Nach wie vor stillgelegt ist das öffentliche Kulturleben: Auch nach acht Wochen „Shutdown“ ist immer noch unklar, wie die Finanzhilfe ausfallen wird. Daher melden sich nun die kulturellen Sparten mit eigenen Berechnungen zu Wort.
Nach wie vor stillgelegt ist das öffentliche Kulturleben: Auch nach acht Wochen „Shutdown“ ist immer noch unklar, wie die Finanzhilfe ausfallen wird. Daher melden sich nun die kulturellen Sparten mit eigenen Berechnungen zu Wort. | Foto: dpa

Baden-Baden/Ötigheim

Rettungsschirme für Festspielhaus und Volksschauspiele gefordert

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Die Forderungen nach Rettungsschirmen für die von der Corona-Krise bedrohte Kulturlandschaft werden lauter. So hat die Musikwirtschaft mitgeteilt, Hilfe in Höhe von 582 Millionen Euro zu benötigen. Dies entspreche zehn Prozent der erwarteten Verluste bei sechsmonatiger Wirkung der Corona-Beschränkungen.

In Baden-Württemberg haben die Landtagsabgeordneten Alexander Becker und Tobias Wald (CDU) einen Rettungsschirm für gemeinnützige kulturelle Einrichtungen wie das Festspielhaus Baden-Baden und die Volksschauspiele Ötigheim gefordert.

Was bringt das Festspielhaus Baden-Baden der Stadt und der Region? Natürlich hochkarätige Konzerte. Aber, laut zwei Gutachten der Universität St. Gallen, auch pro Jahr einen Zufluss an Kaufkraft von 50 Millionen Euro.

Darauf verweist Tobias Wald, finanzpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion. Er fordert gemeinsam mit seinem Parteikollegen Alexander Becker einen Rettungsfonds für gemeinnützige kulturelle Einrichtungen. Nicht nur im Interesse der Kulturfreunde, auch im Interesse der gesamten Region.

Der materielle und immaterielle Schaden stünde in keinem Verhältnis zu den einzusetzenden Geldern.

Tobias Wald und Alexander Becker, MdL (CDU)

Besonders hervorgehoben werden für Baden-Baden das Festspielhaus und für Rastatt die Volksschauspiele Ötigheim. Wenn diese durch den Ausfall der Saison existenziell bedroht wären, stehe „der materielle und immaterielle Schaden in keinem Verhältnis zu den einzusetzenden Geldern“, heißt es im Schreiben der Abgeordneten an Kunstministerin Theresia Bauer (Grüne).

Ökonomische Bedeutung

Die Bedeutung kultureller Einrichtungen im Südwesten ist statistisch verbürgt. Jeweils rund 16 Millionen Besucher in Museen und Kinos, mehr als drei Millionen Besucher in Theatern und rund 58 Millionen Ausleihen in kommunalen Bibliotheken listet das Statistische Landesamt etwa für 2017 auf.

Die ökonomische Bedeutung der Kreativwirtschaft hatte Monika Grütters (CDU) als Bundesbeauftragte für Kultur schon zu Beginn der Corona-Krise Mitte März betont.

Existenzielle Bedrohung

Doch danach schien es, als müsste sie zum Jagen getragen werden: Erst Ende April wurde verlautbart, ihr Haus verhandle mit dem Finanzministerium über einen Strukturfonds Kultur. Danach fiel wieder der Mantel des Schweigens über das Thema, wie der Schauspieler Ulrich Matthes im TV-Talk „Hart aber fair“ anprangerte.

Mit deutlichen Worten wies Matthes auf die existenzielle Bedrohung der Kinolandschaft hin: Das Ende der Krise könne möglicherweise nur die Hälfte der Kinos noch erleben – „und die werden dann nicht mehr aufgemacht“.

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Reichen 500 Millionen Euro in der Corona-Krise?

Wie lässt sich dieses Szenario vermeiden? Die 500 Millionen Euro, die vom Kulturrat für den (noch unbestätigten) Strukturfonds Kultur vorgeschlagen wurden, könnten helfen. Doch ausreichen würden sie wohl gerade mal für die Filmwirtschaft. Die bezifferte ihren kurzfristigen Hilfsbedarf bereits Mitte April auf 563,5 Millionen Euro.

Auf die Kinos würden hiervon 186 Millionen Euro entfallen. Anfang Mai wurde immerhin eine einmalige Sonderförderung für Programmkinos angekündigt, um, laut Grütters, den „Kulturort Kino zu sichern“. Die Gesamthöhe: fünf Millionen Euro. Für kommerzielle Kinos, die ihre Infrastruktur ebenfalls ohne jegliche Einnahmen aufrechterhalten, ist bislang gar kein Geld in Aussicht.

