Mit kleinen Kameras, den so genannten Bodycams, gehen demnächst auch Polizeibeamte in Baden-Baden auf Streife. | Foto: Martin Schutt/dpa

Gespräch mit Revierleiter

Polizei ist bald mit Bodycams in Baden-Baden unterwegs

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Die Ankündigung von Landesinnenminister Thomas Strobl (CDU) wird jetzt auch in Baden-Baden umgesetzt: Die Bodycam wird zur Standardausrüstung der Polizeistreife. Die kleinen Kameras sind inzwischen ausgeliefert. Spätestens im Mai werden in der Bäderstadt Polizeistreifen mit den Aufnahmegeräten unterwegs sein, kündigt Polizeichef Lutz Kirchner im BNN-Gespräch an.

Bodycams sind aus Sicht der Politik in wichtiger Baustein, um gegen zunehmende Gewalt und Respektlosigkeit gegen Ordnungshüter vorzugehen. In Baden-Baden herrschen zum Glück keine Zustände wie in Großstädten, wo Gewalt gegen Einsatzkräfte bisweilen ein großes Problem darstellt.

Doch die Zahl der registrierten Fälle haben an der Oos in 2018 im Vergleich zum Vorjahr um über 60 Prozent zugenommen. Die tatsächlichen Zahlen relativieren die Lage aber: Insgesamt wurden 21 Fälle aktenkundig, berichtet der Polizeirat. Der Trend sei aber erkennbar: „mehr Respektlosigkeit“ gegenüber der Polizei gibt es auch hier. Landesweit waren es an die 4.500 Übergriffe.

Bodycams mit Pre-Recording

Wie in Hessen sind im Südwesten Bodycams mit dem so genannten Pre-Recording im Einsatz, erläutert Kirchner. Dabei werden kontinuierlich 60 Sekunden aufgezeichnet. Erfolgt darauf keine vom Beamten durch Knopfdruck aktivierte Aufnahme, werden die 60 Sekunden automatisch wieder überschrieben – also nicht gespeichert.

Aktiviert der Ordnungshüter den Aufzeichnungsmodus, soll so nicht nur die Reaktion der Polizei auf einen Vorfall nachvollziehbar sein, sondern auch das, was sich davor ereignete, zum Beispiel eine Provokation.

Berittene Polizei, wie hier beim Fastnachtsumzug in Baden-Oos, wird in der Bäderstadt künftig öfter zu sehen sein. | Foto: Kamleitner

Kamera-Einsatz nur im öffentlichen Raum

Die Bodycam kommen aber nur im öffentlichen Raum zum Einsatz, zum Beispiel, wenn eine Streife in der Fußgängerzone in der Bäderstadt unterwegs ist. Bei häuslicher Gewalt oder in Discos dürfen sie nicht getragen werden, räumt Kirchner ein. Gerade dort geht es manchmal gegen die Beamten heftig zur Sache.

Gefährlicher Beruf

Kirchner hat es als 21-jähriger Polizist in Frankfurt am eigenen Leib erfahren. Die mehrere Zentimeter lange Klinge in der Hand eines rabiaten Widersachers verfehlte ihn damals nur knapp. „Da hätte mein Leben schon vorbei sein können“, ruft er die Gefährlichkeit des Polizeiberufs in Erinnerung. Neben den Bodycams wird berittene Polizei ein gewohnter Anblick im Stadtbild bleiben – wie zuletzt etwa beim Fastnachtsumzug in Baden-Oos.

Wir wollen Präsenz zeigen.

Lutz Kirchner, Leiter Polizeirevier Baden-Baden

Neue Einsätze von Kräften der Reiterstaffeln aus Mannheim und Stuttgart sind geplant – auch in der Fußgängerzone und in der Allee. „Wir wollen Präsenz zeigen“, betont Kirchner. Mit dem Sympathiefaktor Pferd werde die Polizei besser wahrgenommen und komme zudem leichter mit den Menschen ins Gespräch.

Kirchner setzt auf Transparenz

Lutz Kirchner ist seit fast zwei Jahrzehnten bei der Polizei – und in der Zeit dienstlich ganz schön rumgekommen. Mittlerweile muss er von seinem Wohnort in einem Rastatter Stadtteil nicht mehr so weit zu seinem Arbeitsplatz in der Gutenbergstraße in Baden-Baden fahren. Der 37-Jährige, inzwischen Polizeirat und Vater von drei Kindern, ist seit Oktober Leiter des Polizeireviers.

