Bewegender Moment: Angehörige von Wilhelm-August Salb blättern in einem Buch der größten deutschen Kriegsgräberstätte in Ungarn mit 15 000 Gefallenen.
Bewegender Moment: Angehörige von Wilhelm-August Salb blättern in einem Buch der größten deutschen Kriegsgräberstätte in Ungarn mit 15 000 Gefallenen. | Foto: Salb

Schicksal aus Baden-Baden

Abschied nach 74 Jahren auf dem Soldatenfriedhof Budaörs

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Dass die Zeit der Ungewissheit nach über sieben Jahrzehnten noch ein Ende finden würde, war nicht zu erwarten. Für Thomas Martin Salb aus Baden-Baden und seinen inzwischen 91-jährigen Vater war es deshalb ein äußerst bewegender Moment, als sie auf dem Soldatenfriedhof Budaörs bei Budapest endlich von den sterblichen Überresten des Bruders des Vaters Abschied nehmen konnten.

Die letzte Feldpost von Wilhelm August Salb war im Oktober 1944 bei den Angehörigen eingegangen. Danach hatte es keine Hinweise mehr über seinen Verbleib gegeben. Er war vor 75 Jahren bei Gefechten im heutigen Süd-Ungarn gefallen.

Botschaften sind keine Ausnahme

74 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hinterlässt das schreckliche Geschehen noch immer Schmerz und Leid bei Hinterbliebenen, die bis heute keine Anhaltspunkte haben, wo ihr Angehöriger gefallen ist. Dass nach über 70 Jahren doch noch die Botschaft kommt, auf sterbliche Überreste gestoßen zu sein, ist allerdings auch keine Ausnahme.

Überreste von Toten

Allein im vergangenen Jahr wurden rund 27.000 gefallene deutsche Soldaten umgebettet, erläutert Volker Schütze, vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Karlsruhe. Das entspricht fast der Einwohnerzahl einer Stadt wie Gaggenau. Erst im Dezember des vergangenen Jahres stieß man in Wolgograd, dem früheren Stalingrad, bei Bauarbeiten auf ein Massengrab mit über 1 300 Toten. Wegen der Seuchengefahr waren sie während des Krieges einfach mit Pferdekadavern in ein Erdloch geworfen worden.

Ruhe auf dem Soldatenfriedhof

Die Überreste des Onkels von Thomas Martin Salb wurden auf dem Friedhof einer kleinen Gemeinde entdeckt. Dort wurden offenbar gefallende Soldaten mit Zivilisten begraben. Dank der Erkennungsmarke konnte der Soldat, der mit 24 Jahren starb, identifiziert und seine Angehörigen verständigt werden. Die hatten zuletzt im Jahr 1986 über den Suchdienst versucht, Anhaltspunkte über seinen Verbleib zu erhalten – ohne Erfolg.

Gedenken an die Toten auf der Kriegsgräberstätte in Budaörs.
Gedenken an die Toten auf der Kriegsgräberstätte in Budaörs. | Foto: Salb

Vor rund eineinhalb Jahren kam dann völlig überraschend die Nachricht über den Fund und im September waren Salb und sein betagter Vater auf der deutsch-ungarischen Kriegsgräberstätte Budaörs bei Budapest. Dorthin wurde ihr Angehöriger umgebettet.

Wir haben rund 250.000 Daten mit Namen, finden aber dazu keine Familie mehr.

Er hat jetzt in Grab 1926 seine Ruhestätte auf dem Sammelfriedhof gefunden. Viele Angehörige bekommen die Nachricht über den Verbleib der im Krieg vermissten und gefallenen Soldaten jedoch gar nicht mehr mit. „Wir haben rund 250.000 Daten mit Namen, finden aber dazu keine Familie mehr“, erläutert Schütze ein anderes Problem. Durch den Vorgang um seinen im Krieg gefallen Onkel hat Salb eine völlig andere Einstellung zum Volksbund bekommen. Neben dem klassischen Einsatz für Kriegsgräber schätzt der Baden-Badener die Friedens- und Bildungsarbeit der Organisation. Eine Spende sei dafür auch heute noch angebracht.

Grabstätte als Mahnmal

„Friedhöfe sind für uns Mahnmale“, betont Schütze. Der Bezirksverband Nordbaden unterhält unter anderem im elsässischen Niederbronn-Les-Bains eine Jugendbegegnungsstätte. Der Abschluss des Umbaus wird am 18. Mai vor Ort gefeiert wird. Auf dem dortigen Soldatenfriedhof ruhen knapp 15.500 Gefallene. Über 33.000 Tote sind auf den Kriegsgräberstätten von Andilly begraben. Die kleine Forbacher Partnergemeinde liegt in der Nähe der Karlsruher Partnerstadt Nancy.

Kriegsgräberfürsorge

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge wurde am 16. Dezember 1919 als gemeinnützige Organisation gegründet. Anlass war die Suche nach zahllosen deutschen Toten des Ersten Weltkriegs und die Pflege der Gräber. Heute betreut der Volksbund 832 Kriegsgräberstätten in 46 Staaten mit etwa 2,8 Millionen Kriegstoten. Seit dem Jahr 1953 führt der Volksbund zudem internationale Jugendbegegnungen und Workcamps unter dem Motto „Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden“ in ganz Europa durch.
Auf der Homepage der Organisation können Angehörige auf dem Button „Gräbersuche Online“ nach wie vor nach Vermissten der beiden Weltkriege suchen. Das Verzeichnis enthält Angaben zu fast fünf Millionen Weltkriegstoten.
Der Bezirksverband Nordbaden ist deckungsgleich mit dem Regierungsbezirk Karlsruhe. Die Organisation hat hier rund 3 500 Mitglieder. Größter Bezirksverband im Südwesten mit rund 13 000 Mitgliedern ist Südbaden-Südwürttemberg mit Sitz in Konstanz.