Nah am Patienten: In den Physiotherapie-Behandlungen des Instituts Liliane Goschy-Fritz tragen alle Angestellten und mittlerweile auch viele Patienten einen Mundschutz. Der direkte Kontakt lässt sich oft nicht vermeiden
Nah am Patienten: In den Physiotherapie-Behandlungen des Instituts Liliane Goschy-Fritz tragen alle Angestellten und mittlerweile auch viele Patienten einen Mundschutz. Der direkte Kontakt lässt sich oft nicht vermeiden | Foto: Alina Meier

Abstand halten ist schwer

So beeinträchtigt die Corona-Krise die Arbeit von Physiotherapeuten in Baden-Baden

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Während im Einzelhandel die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie gelockert werden, gelten im Gesundheits-Bereich weiter strenge Vorgaben. Physiotherapeuten arbeiten genau in diesem Umfeld und können den vorgeschriebenen Abstand von 1,5 Metern zu ihren Patienten nur selten einhalten. Für die Praxis-Belegschaften bringt das reihenweise Termin-Absagen und neue Anforderungen in ihrer täglichen Arbeit.

Florian Michel ist der Praxis-Manager der Physiotherapie Hohmann in Baden-Baden. „Wir haben von Grund auf schon sehr hohe hygienische Standards. Da hat sich nur am Fine-Tuning was geändert“, berichtet er. Hände und Liegen werden sowieso nach jeder Behandlung gründlich desinfiziert.

Jetzt achtet das Praxisteam allerdings zusätzlich darauf, dass die Patienten keinen Kontakt mehr untereinander haben. Sie werden direkt in die Behandlungsräume gebracht, das Wartezimmer wird nicht mehr genutzt. Handschuhe und Mundschutz sind bei den Behandlungen derzeit Standard.

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Alternative Therapie-Arten zur Einhaltung des Abstands

„Ansonsten versuchen wir eher, eine aktive Therapie anzuwenden“, erklärt Michel. Zum Beispiel bei Rückenproblemen wird der Patient dabei mit Abstand zu verschiedenen Übungen angeleitet.

Trotz strenger Vorkehrungen haben viele Patienten Angst vor einer Ansteckung und sagen deswegen ihre Termine ab. „Das kann ich nachvollziehen und finde ich nicht verwerflich“, sagt Michel. Der Patientenverkehr ist deshalb gesunken, was für die Praxis finanziell spürbar wird.

Obwohl es hart ist, in dieser Zeit wirtschaftlich zu bleiben, sieht Michels sich in der Pflicht, die Praxis geöffnet zu halten: „Es gibt einfach Patienten, die auf die Behandlungen bei uns angewiesen sind.“

Fitness, Wellness und Kosmetik: An Physiotherapie angegliederte Bereiche mussten schließen

Philipp Strickfaden ist Geschäftsführer beim Institut Liliane Goschy-Fritz, das neben der klassischen Physiotherapie auch Personal Training, Wellness und Kosmetikbehandlungen anbietet. Diese zusätzlichen Bereiche mussten ab dem 17. März schließen, die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit.

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„Die Physiotherapie ist unser Kerngeschäft und lief in den vergangenen zwei Jahren auch gut“, sagt Strickfaden. Trotzdem rechnet er für den Monat April mit Umsatzeinbußen von etwa 70 Prozent nur in der Physiotherapie. „Zu Beginn der Einschränkungen hatten wir einen intensiven Einbruch der Patientenzahlen“, sagt er.

Eine Praxis hat schon Soforthilfe beantragt und auch erhalten

Der März war noch okay, aber länger als Mai oder Juni darf die Krise nicht dauern. „Mit 18 Mitarbeitern kann man das mal ein oder zwei Monate machen, aber irgendwann sind für so ein mittelständisches Unternehmen auch die Grenzen erreicht“, sagt Strickfaden.

Deswegen hat die Praxis die staatliche Soforthilfe beantragt und auch schnell und unkompliziert erhalten, erzählt der Geschäftsführer.

Glücklicherweise nehmen seit der Ankündigung von den Lockerungen der Maßnahmen auch die Terminanfragen langsam wieder zu: „Gerade Personen, die sich in einer Dauerbehandlung befinden, haben es vielleicht bis jetzt ausgehalten, haben aber Schmerzen und melden sich nun wieder.“

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Restrisiko bleibt in diesen Berufen immer

Rosanella Schütz arbeitet als Osteopathin in ihrer Sinzheimer Praxis täglich nah am Patienten. Bei der Behandlung versucht sie trotz Handschuhen und Mundschutz, den Patienten nicht so nahe zu kommen.

Angst vor einer Ansteckung hat sie trotz des direkten Kontakts nicht. „Ich würde es eher als gesunden Respekt bezeichnen. Ein Restrisiko gibt es in meinem Beruf immer, da gibt es keine Gewähr“, sagt sie.

Sie achtet in dieser Zeit noch mehr darauf, ihr eigenes Immunsystem zu stärken, denn: „Wenn ich nichts bekomme, kann ich auch niemanden anstecken.“ Zusätzlich desinfiziert sie das Behandlungszimmer und die Raumluft nach jedem Patienten. Damit die sich im Wartebereich ihrer Praxis nicht begegnen, legt sie die Termine mit einem größeren zeitlichen Abstand.

Behandlung über Physiotherapie hinaus: Bei vielen Patienten herrscht schlechte Stimmung

Natürlich sagen auch bei ihr Patienten ab, ein paar Risikopatienten hat sie selbst abgesagt. Dennoch hat Schütz die staatliche Unterstützung noch nicht beantragt und möchte das auch vermeiden, wenn möglich. Sie hat in ihrem Ein-Mann-Betrieb zur Zeit noch gut zu tun, sagt sie.

Bei vielen Patienten muss Schütz zurzeit die mittelbaren Auswirkungen der Pandemie gleich mit behandeln: „Viele sind in einer schlechten Stimmung. Das gehört dann auch zu meinem Job, das aufzufangen und gegenzuarbeiten. Darüber zu sprechen hilft oft schon weiter.“