostet der Besuch des Nikolauses pro Kind in Baden-Baden. „Wenn wir einen längeren Anfahrtsweg haben, kommen natürlich noch einige wenige Euro hinzu“, sagt Huck. Der Erlös der Aktion ist für einen guten Zweck und geht unter anderem an die Neuroblastom-Kinderkrebsforschung, erzählt er.

Nervöser Nikolaus

Obgleich der 69-Jährige schon viele Jahre als Nikolaus im Einsatz ist, bleibt das Lampenfieber nicht aus: „Bei meinem ersten Auftritt bin ich immer noch aufgeregt“, gibt Huck zu und ergänzt: „Auch die Kinder sind manchmal nervös.“ Umso schöner sei es, wenn zunächst ehrfürchtige Kinder an Zutrauen gewinnen und sich am Ende sogar auf den Schoß des Nikolauses setzen. In einigen Familien sind er und seine Kollegen bereits seit mehreren Jahren immer wieder. „Kinder, die wir früher besucht haben, haben mittlerweile selbst Nachwuchs – nun besuchen wir den“, erzählt Huck.

Aufgaben in der Familie

In diesem Jahr stehen für die Nikoläuse aus Lichtental etwa 50 Termine an. „Wenn wir in die Familien kommen, ist der Ablauf immer der gleiche“, sagt Huck. Im Vorfeld erhalten die Nikoläuse auf einem Blatt Papier Informationen über positive wie auch negative Eigenschaften der anwesenden Kinder. „Oftmals ähneln sich die Angaben“, ergänzt er. Bei den negativen Aspekten tauche immer wieder „räumt sein Zimmer nicht auf“ oder „sieht zu viel fern“ auf. Diese werden vom Nikolaus zwar angesprochen – ihre Kinder müssen die Erwachsenen jedoch selbst erziehen, betont Huck. „Das ist nicht unsere Aufgabe.“

Geschenke übernehmen die Eltern.

Gleiches gilt für die Besorgung der Geschenke. „Das übernehmen die Eltern“, sagt Huck. Bevor es an die Verteilung geht, singen die Nikoläuse oftmals noch mit den Familien. Der 69-Jährige lacht und sagt: „Es kann gut sein, dass ich am Ende eines solchen Tages sechsmal ,Lasst uns froh und munter sein’ gesungen habe.“