Aus dem Effeff kennt Lutz Kirchner die Polizeiarbeit. Seit Oktober leitet er das Revier Baden-Baden. | Foto: Kamleitner

Einen Leitsatz hat er sich besonders auf die Fahnen geschrieben: Transparenz. „Wir wollen nichts beschönigen, sondern sagen, wie es ist“, sagt er im BNN-Gespräch. Bei den Fallzahlen müssen in der Bäderstadt nicht alle Alarmglocken schrillen.

Keine Kriminalitätshochburg

Baden-Baden ist keine Kriminalitätshochburg, aber auch keine reine Insel der Glückseligen. Kirchner weiß, dass die realen Zahlen und das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger oftmals weit auseinanderliegen. Er kann zudem nachfühlen, dass Betroffene, bei denen eingebrochen wurde, darunter psychisch noch lange leiden.

Wir wollen nichts beschönigen, sondern sagen, wie es ist.

Der Revierchef hat schon die verschiedensten Bereiche der Polizeiarbeit kennengelernt. In den Anfangsjahren war er etwa in Frankfurt unter anderem im Rauschgiftdezernat tätig, danach bei der Bereitschaftspolizei in Bruchsal und ein halbes Jahr stellvertretender Revierleiter in Ettlingen.

In der Planungsgruppe bei Papstbesuch

Als Papst Benedikt XVI. im September 2011 Freiburg besuchte, war Kirchner Mitglied der Planungsgruppe, die für die Sicherheit der Großveranstaltung verantwortlich zeichnete. Während seiner Tätigkeit bei der Hubschrauberstaffel in Stuttgart war er etwa mit dem Luftraumschutz für eine internationale Konferenz in Basel befasst.

Polizeiwache soll saniert werden

Auch um die Einführung der Bodycam ging es in seiner Zeit im Innenministerium, als Kirchner in einem Referat für polizeitaktische Angelegenheiten arbeitete. Als Motorradfahrer kennt er übrigens die Zustände auf der B500: „Ich werde auch in Kurven überholt, die man nicht einsehen kann.“ Ein Ziel verfolgt er zudem im eigenen Haus: Bis zum Jahr 2021 soll die Wache in Stufen saniert werden.

Das Polizeirevier in Baden-Baden ist für die Bäderstadt und ihre Stadtteile sowie für Sinzheim zuständig. Das Rebland fällt in das Einzugsgebiet des Reviers Bühl. Das Revier Baden-Baden beschäftigte zuletzt 75 Ordnungshüter. Die Zahl schwankt immer wieder, weil Kollegen in den Ruhestand gehen beziehungsweise neue hinzukommen. Bühl und Baden-Baden sind zwei der insgesamt neun Reviere mit 20 Posten des Polizeipräsidiums Offenburg. Das Polizeipräsidium ist für rund 700 000 Einwohner zuständig. Über die Entwicklung der Kriminalstatistik für den Stadtkreis Baden-Baden haben die BNN in der Ausgabe vom Mittwoch, 27. März, berichtet. Alle Zahlen finden sich auch auf der Homepage des Polizeipräsidiums Offenburg.

 

Kommentar
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Es gehört eigentlich zu den Gepflogenheiten, wenn sich Menschen begegnen: den anderen respektieren. Doch im Alltag ist diese Form der Wertschätzung längst nicht mehr selbstverständlich. Rüpeleien, Hasstiraden und manches mehr sind keineswegs die Ausnahme. Auch die Ordnungshüter im Land verzeichnen bei ihren Einsätzen eine zunehmende Respektlosigkeit. In Baden-Baden sind die Zahlen noch nicht alarmierend, aber beschönigen muss man das Thema deswegen keineswegs.
Ob die kleinen Kameras, die Polizeibeamte auf Streife künftig tragen, diese Entwicklung stoppen können, wird sich zeigen. Experten setzten dabei unter anderem auf den Effekt, dass sich rabiate Zeitgenossen nicht mit denen solidarisieren, die schon gegenüber den Polizei auffällig geworden sind. Hier soll die laufende Kamera abschreckend wirken.
Ein Patentrezept gegen Gewalt gegen Ordnungshüter sind die Bodycams aber dennoch nicht, weil ihr Einsatz auf den öffentlichen Raum beschränkt ist. Bei privaten Streitigkeiten in den eigenen vier Wänden geht es bisweilen hoch her. Sanitäter und Ordnungshüter können davon ein Lied singen, wenn ihnen blanke Wut entgegenschlägt. Solche Vorfälle darf aber keine Bodycam dokumentieren.   Bernd Kamleitner