Seitenwechsel: Während die Schauspieler am Theater Baden-Baden sich warm machen, sind die Zuschauerplätze noch leer. Später schauen von dort zahlreiche Gäste auf die Bühne.
Seitenwechsel: Während die Schauspieler am Theater Baden-Baden sich warm machen, sind die Zuschauerplätze noch leer. Später schauen von dort zahlreiche Gäste auf die Bühne. | Foto: Keller

Hinter den Kulissen

Theater Baden-Baden: In den Gassen öffnet sich ein neuer Kosmos

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Konzentrierte Blicke und blendende Scheinwerfer zielen auf die vier Schauspieler mit ihren aufgemalten Clowns-Mündern. Der pompöse rot-goldene Saal mit den imposanten Kronleuchtern wird zur Nebensache. Vor den Augen des Publikums spielen sich „Nur drei Worte“ ab: Weiße Stellwände bilden das schlichte Bühnenbild für das Stück von und im Theater Baden-Baden, sie verschieben sich und nehmen Protagonisten auf der Drehbühne mit aus dem Sichtfeld der Zuschauer auf die versteckte Seite des Geschehens.

Eine große Auswahl an Büchern liegt hinter den schwarzen Gassenvorhängen auf einem Tisch, daneben glitzert ein rotes Abendkleid – so präpariert, dass die Schauspielerin schnell hinein schlüpfen kann. Whiskey- und Wodkaflaschen stehen ebenfalls herum. Sie sind jedoch keine Relikte einer Backstage-Party, sondern Requisiten und ihr Inhalt harmloser als erwartet.

Requisiten werden gekocht

Steigt man die kurze, schmale Treppe im hinteren Bühnenbereich hinunter, offenbart sich das Geheimnis. Von der Decke baumeln Premierengeschenke der vergangenen 20 Jahre. Chefrequisiteur Klaus Rummel schmückt damit seine kleine Küche – hier kocht er Schwarztee und füllt ihn als „Whiskey“ in sogenannte Crashglasflaschen, die später gefahrlos auf der Bühne zerspringen.

All das, was die Zuschauer nicht sehen sollen.

Am vorderen Ende des Gangs sitzt Katrin Westphal für „all das, was die Zuschauer nicht sehen sollen.“ Zeichen für Schauspieler, Licht und Ton schickt die Inspizienten per Mikrofon und zahlreichen Knöpfchen am Pult los. Auch die Feuerwehr kontaktiert sie und kündigt den Start, den Einsatz von Feuerelementen und das Ende der Veranstaltung an. Auf zwei Bildschirmen verfolgt sie die Aufführung.

Die Aufführung im Blick hat Inspizientin Katrin Westphal seitlich von der Bühne am ihrem Pult.
Die Aufführung im Blick hat Inspizientin Katrin Westphal seitlich von der Bühne am ihrem Pult. | Foto: Keller

Theater Baden-Baden feiert zehn Premieren

Pro Stück wird etwa sechs bis sieben Wochen lang um die vier Stunden am Tag geprobt, parallel mit anderen Vorstellungen und der Vorbereitung auf weitere Rollen, erklärt Kekke Schmidt, Chefdramaturgin am Haus. „Als einziges Stadttheater in Baden-Baden müssen wir eine Bandbreite anbieten, einerseits Unterhaltung für die Bürger, aber auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Gegenwart“, betont sie. Zehn Premieren stehen pro Jahr im Programm, plus Produktionen für das junge Theater im Tik. Alle Stücke und das 18-köpfige Ensemble zu koordinieren, sei logistisch sehr komplex. Detaillierte Probenpläne, organisatorische Treffen und Textarbeit am Schreibtisch bilden die Grundlage im Theateralltag.

Das Ergebnis kann man nie berechnen.

