Nur ein Diorama, aber in der Realität kommt es schon vor: Ein Verkehrssünder beschimpft eine Politesse.
Nur ein Diorama, aber in der Realität kommt es schon vor: Ein Verkehrssünder beschimpft eine Politesse. | Foto: Bernd Kamleitner

In Baden-Baden

„Ordnung muss sein“: Knöllchen-Ausstellung im Rathaus

Anzeige

Wer einen bekommt, freut sich natürlich nicht: In Baden-Baden werden jährlich rund 33 000 Knöllchen verteilt – macht im Schnitt 90 pro Tag. Tendenz: gleichbleibend, heißt es dazu aus dem Rathaus. Nicht jeder Verkehrssünder zeigt sich aber einsichtig, wenn die Verwarnung mit der Zahlungsaufforderung unter dem Wischerblatt des Wagens hängt. Das dokumentiert derzeit die Ausstellung „Lovely Rita – Ordnung muss sein“.

Müssen sich die Mitarbeiter des Gemeindevollzugsdienstes wirklich alles anhören? Müssen sie nicht! Aber sie müssen sich schon vieles anhören. Der Hinweis einer Millionärsgattin, die ihren Wagen im Halteverbot parkte und argumentierte „Ich bin die Frau …“, klingt da noch harmlos. Beschimpfungen sind aber keineswegs die Ausnahme, wenn eine Politesse oder ein Kollege ein Knöllchen unter den Scheibenwischer am Pkw des Sünders geklemmt hat. Das kommt in Baden-Baden nicht selten vor. Rund 33 000 Knöllchen werden pro Jahr verteilt – macht im Schnitt 90 pro Tag!

Im Schnitt 90 Knöllchen pro Tag

Weniger werden es nicht, heißt es aus der städtischen Pressestelle. Aber ein kräftiger Zuwachs ist auch nicht zu verzeichnen. Die Tendenz geht in Richtung gleichbleibend. Das hat wohl auch damit zu tun, dass das Personal in seiner Arbeitszeit eben nur ein bestimmtes Tagespensum schafft.

 

Dampf ablassen: Wer will, der kann in der Knöllchen-Ausstellung Strafzettel schreddern am "Rita-Ärger-Schredder".
Dampf ablassen: Wer will, der kann in der Knöllchen-Ausstellung Strafzettel schreddern am „Rita-Ärger-Schredder“. | Foto: Bernd Kamleitner

Wer sich in Baden-Baden oder auch anderswo über sein Knöllchen richtig geärgert hat, hat in einer Ausstellung in den Fluren des Rathauses zwei Möglichkeiten, das für sich ganz persönlich aufzuarbeiten: Er kann seine Hände in Unschuld waschen (an einem Waschbecken und natürlich unter fließendem Wasser) oder Dampf ablassen – und den Strafzettel in einen Aktenvernichter stecken („Ritas Ärger Schredder“).

Ernsthaft-Vergnügliche Auseinandersetzung mit dem Thema

Das lässt schon erahnen, dass die Ausstellung „Lovely Rita – Ordnung muss sein“ eine ernsthaft-vergnügliche Auseinandersetzung mit dem Thema bietet. Wer sich darauf einlassen möchte, muss sich sputen: Die Ausstellung nach einer Idee des Heilbronner Künstlers Uwe Kaiser ist nur noch bis diesen Freitag zu sehen.

Beatle Mc-Cartney schrieb zum Thema einen Song

Beatles-Fans werden bei „Lovely Rita“ an das legendäre Album „Sgt. Pepper“ der Pilzköpfe denken. Im zehnten Lied hat Paul McCartney eine Begegnung mit einer „Meter Maid“ (Politesse) verarbeitet. Erst wollte er einen wütenden Song schreiben, dann wurde es zu einem Flirt mit Lovely Rita. Die Beatles-Scheibe samt historischem Plattenspieler und ein blauer Sgt.-Pepper-Anzug wie ihn einst McCartney auf dem Plattencover trug, sind in der Ausstellung ebenfalls zu entdecken.

Die Wagen der Stadt parken ordnungsgemäß. Davor liegen im Innenhof des Rathaus überdimensionierte Strafzettel . Exponate der Knöllchenausstellung.
Die Wagen der Stadt parken ordnungsgemäß. Davor liegen im Innenhof des Rathaus überdimensionierte Strafzettel . Exponate der Knöllchenausstellung. | Foto: Bernd Kamleitner

Überhaupt: „Es ist eine Entdeckertour“ verweist Petra Heuber-Sänger vom Fachbereich Kultur der Stadt, dass der Besucher schon aufmerksam sein muss, um beim Rundgang die vielen, vielen Details zum Thema nicht zu verpassen.

„Bettelbreit“ geparkter Ferrari

Da gibt es liebevoll gestaltete Dioramen, in denen Szenen rund um das Thema Knöllchen nachgestellt sind. Unter anderem mit Promi-Begebenheiten wie etwa von Ex-Nationaltorhüter Oliver Kahn, der seinen Ferrari laut Sportmoderator Waldemar Hartmann, so die schriftliche Erläuterung, schon mal „brettelbreit“ auf dem Behindertenparkplatz abgestellt haben soll – was natürlich mit einem Strafzettel geahndet werden muss. Vor der Straßenverkehrsordnung sind alle gleich – oder sollten es sein.

Beschimpfungen sind so passiert

In der Ausstellung kann der Betrachter zudem in die Rolle der Mitarbeiter des Gemeindevollzugsdienstes schlüpfen – und wird mit Beschimpfungen konfrontiert. „Die sind so passiert“, bestätigt Heuber-Sänger den Wahrheitsgehalt der Aussagen. Klaus Dziekan vom Gemeindevollzugsdienst (in der Ausstellung auch zu sehen) und seine Kollegen haben keinen leichten Job: „Die müssen sich auf der Straße so einiges anhören“, weiß Heuber-Sänger.

Gefühlswelten aus unterschiedlichen Perspektiven

So erlebt der Besucher Gefühlswelten aus unterschiedlichen Perspektiven und sogar aus anderen Ländern. Kollegen von Dziekan in den Partnerstädten Moncallieri in Italien – sie tragen eine coole Sonnenbrille – und Karlsbad kommen ebenfalls zu Wort. Aus der tschechischen Stadt sind keine Beschimpfungen von Knöllchenempfängern überliefert. „Da ist ein größerer Respekt da“, berichtet Heuber-Sänger.

Die Ausstellung „Lovely Rita – Ordnung muss sein“ ist noch bis zum Freitag, 2. August, in den Fluren des Rathauses in Baden-Baden zu sehen. Ausgangspunkt für den Besuch der Schau ist das Bürgerbüro am Jesuitenplatz. Verkehrsschilder weisen den Weg durch die Rathausebenen. Die Idee zu einer Ausstellung über den Alltag im Gemeindevollzugsdienst und die oft verärgerten Reaktionen der Knöllchenempfänger hatte der Heilbronner Künstler Uwe Kaiser. Er zeigt auf humorvolle Weise Exponate zu Falschparkern sowie Knöllchen – und will damit um Verständnis auf beiden Seiten werben. Öffnungszeiten:  Montag bis Mittwoch 9.30 bis 16 Uhr, Donnerstag 9.30 bis 17.30 Uhr und am letzten Tag, am Freitag, von 9.30 bis 13 Uhr.