Musikbranche in der Krise

Das dürfte die Musikwirtschaft wenig optimistisch stimmen. Die beziffert ihren akuten Unterstützungsbedarf laut einer Mitteilung von zehn Verbänden auf 582 Millionen Euro – nicht als Kredit, sondern als staatliche Hilfe.

Diese Summe entspreche nach internen Erhebungen rund zehn Prozent der zu erwartenden Einbußen der Musikwirtschaft, die sich bei einer sechsmonatigen Dauer der Covid-19 bedingten Maßnahmen ergeben würden.

Und auch wenn einige Bundesländer bald erste Konzerte wieder erlauben wollen, ist der Zeitraum wohl optimistisch kalkuliert. Zwar hat die Branche bislang die Planungen für das Tourneegeschäft im Herbst nicht zurückgefahren.

Doch wie sich Konzerte in Räumen mit eingeschränkten Kapazitäten wirtschaftlich durchführen lassen sollen, ist noch unklar. „Ein internationales Jazztrio vor 20 Leuten spielen zu lassen, wäre ein großes Verlustgeschäft“, erklärt etwa Martin Holder vom Karlsruher Kulturzentrum Tempel.

Großes privates Engagement

Freigesetzt hat die Krise allerdings auch privates und persönliches Engagement: Bei der bundesweiten Spendenaktion #MusikerNothilfe der Deutschen Orchester-Stiftung für freischaffende Musiker seien bislang mehr als 1,5 Millionen Euro zusammengekommen, teilte die Stiftung mit.

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Nach ihren Angaben wurden inzwischen mehr als 3.000 freiberufliche Musikerinnen und Musikern, die durch die Corona-Krise keine Verdienstmöglichkeiten mehr hätten, mit jeweils 400 Euro Soforthilfe unterstützt. Mehr als 1.000 Anträge seien momentan noch in Bearbeitung.

Jüngst hätten die Mitglieder der Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim 30.000 Euro gespendet, hieß es. Angesichts der immer deutlicher werdenden Lücken sind aber selbst solche Beträge wohl nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Kommentar: Kultur ist kein Hobby
Wie viele Menschen würden wohl Hotels und Restaurants in einer Stadt besuchen, in der es nichts außer Hotels und Restaurants gibt? Wo kein Museum, kein Kino, kein Konzertsaal, kein Theater und kein Club zum Ausgehen verleiten? Auch Innenstadtgeschäfte profitieren eher von der Anziehungskraft kultureller Angebote als umgekehrt.
Doch wenn es darum geht, diese von der Corona-Krise extrem hart getroffenen Strukturen zu erhalten, dann wird kulturelles Schaffen ganz schnell auf den Status eines Hobbys mit Privatrisiko zurückgestuft. Frei nach dem Motto: Selber schuld, wenn jemand Geiger wird – er hätte ja auch eine Banklehre machen können.
Dieser Trugschluss mag daher rühren, dass künstlerische Tätigkeit meist mit dem Begriff der Freizeit assoziiert wird. Es gibt unzählige Amateure, denen das schiere Ausüben ihres Hobbys, sei es beim Hauskonzert oder im Aquarellkurs der Volkshochschule, bereits Lohn genug ist.
Doch es wäre absurd, diese Perspektive auf hauptberufliche Künstler anzuwenden. Auch wenn viele sich derzeit selbstausbeuterisch kostenfrei im Internet präsentieren, um nicht vergessen zu werden: Dort geht es nicht um private Selbstverwirklichung. Sondern um professionelles Personal und professionelle Strukturen in einer Branche, die keineswegs nur für gesellschaftliche „Wellness“ relevant ist.
Die Kreativwirtschaft hat 2018 eine Bruttowertschöpfung von 100,5 Milliarden Euro geschaffen, wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu Beginn der Corona-Krise erinnerte. Wer es jetzt für verzichtbaren Luxus hält, ein bis zwei Prozent dieser Wertschöpfung in die Rettung dieser Strukturen zu investieren, muss sich bewusst sein, was ohne Hilfe droht. Nämlich die Zerstörung dieser Wertschöpfung und der Wandel von Zehntausenden Steuerzahlern zu Sozialhilfefällen. Wer fragt, ob sich die Gesellschaft Kultur leisten kann, sollte überlegen, ob sie sich den Verzicht darauf leisten kann.