Immer wieder erzählt werden die Ereignisse um den Mordfall, für den der Jurist Carl Hau 1907 verurteilt wurde. Am Freitag kommt ein neues Stück auf die Bühne.
Immer wieder erzählt werden die Ereignisse um den Mordfall, für den der Jurist Carl Hau 1907 verurteilt wurde. Am Freitag kommt ein neues Stück auf die Bühne. | Foto: Klenk

Kultur

Schwiegermutter erschossen: Mord in Baden-Baden im Jahr 1906 kommt ins Theater

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Falschen Vollbart angeklebt, Perücke aufgesetzt, per Bahn von Frankfurt nach Baden-Baden gereist, kurz mal die Schwiegermutter erschossen, in den nächsten Zug gesetzt und via Oostende nach London zur Familie – und das mitten im Dampfeisenbahnzeitalter.

So stellt sich in aller Kürze zusammengefasst der Vorwurf gegen den Juristen Carl Hau dar, der am 22. Juli 1907 vom Schwurgericht des Landgerichts Karlsruhe zum Tode verurteilt wurde. Der Mord in dem mondänen Kurbad erhitzte die Gemüter und ließ auch spätere Generationen nicht los.

Er regte immer wieder Autoren und Regisseure an, darunter Bernd Schroeder, dessen Roman „Hau“ jetzt die Grundlage für die jüngste Produktion des Theaters Baden-Baden bildet: An diesem Freitag hat dort „Der Fall Hau“ Premiere.

Fall Hau ist Mischung aus Räuberpistole und Love-Story

Was ihn so attraktiv macht für Literaten, Filmregisseure und Theaterleute ist die Mischung aus Räuberpistole und Love-Story, aus High-Society-Flair und psychischer Abgründigkeit. Schon die Vorgeschichte hat es in sich.

1901 lernen die Baden-Badener Medizinalratswitwe Josefine Molitor und ihre beiden Töchter Lina und Olga den damals 20-jährigen Carl Hau kennen. Lina, sechs Jahre älter als der Jurastudent, verliebt sich in den eleganten jungen Mann. Von Heirat ist die Rede.

Die Mutter ist dagegen, was die Tochter veranlasst, 2.000 Mark Erspartes abzuheben und sich mit dem Angebeteten in die Schweiz abzusetzen. Als das Geld alle ist, unternimmt das Paar einen Selbstmordversuch.

Der scheitert zwar, dafür stimmt Madame Molitor jetzt einer Verehelichung zu. Einzige Bedingung: Die beiden sollen sich für eine Weile möglichst weit fort begeben. Die frisch getrauten Eheleute ziehen nach Washington. Hier, in den USA, macht Carl Hau Karriere, wird Vater.

Ehefrau ist eifersüchtig auf ihre Schwester

1906 unternimmt die kleine Familie ein Europareise. Auf dem Weg nach Paris macht sie in Baden-Baden Station, wo Lina Haus jüngere Schwester Olga dazustößt. Lina wird eifersüchtig, auf dem Weg nach London gerät sie mit ihrem Mann in Streit.

Den erreicht – kaum angekommen – ein Telegramm: Er müsse sofort nach Frankfurt. In der Main-Metropole lässt er sich vom Hotelfriseur mit Bart und Perücke ausstatten, reist nach Baden-Baden. Dort bleibt er nicht ungesehen, denn er stolziert in seiner seltsamen Aufmachung durch die Stadt.

Schwiegermutter wird in Baden-Baden erschossen

Derweil erreicht Josefine Molitor ein mysteriöser Anruf: Sie möge wegen eines obskuren Telegramms zur Post kommen. Die Medizinalratswitwe macht sich zusammen mit ihrer Tochter Olga auf den Weg. Es ist dunkel, und es nieselt. Ein Schuss fällt, Josefine Molitor bricht tot zusammen. 24 Stunden später wird Carl Hau in London, wohin er über Nacht gereist ist, von Scotland Yard verhaftet.

Im Januar 1907 wird Hau nach Karlsruhe ausgeliefert. Die Staatsanwaltschaft sieht in ihm den Täter: Seine Anwesenheit in Baden-Baden ist ihr Beweis genug. Hau beteuert zwar seine Unschuld, schweigt aber ansonsten beharrlich.

Hau wird zum Tode verurteilt – Großherzog Friedrich lässt Gnade walten

Hatte er womöglich doch ein Verhältnis mit Olga? Wollte er sie durch sein Schweigens schützen? Das vermutet jedenfalls ein Teil der aufgebrachten und von seiner Unschuld überzeugten Menge, die nach dem Todesurteil versucht, das Gerichtsgebäude zu stürmen und skandiert: „Justizmord! Justizmord!“

Großherzog Friedrich wandelt das Urteil in eine lebenslange Haftstrafe um. Die Ehefrau hat sich noch vor Prozessbeginn das Leben genommen. Hau wird nach 17 Jahren Haft aus dem Zuchthaus Bruchsal entlassen.

Hau taucht nach seiner Entlassung aus dem Zuchthaus Bruchsal unter

Da er entgegen der gerichtlichen Auflage, keine Sensationsberichte zu veröffentlichen, zwei Bücher über seinen Fall publiziert, wird die Strafaussetzung widerrufen. Hau taucht unter. 1926 wird er schwer verletzt von einem Schäfer in der Villa Adriana bei Rom gefunden. Bald darauf erliegt er den Folgen seines – diesmal erfolgreichen – Suizidversuchs.

„Der Fall Hau“
Theater Baden-Baden. Premiere, 8. November, 20 Uhr. Weitere Aufführungen 10. November, 15 Uhr; 23. November, 20 Uhr. Tickets gibt es hier.