"Die Politik hat uns schon so viel versprochen", sagt Sonja Möhrmann, die Betriebsratsvorsitzende der Gaggenauer Altenhilfe. Und: "Wir finden neue Wege des Widerstands." | Foto: Modlich/DENKwirkstatt

Die Pflege als Pflegefall?

„Pflege hat lange genug stillgehalten“: Pflegebündnis Mittelbaden geht in den Widerstand

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Das Pflegebündnis Mittelbaden hat jüngst mit einer Zeitungsanzeige auf sich aufmerksam gemacht, dort war zu lesen: „Ist das Wertschätzung? Gestern wurde geklatscht und heute wird um den Bonus gefeilscht“. Sonja Möhrmann, die Betriebsratsvorsitzende der Gaggenauer Altenhilfe, fasst im BNN-Gespräch den Unmut in der Belegschaft zusammen.

Der hat sich nicht gelegt – im Gegenteil, er ist größer geworden. Der Altenhilfeverein ist in Gaggenau der größte Träger von Seniorenangeboten, er führt drei Häuser. Möhrmann klagt: „Die Pflege hat lange genug stillgehalten. Während andere Berufsgruppen in den letzten Jahren im Streik waren und Forderungen durchgesetzt haben, sind wir an den Pflegebetten geblieben und haben unsere Hausbesuche durchgeführt, weil wir ja unsere Bewohner nicht alleine lassen können. Die Politik hat uns schon so viel versprochen. Doch die allermeisten Pläne funktionieren nur auf dem Papier und nicht in der Realität. Doch jetzt erheben wir unsere Stimme und finden neue Wege des Widerstands. Und wir werden nicht mehr schweigen, bis sich etwas in der Pflege ändert.“

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Die Krise als Beschleuniger

Die Corona-Krise hat gewissermaßen als Beschleuniger für den schon seit langem vorhandenen Unmut in der Belegschaft gewirkt, was das Thema Wertschätzung angeht. Moralisch wie materiell gleichermaßen. Nach der Ankündigung eines Bonus für die Pflegeberufe folgte die politische Diskussion über dessen Finanzierung, den Möhrmann als „Geschacher“ empfindet, das den Bonus zum Teil wieder entwerte.

Stress wegen Corona

Dabei sind die Anforderungen an die Pflege während der „Hochphase“ von Corona außerordentlich hoch gewesen. Die Betriebsratsvorsitzende denkt zurück an die Belastungen, als zunächst keine Schutzausrüstung zu bekommen war. „Als welche da waren, stellten wir schnell fest, wie belastend das Tragen dieser Schutzausrüstung bei der Pflege sein kann. Ständig müssen wir neue Arbeitsanweisungen beachten, weil sich gesetzliche Änderungen ergeben haben.“

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Kriegstraumata kamen hoch

Hinzu kam die Schließung der Einrichtungen, das Besuchsverbot musste wiederum von den Pflegekräften aufgefangen werden: „Bei manchen Bewohnern sind Kriegstraumata hochgekommen oder sie haben ihre Angehörigen vermisst. Wir Pflegekräfte sind ja auch für das Seelische der Menschen da. Doch damit umzugehen, ist nicht einfach, braucht Zeit und kann sehr belastend sein.“ Hinzu kam die ständige Angst des Pflegepersonals, sich selbst anzustecken. Die mit der Teil-Öffnung der Häuser nicht geringer geworden ist.

Immer größerer Dokumentationsaufwand

Sonja Möhrmann sieht die Pflege selbst inzwischen als Pflegefall. Der Beruf ist wenig attraktiv in den Augen junger Menschen, die Nachfrage nach den Ausbildungsplätzen hält sich in Grenzen. Und dies, wo die Schere immer weiter auseinander geht, weil die Zahl alter Menschen mit großem Betreuungsbedarf stetig ansteigt.

Seniorenheime in Corona-Zeiten: Wie hier im Helmut-Dahringer-Haus in Gaggenau gibt es Einschränkungen für Besucher, aber auch mehrfach wechselnde Vorschriften für die Mitarbeiter. | Foto: Dorscheid

Für Frust in den Belegschaften sorgt besonders, dass die Dokumentationspflicht immer größeren Raum einnimmt und weniger Zeit für das „Sich-Kümmern“ lässt. „Hört man seitens der Regierung ‚Wir müssen die Pflege verbessern‘, dann kommt meistens dabei noch mehr Dokumentation raus. Und nicht die gewünschte nötige Zeit für den älteren Menschen.“

Bessere Bezahlung

Eine Entbürokratisierung, anstatt die Pflege mit immer noch mehr Dokumentation verbessern zu wollen, ist denn auch eine der Forderungen der Arbeitnehmervertreterin. Wohl geht es auch um eine bessere Bezahlung („In der Pflege dürfte kein Mensch mehr nach Mindestlohn bezahlt werden“), dies solle aber nicht in der Form einer Umlage auf die Heimbewohner erfolgen. Die Frage nach besseren Arbeitsbedingungen und attraktiveren Dienstplänen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie sieht Möhrmann ebenfalls noch nicht beantwortet.

Frage an die Gesellschaft

Sie will aber nicht alleine die Politik in die Pflicht nehmen: „Forderung an unsere Gesellschaft wäre: Sich selbst die Frage zu stellen, wie und von wem werde ich im Alter versorgt? Dies wäre vielleicht ein Beginn, die Anerkennung des Altenpflegers in der Gesellschaft zu steigern.“