Rabbiner als Stadtführer: Daniel Naftoli Surovtsev von der Israelitischen Kultusgemeinde Baden-Baden spürt in einer Broschüre der jüdischen Vergangenheit nach. | Foto: Rudolphi

Rabbiner schreibt Stadtführer

Jüdische Geschichte ist in Baden-Baden präsent

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Daniel Naftoli Surovtsev ist ein weltoffener Mann. Von Abkapselung oder gar Abschottung hält der Rabbiner gar nichts. Das beherzigt er auch in seiner Arbeit für die Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Baden-Baden, die er seit gut zweieinhalb Jahren betreut. Surovtsev versucht, die etwa 700 Mitglieder umfassende Jüdische Gemeinde Zug um Zug zu öffnen und in die Öffentlichkeit der Bäderstadt zu integrieren.

Offenheit ist ein wichtiges Anliegen

Ob Spielgruppe für Kinder, Teilnahme an der Interkulturellen Woche oder Feiern wie das Laubhüttenfest – für den jungen Rabbiner haben die jüdische Kultur und Tradition einen festen Platz im städtischen Leben.
Dazu gehört für Surovtsev ebenso, die jüdische Vergangenheit der Bäderstadt wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken. Seine frisch publizierte Broschüre soll dazu beitragen: „Jüdische Spuren in Baden-Baden. Der besondere Stadtführer“ hat der Rabbiner das Heft betitelt, mit dem er in die Geschichte eintaucht.

Amerikanischer Student ist ein Ideengeber

„Ein amerikanischer Student hat mich auf die Idee gebracht“, verrät Surovtsev im BNN-Gespräch. Der junge Mann sei bei ihm zu Gast gewesen und habe erzählt, dass er an einer Dissertation über die Historie jüdischer Hoteliers und Gastronomen arbeite. Ein weiterer Zufall hat Surovtsevs Idee befeuert: Im Bestand der Synagogen-Bibliothek hat er ein altes Gebetsbuch entdeckt, in dem sich der Stempel eines Baden-Badener Hotels befindet, das Anfang des 20. Jahrhunderts damit für die koscheren Mahlzeiten auf der Speisekarte warb.

Der Rabbiner wird in Archiven fündig

Mit seiner Broschüre wollte Surovtsev zudem einen Beitrag zum zehnjährigen Bestehen des Rabbinerseminars zu Berlin leisten, an dem er seine Ausbildung absolviert hat. Der Rabbiner fing an zu recherchieren und wurde schnell fündig. In Archiven und Büchern wie etwa Angelika Schindlers „Der verbrannte Traum“ gibt es zahlreiche Hinweise auf ein früher reiches jüdischen Leben in Baden-Baden.
Die Broschüre listet 15 Stationen auf, die in einem Stadtplan markiert sind und Zeugnis geben von der jüdischen Vergangenheit.

Hotels boten koschere Mahlzeiten an

Surovtsev weist darauf hin, dass in der Stadt nicht nur viele jüdische Bürger gelebt haben, sondern das Oostal auch eine beliebte Destination für jüdische Gäste aus aller Welt war. Demnach zählte Baden-Baden seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu den drei europäischen Top-Zielen dieser Reisegäste – unter anderem weil mehrere Hotels und Restaurants auf jüdische Besucher spezialisiert waren und koschere Mahlzeiten anboten.

Die zerstörte Synagoge steht im Fokus

Dreh- und Angelpunkt des „besonderen Stadtführers“ ist die ehemalige Synagoge, die die Jüdische Gemeinde 1899 in der Stephanienstraße 5 errichtet hat. SS-Leute brannten das Gotteshaus in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 nieder. Heute erinnert ein Gedenkstein an die zerstörte Synagoge.
Prominente jüdische Hotels waren beispielsweise das „Central“, Stephanienstraße 1, und das „Tannhäuser“ am Sonnenplatz. Sie galten als die traditionsreichsten und renommiertesten jüdischen Hotels in der Stadt.
Jüdische Bürger bereicherten zudem das wirtschaftliche Leben der Stadt.

Gedenkstein: Eine Tafel am Grundstück Stephanienstraße 5 erinnert an die 1938 zerstörte Synagoge. | Foto: Rudolphi

Leseinstitut prägte das kulturelle Leben

In der Sophienstraße führten sie einige Geschäfte. Die heutige alte Hof-Apotheke in der Lange Straße gehörte früher Julius Wohl, Mitglied der Jüdischen Gemeinde, und das Gebäude des heutigen Modehauses Wagener beherbergte früher das Kaufhaus Lipsky. Eine wichtige Rolle im jüdischen Kulturlebens spielte das Leseinstitut, das Dawid Rafael Marx im Konversationshaus (heute Kurhaus) etabliert hatte: Es war ein beliebter Treffpunkt des intellektuellen Publikums.

Die Broschüre „Jüdische Spuren in Baden-Baden. Der besondere Stadtführer“ von Rabbiner Daniel Naftoli Surovtsev ist in einer Auflage von 300 Stück erschienen. Das Heft ist bei der Israelitischen Kultusgemeinde Baden-Baden, Sophienstraße 2, erhältlich. Bis jetzt liegt er noch nicht an öffentlichen Stellen aus.
Auf Wunsch bietet der Rabbiner Führungen zu den Stationen seines Stadtführers an. Kontakt per E-Mail:
rabbiner@ikg-bad-bad.de