Der Ortsvorsteherin von Kehl-Auenheim, Sanja Tömmes, gelingt der Fassanstich bei einem Seminar in Renchen mühelos. Die Familienbrauerei Bauhöfer bietet als einer der wenigen Brauereien Lehrgänge für Kommunalpolitiker an. | Foto: Raviol

Seminar für Kommunalpolitiker

So gelingt der Fassanstich ohne Risiko

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Viele Bürgermeister haben schon einmal erleben müssen, wie ein Fassanstich komplett schiefging. Mit einer neuen Technik sollen Peinlichkeiten der Vergangenheit angehören. Besuch bei einem Seminar für Kommunalpolitiker.

Der Bier-Lieferant hatte Jürgen Bäuerle noch genau eingewiesen. Das Jubiläumsfest, 700 Jahre Bühlertal, ein 50-Liter-Bierfass. Der Landrat sollte den Anstich übernehmen. Ein, zwei Schläge – vor allem schnell muss es gehen, wurde ihm erklärt. „Es ging mir tierisch nebenraus“, sagt Bäuerle. „Der Hahn, alles fort.“ Sein Hemd war durchnässt, die erste Besucherreihe im Zelt auch.

Die Leute warten nur darauf, dass was schiefgeht.

2001 war das, Bäuerle hat es noch genau vor Augen. „Die Leute warten nur darauf, dass was schiefgeht. Man lacht mit, aber es stinkt einem.“ In der Versandhalle der Familienbrauerei Bauhöfer in Renchen sind an diesem Vormittag viele solcher Geschichten zu hören. 23 Bürgermeister und 53 Ortsvorsteher aus dem Ortenaukreis und Kreis Rastatt sind gekommen, um den perfekten Fassanstich zu lernen.

Bürgermeister sprechen von schlaflosen Nächten

Manche haben den ersten vor sich, andere schon 40 hinter sich. Eines eint sie: der Respekt vor der Aufgabe. Bei Volksfesten übernehmen traditionell die Bürgermeister oder Ortsvorsteher den Fassanstich. Teilnehmer sprechen gar von schlaflosen Nächten vor Festen, wie wichtig die Anzahl der Schläge bei Wählern ist oder davon, wie sie bei Getränkehändlern um Nachhilfe baten.

Manchen Bürgermeistern wird nachgeholfen, heißt es am Rande – indem man vorab den Druck aus dem Fass nimmt. Will man ein Spektakel, erhöht man den Druck vorher und lässt dem Bürgermeister keine Chance.

Es ist das dritte Seminar, das erste von 2004 gilt als mahnendes Beispiel. Damals schlug der Landtagsabgeordnete Willi Stächele das Seminar-Fass an. Der erste Schlag war zu schwach, der zweite viel zu stark – das Bier spritzte nach allen Seiten.

Auch bei diesem Seminar sollte Stächele anstechen. „Hinter den setze ich mich nicht mehr“, scherzt ein Bürgermeister. Dieses Mal klappt alles. Ein Schlag, fertig. Das hat auch mit einer neuen Technik zu tun. Die Familienbrauerei Bauhöfer setzt mittlerweile auf einen Hahn mit Rückschlagventil, den sogenannten Bürgermeister-Hahn.

Beim Seminar herrscht Volksfest-Stimmung

Hahn eindrehen, ein Schlag – „es kann fast nichts schiefgehen“, erklärt Braumeister Alexander Schneider den Teilnehmern. Sie lernen in der Halle, in der schon Edmund Stoiber oder Karl-Theodor zu Guttenberg Fässer angestochen haben. Anders als die ehemaligen bayerischen Polit-Größen wollen sie auf Nummer sicher gehen. Bevor es selbst ans Werk geht, stärken sie sich mit einem Bier, manch einer versucht, am Buffet auf Betriebstemperatur zu kommen.

Fleischkäse, darauf gebratener Speck, dazu Wurstsalat. Volksfeststimmung. Die Seniorenband des Musikvereins Ulm spielt, die Kommunalpolitiker klatschen im Takt, später werden sie zusammen das Badnerlied singen. Es ist eine Mischung aus Volksfest für Bürgermeister und ernsthaftem Interesse, sich bei Fassanstichen nicht mehr zu blamieren. Doch irgendwann ist der Spaß vorbei. Es geht an die elf Probe-Fässer, die heute nur mit Wasser gefüllt sind. Für alle Fälle.

Sanja Tömmes, Ortsvorsteherin von Kehl-Auenheim, steht mit dem Hammer bereit. Durch die neue Technik könnte man den Hahn auch mit bloßer Hand ins Fass hauen, der Hammer macht auf Volksfesten aber mehr her. Sie dreht den Hahn ein, ein Schlag.

Frauen sind schneller

„Wir waren schneller als die Männer“, sagt sie und zeigt auf eine kleine Gruppe an Ortsvorsteherinnen. „Bei Männern ist mehr Show dabei.“ Tömmes wirbt für Gleichberechtigung, mehr Frauen-Anteil in den Gremien und zieht Vergleiche zum Fassanstich. „Wenn es bei Frauen schiefgeht, lachen vorwiegend die Männer – aber auch bei denen geht was daneben.“

Zack, schon fertig.

Bevor sich der Bürgermeister von Rheinmünster, Helmut Pautler, ans Probefass wagt, spricht er über seinen größten Fass-Fauxpas. Über den Sommer 1999, 300 Besucher im Klostergasthof. Der Ortsvorsteher hielt das 30-Liter-Metallfass fest, Pautler schlug den Kunststoffhahn ein. Das Problem: „Sie haben nicht zusammengepasst.“

Mit dem speziellen Bürgermeister-Hahn kann nichts schiefgehen

Pautler haute immer fester, der Hahn brach ab. „Es gab ein Freibier vom Fass für die Musiker, die hatten sich aber schon gefreut. Ich habe dann ruck zuck Flaschenbier besorgt.“ Beim Seminar läuft es einwandfrei: ein Schlag. „Zack, schon fertig.“ Selten ist an diesem Tag ein Teilnehmer zu sehen, dem das Wasser unkontrolliert aus dem Fass läuft.

Die Zeiten, in denen Kommunalpolitiker heimlich in den Kellern der Brauereien um Nachhilfe baten, scheinen vorbei zu sein. Ortsvorsteher Hans-Dieter Boos wird im Sommer beim 100-Jahr-Fest des FV Haueneberstein erstmals ein Bierfass anstechen. „Mit dem Hahn kann nichts schiefgehen“, sagt er.