Nach 21 Jahren verlässt Andreas Mölich-Zebhauser das Baden-Badener Festspielhaus. Die BNN haben mit ihm gesprochen.
21 Jahre lang leitete Andreas Mölich Zebhauser die Geschicke des Baden-Badener Festspielhauses, das sich aus privaten Spenden finanziert und nicht durch staatliche Subventionen. | Foto: Fabry

Interview und Grußworte

„So leicht fällt mir das nicht“: Intendant Mölich-Zebhauser verlässt das Festspielhaus Baden-Baden

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Er ist der Sohn einer Sopranistin und eines Dirigenten und hat selbst im Musikgeschäft eine bemerkenswerte Karriere gemacht. 1998, also vor 21 Jahren, übernahm Andreas Mölich-Zebhauser eine Institution, die damals in ziemlich bedrohlicher Schieflage war. Heute ist das Festspielhaus Baden-Baden das größte Opernhaus Deutschlands, privat finanziert und international anerkannt.

Mölich-Zebhauser bestreitet unter anderem mit Placido Domingo und Valery Gergiev zu seinem Finale die Sommerfestspiele vom 6. bis 14. Juli. Und Anna Netrebko singt zum krönenden Abschluss russische Lieder für den Impresario, der das Festspielhaus zu Glanz und Gloria führte und sich bald 67-jährig von Rhein und Oos an die Isar verabschiedet. Zum Ende seiner Karriere als Intendant sprach er mit den BNN-Redakteuren Isabel Steppeler und Rainer Haendle.

Hatten Sie nicht Angst vor der eigenen Courage, als Sie das Festspielhaus damals kurz vor dem Zusammenbruch übernommen hatten?

Andreas Mölich-Zebhauser: Nein, ich habe eigentlich in meinem ganzen Leben nie Angst gehabt. Ich habe immer damit gerechnet, dass ich mir irgendwann mal eine blutige Nase hole. Das ist vielleicht dem Ruhrgebiet geschuldet, das einen nicht verwöhnt mit goldenen Bananen. Da weiß man, entweder werde ich jetzt richtig gut, oder ich bekomme meine Füße nicht aus dem Kohlenstaub heraus.

Aber Ihnen war damals schon klar, dass es sich um ein Himmelfahrtskommando handelt?

Natürlich, aber ich habe manchmal eine ganz gute Intuition. Das war damals der Fall. Ich habe gespürt, Du kannst gar nichts verlieren, weil jeder meint, dass alles schon verloren ist. Niemand wird überrascht sein, wenn ich es nicht hinkriege. Ich war halt völlig fasziniert von der Akustik des Hauses. Den Bau fand ich schon lustig mit dem historischen Alten Bahnhof davor.

 

 

Hatten Sie sich das Haus damals angeschaut, bevor Sie zugesagt haben?

Ja, das war an meinem 46. Geburtstag, da kam um die Mittagszeit der Anruf von Professor Zeidler von der Dekra. Ich habe die Geburtstagsvorbereitung dann verlassen und bin zum Zeidler gefahren, das war so um 15 Uhr. Dann bin ich nach Baden-Baden gefahren, wo ein Konzert um 17 Uhr war mit dem SDR-Orchester. Obwohl das Konzert nicht wirklich gut war, habe ich sofort die erstaunliche Akustik wahrgenommen.

Ich habe gespürt, Du kannst gar nichts verlieren.

Davor kannten Sie das Festspielhaus nur aus den Negativschlagzeilen.

Ja. Da hieß es nur, das ist alles Mist und nur ein Tempel für die Reichen.

Wer hat Sie damals für den Job vorgeschlagen?

Genau kann ich das nicht mehr sagen, obwohl es natürlich im Nachhinein viele gewesen sein wollen. Ich möchte aber keine Namen nennen.

Erzählen Sie noch mal über die entscheidenden Stunden, in denen Sie den Gang zum Konkursrichter abgewendet haben und den Mäzen Alberto Vilar in Salzburg getroffen haben.

Das war Ende Juli 1998. Da standen die Festspiele mit dem Mariinsky-Theater ins Haus, für die wir kein Geld und auch kaum Karten verkauft hatten. Da bin ich nach Salzburg geflogen und habe bei den Festspielen die Mäzene Alberto Vilar und Richard Colburn getroffen. Gergiev hat mich mit denen zusammengebracht. Vilar hatte die Spendierhosen an. Dadurch kam die Grundfinanzierung für die Freikarten-Aktion zusammen.

Die Festspiele für umsonst waren ja schon einzigartig.

Ja genau. Wenn die Not am höchsten, ist die Rettung am nächsten, singt Macheath in der Dreigroschenoper. Wenn man unter dem Galgen steht, wird man erfindungsreich.