„Wir wollen nicht im Museum sitzen“, sagt Schmidt und spielt damit auf das alte, prachtvolle Gebäude an, in dem der Betrieb beheimatet ist. „Immer wieder muss das Theater eine Balance finden zwischen künstlerischer Arbeit und den Bedürfnissen der Bürger in der Stadt“, beschreibt Schmidt die Aufgabe. „Das Ergebnis kann man nie berechnen, nur versuchen, die Zutaten gut zu halten.“

Labyrinth aus Schildern

Sobald die schwere Tür zur Bühne zufällt, öffnet sich ein kleiner Kosmos, in dem viele dieser Faktoren für eine gelungene Produktion sichtbar werden. Beim Streifen durch die zwei Etagen sorgen unauffällige Schilder an der Wand für Orientierung. Plakate von gespielten Stücken verleihen Farbe, wecken Erinnerungen und versprühen einen Hauch Melancholie. Intendantin Nicola May huscht schnell aus dem Hintereingang – weiter zum nächsten Termin außer Haus, aber stets in Rufbereitschaft bei Problemen.

Kontraste im Haus

Einige hohe Spiegel in ihrem goldenen Rahmen erinnern im Kontrast zu den neutralen weißen Wänden an die Opulenz des Hauses. Ein schmaler Gang führt zu den Künstlergarderoben. Unterschiedliche Bademäntel hängen griffbereit in der Ecke, ein Frisiertisch, eine Liege mit Decke, Kleidung, Kosmetika und Namensschilder an platzsparenden Schrankabteilen vervollständigen das Zimmer.

Für jeden Schauspieler steht in der Maske ein passender Gipskopf bereit.
Für jeden Schauspieler steht in der Maske ein passender Gipskopf bereit. | Foto: Keller

Perücken für jeden Schauspieler

An anderer Stelle öffnet sich ein Flur in das Reich der Maskenbildnerinnen. Von dem Kopf jedes Ensemblemitglieds steht hier ein Gipsabdruck im Regal. Denn die Perücken werden handgefertigt – in rund 40 Stunden Handarbeit. Fast-Glatzen, aufwendige Hochsteckfrisuren oder Zöpfe, diverse Schminkpinsel, Farbpaletten und Accessoires: Die Schauspieler verlassen das Zimmer meist anders, als sie es betreten haben.

Ein Schutzraum für alle Beteiligten.

„Was sich hinter der Bühne abspielt, muss nicht verheimlicht werden“, betont Sprecherin Johanna Tydecks. Doch alle Tricks wolle man nicht preisgeben. Vor der Bühne befinde sich die Öffentlichkeit, für die man das alles mache, rückt sie das Ergebnis der Arbeit in den Fokus. Doch hinter den Kulissen fungiere das Theater auch als Schutzraum für alle Beteiligten.

Das Theater Baden-Baden wurde im August 1862 eröffnet: Das erste Stück, das auf der Bühne spielte, war Conradin Kreutzers „Nachtlager von Granada“ der Karlsruher Hofbühne. Zwei Tage danach feierte die Oper „Béatrice et Bénédict“ von Louis Hector Berlioz dort Premiere.
Der Komponist schreib das Stück eigens für die Eröffnung. 1918 erhält die Stadt mit der Gründung der Städtischen Schauspiele schließlichein eigenes Ensemble. Initiiert hatte das Theater am Goetheplatz Spielbankpächter und Förderer der Stadt Edouard Bènazet.
Die ursprünglichen Baupläne für das Theater vom Pariser Architekten Charles Dérchy fanden bei der Verwaltung keine Unterstützung. Den Plänen Charles Couteaus hingegen wurde 1860 zugestimmt: eine versachlichte Außenansicht in Kombination mit einem Innenausbau im Rokokostil. Roter Samt, goldene Applikationen sowie das Spiegelfoyer charakterisieren das Theater. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließen die Franzosen das Haus bereits im April 1946 wiedereröffnen. 1989 bis 1992 wurde es renoviert und mit moderner Technik ausgestattet.