So war es vor Corona geplant: „Der Vorname“ sollte am Theater Baden-Baden in realistischer Darstellung herauskommen (Probenfoto mit Catharina Kottmeier, Patrick Schadenberg, Sebastian Mirow und Holger Stolz). Die verschobene Premiere wird anders aussehen. | Foto: Klenk

Komödie „Der Vorname“

Theaterpremiere in Baden-Baden: Neuer Anlauf nach Corona verändert die Produktion

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Es war eine der härtesten Vollbremsungen im Kultur-Shutdown wegen der Corona-Krise: Sechs Wochen hatte das Ensemble des Theaters Baden-Baden für die Komödie „Der Vorname“ geprobt. Dann wurde die Premiere wenige Stunden vor Vorstellungsbeginn abgesagt. Nun öffnet sich das Haus wieder für Publikum und holt die Premiere am Donnerstag, 25. Juni, nach. Doch der neue Anlauf hat die Produktion gründlich verändert.

Nach einer Generalprobe findet im Theater meistens keine interne Kritik mehr statt. Zu diesem Zeitpunkt sollte alles klar sein, für die Premiere wären allenfalls noch minimale Stellschrauben einstellbar. Genau so und doch ganz anders muss es am Abend des Donnerstag, 12. März, im Theater Baden-Baden gewesen sein, wo am nächsten Tag die Komödie „Der Vorname“ herauskommen sollte.

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Ein echter Freitag, der 13.

„Wir haben während der Endprobenwoche unsere ganze Energie in das Ziel gesteckt, die Premiere spielen zu können“, erinnert sich der Schauspieler Holger Stolz. Doch während dieser Tage wurden zur Eindämmung des Corona-Virus immer mehr Veranstaltungen verboten. „Und als wir nach der Generalprobe noch ein wenig zusammen saßen, hat uns die Verwaltungsleitung informiert, dass es knapp werden könnte“, so Stolz. Die endgültige Absage kam dann am Freitag, dem 13. – wenige Stunden vor Vorstellungsbeginn.

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99 statt 500 Plätze

Mehr als drei Monate nach dieser Vollbremsung nimmt das Theater einen neuen Anlauf: Am Donnerstag soll „Der Vorname“ nun tatsächlich auf die Bühne kommen. Unter deutlich geänderte Vorzeichen: In den eigentlich rund 500 Plätze bietenden Saal dürfen nur 99 Besucher, weshalb die Premiere schon allein wegen der Abonnenten auf zwei Abende verteilt wird. Und auch auf der Bühne müssen Abstandsregeln beachtet werden.

Das Ganze wird jetzt ein bisschen wie ein Tanz.

Lilli Lorenz, Schauspielerin

„Eigentlich war geprobt, dass wir den Realismus des Stücks voll bedienen – mit Essen, Trinken, etlichen Requisiten und natürlich körperlicher Nähe“, sagt Stolz. Da musste vieles komplett umarrangiert werden. „Das Ganze wird jetzt ein bisschen wie ein Tanz – man muss sehr aufeinander achten und auch mal einander ausweichen“, beschreibt es Lilli Lorenz. Sie spielt im Stück die schwangere Anna, um deren künftigen Sohn – beziehungsweise dessen Vornamen – bei einem Essen im Freundeskreis ein heftiger Streit entbrennt.

Doppelter Neustart

Für Lorenz ist es ein doppelter Neustart: Da sie im vergangenen Herbst selber Mutter wurde, stand sie rund ein Jahr lang nicht auf der Bühne. Ursprünglich hätte sie mit dem sommerlichen Open-Air-Stück auf dem Marktplatz wieder ins Berufsleben einsteigen sollen, doch diese Produktion fiel Corona zum Opfer. Zugleich war die Gastdarstellerin, die eigentlich für die Rolle engagiert gewesen war, nicht mehr zu bekommen, so dass Lorenz für die zehn Tage umfassenden Neuproben einstieg.

„Die Kollegen hatten dadurch natürlich einen Vorsprung, aber ich habe festgestellt, dass es zum Wiedereinstieg ein Geschenk war, in ein bereits bestehendes Gefüge zu kommen“, erklärt Lorenz. „Außerdem passt diese Situation zu meiner Figur, die nicht richtig weiß, wo sie da gerade hineingerät.“

Der Körper erinnert sich – da tut das Weglassen auch weh.

Holger Stolz, Schauspieler

Holger Stolz sieht in der Neuausrichtung bei allen Verlusten auch Gewinn: „Natürlich ist es schade, auf vieles verzichten zu müssen, was man in sechs Probenwochen erarbeitet hat“, sagt der Darsteller von Pierre, dem Schwager von Anna. „Ob es jetzt um Slapstick-Momente geht oder eine Szene, in der sich die Figuren auch mal an die Gurgel gehen – der Körper erinnert sich an das, was man für diese Szenen eingeübt hat, und da tut das Weglassen auch weh.“

Äußerlich karger – inhaltlich reicher

Durch die Konzentration auf die Dialoge würden nun aber die Beziehungen zwischen den Figuren geschärft. Und: „Dass wir jetzt nicht mehr alles ausspielen, hat auch einen theatralen Mehrwert, weil es die Fantasie der Zuschauer stärker anspricht“, so Stolz. „Äußerlich mag der Abend karger geworden sein, inhaltlich wird er reicher.“

Im Theater kann man alles behaupten.

Kekke Schmidt, Chefdramaturgin

Auch Kekke Schmidt, Chefdramaturgin des Theaters, glaubt: „Der nachträgliche Gang durchs Reduktionsbad hat dem Stück sogar gut getan.“ Etliche Aspekte seien konsequenter herausgearbeitet, und der weitgehende Verzicht auf Requisiten beschwöre eine Stärke des Bühnenspiels: „Im Theater kann man ja alles behaupten – man muss kein Telefon auf der Bühne zeigen, um zu vermitteln, dass jemand telefoniert.“

Die Komik des Stücks bleibe trotz der „neuen Strenge“ in der Ästhetik erhalten: „Das Ganze ist ja ohnehin kein Schenkelklopf-Abend, sondern lebt von sehr pointierten Dialogen“, sagt Schmitt. „Das sollte auch in einem Zuschauersaal mit Abstand funktionieren – das Stück ist einfach so gut geschrieben, dass ich sogar bei Leseproben lachen muss.“

Termine
25., 26., 27. Juni; 2., 3., 9., 10., 11., 15. 17., 18., und 24. Juli je 20 Uhr; 5. Juli, 15 Uhr; 12. und 19. Juli je 19 Uhr.
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