Wie haben Sie diese Woche erlebt?

Das war für mich eine Wette. Wenn Du chancenlos bist, kannst Du ja entweder nur die weiße Fahne hissen oder alle einladen. Und das hat noch immer funktioniert. Es hat uns einen ziemlichen Imagegewinn gebracht – aber leider kein Geld. Das würde an keinem anderen Ort der Welt funktionieren. Wir haben auch Glück gehabt und dann für eine Anfangsphase Unterstützung von Stadt und Land bekommen. Da konnten wir beweisen, dass hier etwas passieren kann. Dann haben wir die Träger-Stiftung vorbereitet. Dass dann vier vermögende Baden-Badener und ein Amerikaner Gründungsstifter wurden, hat alle überrascht. Heute sind es 30 großzügige Stifter und 1600 Förderer und Freunde.

Wie lange hat das gedauert, bis das Vertrauen kam?

Der Umdrehpunkt war die Co-Produktion der Mozart-Oper Indomeneo mit den Salzburger Festspielen zu Pfingsten 2000, als uns die Sprinkleranlage das Haus unter Wasser gesetzt hat. Aber auch diese Katastrophe haben wir gemeistert. Die früheren Versprechungen kamen als Arroganz daher: Hier passiert die Weltsensation. Deshalb habe ich eher auf die Karte Bescheidenheit und Zurückhaltung gesetzt. Ich bin in den 21 Jahren eher immer bescheidener geworden, weil ich es als Glück empfunden habe, dass immer mehr Blumen aufgingen und wir uns immer mehr leisten konnten. Nach drei, vier Jahren konnten wir die größten Künstler des Planeten einladen.

Warum sind Sie über 20 Jahre an der Oos geblieben, obwohl doch andere lukrative Angebote auf dem Tisch lagen?

Ich habe mich nach kurzer Zeit wie so ein alter Impresario gefühlt, der jeden Tag sein eigenes Geld einsetzt. Wenn Du so ein Gefühl hast, wie ein Eigentümer-Unternehmer, dann verlässt Du diesen Job auch nicht. Auch wenn es andere Angebote gibt.

Wer hat Sie denn versucht abzuwerben? Jetzt können Sie es doch verraten.

Nein, das sage ich nicht. Da gab es manch ehrende Gespräche. Ich habe mich immer dagegen entschieden.

Es hieß ja Hamburg und Salzburg…

… Hamburg nicht, Berlin ja. Und mehr sage ich nicht.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Gar nicht. Ich bin nicht stolz, sondern freue mich am Gelingen. Na gut: Ich bin vielleicht ein bisschen stolz darauf, dass ich ein Super-Team aufbauen konnte mit dem Grund-Spirit „Wir kämpfen für unsere Sachen!“

Was haben Sie nicht geschafft, was Sie gerne geschafft hätten?

Ganz viel. Ich bin nicht immer freundlich von der überregionalen Presse behandelt worden. In der Region will ich mich nicht beschweren. Aber es hat viele Jahre gedauert, bis die Süddeutsche, die Zeit oder die FAZ angefangen haben, uns fair zu behandeln. Das betraf vor allem die Oper und das Ballett. Das hat mir schon etwas ausgemacht. Bei Konzerten wurden wir aber meist fair behandelt. Heute freue ich mich schon, dass unsere letzten Opernarbeiten große Anerkennung gefunden haben. Zum Beispiel der Tristan, der in New York sogar die Saison eröffnet hat. Oder jetzt der Othello, der auch in Athen gezeigt wird und wahrscheinlich auch nach Italien und China geht.

Worauf führen Sie denn die anfängliche Skepsis der überregionalen Presse zurück? War der Grund dafür nicht auch, dass sich das Festspielhaus als Alternative zum Subventionstheater gesehen hat?

Ja, das ist als Arroganz und als der „Tempel der Reichen“ verstanden und kommuniziert worden. Da haben meine Vorgänger ein paar blöde Fehler gemacht. Das ist nicht gut angekommen.

Was haben Sie für sich als Privatmensch aus diesem Amt gelernt?

Dass man sich überfordern kann. Ich bin in den ersten Jahren auf dem Zahnfleisch gegangen. Das würde ich kein zweites Mal machen, wenn ich die Uhr noch mal auf 1998 zurückdrehen könnte. Ich habe zu lange zu wenig geschlafen.

Ich bin in den ersten Jahren auf dem Zahnfleisch gegangen. Das würde ich kein zweites Mal machen.

Wie haben Sie dann zu Ihrer Work-Life-Balance gefunden?

Das habe ich bis heute nicht geschafft, weil mir die Work zu wichtig ist. Erst in den letzten Wochen genieße ich es, dass ich mehr Zeit habe, weil ich keine Planungen mehr vorantreiben muss. Ich will auch nicht mehr beeinflussen, was mein Nachfolger Benedikt Stampa entscheiden muss. Er wird jetzt seine Antwort darauf finden, wie man mit diesem Unikat Festspielhaus geschickt und klug umgeht.

Was waren Ihre persönlichen Sternstunden?

Valery Gergiev war ein großer Glücksfall, weil er sich für dieses Haus verkämpft hat. Das erste Treffen mit ihm war eine Sternstunde – natürlich auch sein Russischer Ring. Und dann neben der Gründung der Festspielhausstiftung sicher auch, dass ich es nach einer langen Diskussion geschafft habe, den Dirigenten Claudio Abbado nach Baden-Baden zu holen, der seine letzten beiden Opern hier inszeniert hat. Und ganz ohne Frage, dass es gelungen ist, die Berliner Philharmoniker zu gewinnen!

Der Bau des Kleinen Hauses ist ein Gebot der Stunde.

Nicht nur der verstorbene Pierre Boulez hat sich ganz dringend ein kleines Festspielhaus als Ergänzung für Baden-Baden gewünscht. Ist dieser nächste Schritt absehbar?

Ja, der ist sehr absehbar. Lassen Sie sich da mal überraschen. In meiner Zeit kann es nicht mehr realisiert werden, aber in naher Zukunft. Es ist nicht sinnvoll, das zweitgrößte Opernhaus Europas zu sein, aber keine zweite Bühne für kleinere Formate wie Neue Musik zu haben. Wir müssen da immer ausweichen. Der Bau des Kleinen Hauses ist ein Gebot der Stunde.

Wie ist es Ihnen immer wieder gelungen, für die Festspielhaus-Stiftung die wohlhabenden Musikliebhaber der Region zu Kasse zu bitten?

Die haben doch mich motiviert, das Geld zu nehmen. Aber das ist doch bei dem Modell Festspielhaus viel logischer und einfacher. Jedes Staatstheater, das Oper macht, hat eine Subvention zwischen 75 und 90 Prozent. In dieser Situation ist es schwieriger, einen vermögenden Menschen zu motivieren, mehr als 5000 Euro zu geben. Wir sind hingegen komplett anders aufgestellt. Jeder, der hier im Umfeld lebt und das Haus toll findet, weiß, dass hier fast die Hälfte der Kosten durch private Unterstützung aufgewendet werden. Das ist sensationell. Dies und die Eigeneinnahmen durch Kartenverkauf und Gastronomie, das sind unsere einzigen großen Quellen. Und wir sind dankbar, dass die Stadt das Haus dauerhaft in bestem Zustand hält. Wir haben damit eine Plattform, auf dem das Festspielhaus sein Niveau kontinuierlich halten kann.

Warum kehren Sie dem schönen Badnerland den Rücken?

Wir gehen nach München, weil dort kommt die Familie her. Meine Frau ist Münchnerin, die vier Kinder sind dort zur Welt gekommen. Dann sind sie mit uns umhergezogen und als sie 20 waren, sind sie aus dem Haus gegangen – und einer nach dem anderen ging wieder nach München. Es gibt für meine Frau und mich kein Argument, nicht nach München zu gehen. Aber so leicht fällt mir das nicht, aus Karlsruhe wegzugehen. Wir haben uns sehr in den Schlossgarten und den Hardtwald verliebt, weil man innerhalb Karlsruhes so schnell in der Natur ist. Das ist ungewöhnlich und schön. Es ist auch nicht weit, das Albtal hochzufahren. Dort oben zu wandern, das ist paradiesisch. Da kann selbst München nicht ganz mithalten. Ich bin ein Viertel Baden-Badener, ein Viertel Karlsruher und zur anderen Hälfte Münchner.

Und Hamburg – Ihre Geburtsstadt?

Hamburg hat keine große Rolle gespielt.

So leicht fällt mir das nicht, aus Karlsruhe wegzugehen.

Was werden Sie an Karlsruhe und Baden-Baden am meisten vermissen?

Das Festspielhaus. Aber warum gehe ich? Es ist ja nicht ausgemacht, dass man kontinuierlich immer besser wird, sondern es vielmehr als Gnade des Herrn sieht, das 21 Jahre lang unfallfrei gemacht zu haben. Man muss das als Intendant früh für sich entscheiden. Mit 67 Jahren ist für mich die richtige Zeit.

Bei der Frage nach Ihren Plänen für die Zeit nach dem Festspielhaus erklären Sie meistens, was Sie nicht machen wollen: ein Buch schreiben bzw. an ein anderes Opernhaus gehen. Und es kommt der vage Hinweis, etwas Neues gründen zu wollen. Was könnte das sein?

Ja, das ist mein alter Traum, den ich aber am langen Ende wohl doch nicht realisieren werde: ein kleines, sehr spezielles Festival zu gründen. Ich werde nichts Anderes übernehmen. Eher werde ich Mandate übernehmen und das, was ich hier an Erfahrungen gesammelt habe, guten Institutionen zur Verfügung stellen.

Was muss Baden-Baden tun, um die Berliner Philharmoniker zu Ostern weiterhin an der Oos zu halten?

Genau das weiterführen, was wir tun. Die Berliner sind fasziniert vom Haus, fasziniert von der Stadt Baden-Baden, sie haben hier alles, was sie vielleicht in den goldenen Zeiten in Salzburg einmal hatten, um hier ein fantastisches Festival jedes Jahr ein Stück reicher zu machen.

Sie glauben, dass es in 15 Jahren eine Bewegung gegen das Kurzatmige von WhatsApp geben wird. Woran machen Sie diese Beobachtung fest?

Vielleicht eine selbsterfüllende Prophezeiung? Meiner Erfahrung nach verläuft alles Gesellschaftliche in 30-Jahres-Wellen. Immer dann, wenn eine Tendenz ihren Höhepunkt gefunden hat, geht es wieder bergab. Im Moment hechelt die Jugend und hecheln wir Ältere den neuen elektronischen Medien hinterher. Im Familiären ist die WhatsAppelei auch für mich ein hoher Wert geworden. Aber in anderen Bereichen lässt sich das Suchtverhalten ja kaum stoppen, diese Zerschnippelei des Denkens, dieser atmosphärische Brei, der sich im Kopf ansammelt und einen davon abhält, mal ein Buch zu lesen. Man kommt ständig auf andere Gleise. Ich habe das Gefühl, das Bedürfnis, sich mit kürzesten und unbedeutenden Informationen den Kopf zuknallen zu lassen, wird zurückgehen. Was auch immer an neuen Wunderwelten versprochen wird. Ich bin überzeugt, es wird eine Gegenbewegung geben, die zur Besinnung ruft und zum gründlicheren Nachdenken.

Ich bin 20 Jahre lang eher immer demütiger geworden.

Baden-Baden müsste Ihnen ja eigentlich ein Denkmal setzen, Sie wollen sich aber ohne Brimborium verabschieden. Warum diese Demut?

Ich bin 20 Jahre lang eher immer demütiger geworden. In den 1970er Jahren war ich nicht demütig, da dachte ich, ich hab‘ dicke Muskeln und mach auf jeden Fall das Richtige. Irgendwann fängst du dann an, das Schöne, was du in Deinem Leben gewinnst, als ein Geschenk zu sehen. Mein Lohn ist das Festspielhaus. Es hat mir persönlich so viel geschenkt, Menschen glücklich zu machen. Ich sage immer, ich verkaufe Glück. Am langen Ende bin auch ich nur Zuschauer, der sieht, dass etwas gelungen ist. Natürlich war ich am Anfang stolz, das Haus gerettet zu haben zusammen mit meinem Team. Aber von dem Stolz ist wenig geblieben. Es ist mehr Dankbarkeit dafür, ein Glück erfahren zu haben. Ich bin glücklich darüber, dass es so gelaufen ist, darum bin ich auch so lange geblieben.

Was wünschen Sie dem Festspielhaus für die Zukunft?

Alles Gute! Dass es für das Haus, das ja einiges von mir in sich trägt, gut weitergeht. Ich finde es großartig, dass das Festspielhaus ein Motor für Großzügigkeit im Denken und im Geben geworden ist. Ich weiß, dass alle Beteiligten der Förderfamilie es als ein Geben und Nehmen empfinden. Eitelkeit ist nicht das Dominierende, ganz im Gegenteil. Und das spricht sehr für das Haus, und für meine Mitarbeiter.

Lebenslauf
Geboren wurde Andreas Mölich-Zebhauser 1952 in Hamburg, aufgewachsen ist er in Gelsenkirchen, seine Frau aber lernte er in München kennen, wo der damalige Student für Jura, Musik-, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte in der Niederlassung des Mailander Musikverlags Ricordi arbeitete. Als Geschäftsführer der Deutschen Ensemble Akademie und des Frankfurter Ensemble Modern beschritt er den Weg ins Musikmanagement. Sieben Jahre später sah man in ihm den richtigen Mann für Baden-Baden. Er kam, sah und siegte: Kaum ein bedeutender Name der Klassikwelt fehlte in den Programmen der vergangenen 21 Jahre vom Soloabend bis hin zu großen Opernproduktionen.