Jeden Tag ein Gig im Internet

Unser täglicher Marc Marshall macht Pause: Auszeit nach 50 Auftritten

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Als Künstler in der Corona-Krise hat der Baden-Badener Sänger Marc Marshall das gemacht, was viele Musiker tun: Er hat das Internet zu einer Bühne für Live-Auftritte gemacht. Doch kaum einer hat den Gedanken so konsequent durchgezogen, wie der 56-Jährige Sohn der Schlagerlegende Tony Marshall: 50 Tage lang stand er jeden Abend punkt 19 Uhr für seine Fans parat.

Am Bildschirmrand fliegen Herzchen und Smileys empor. „Tolle Show“, schreibt eine Ruth und „mega Song“ kommentiert ein gewisser Klaus. Applaus im digitalen Zeitalter ist stumm.

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Das Geräusch aufeinanderklatschender Handflächen hat der Baden-Badener Sänger Marc Marshall in den vergangenen Wochen nur selten vermisst. Besser noch: Der Sohn der Schlager-Legende Tony Marshall hat die Vorzüge eines stillen Ausklangs sogar zu schätzen gelernt. „Es ist ja fast schon zu einer Unsitte geworden, dass die Menschen klatschen, obwohl das Lied noch gar nicht fertig ist“, sagt er.

Ohne Applaus aber mit Seele

Online kann das nicht passieren. Ob die Menschen vor den Geräten nun in stiller Andacht lauschen oder sich ein Butterbrot schmieren – der Künstler kann es nicht sehen. Für Marshall aber kein Grund zum Frust: „Auch wenn ich mein Publikum nicht sehen konnte, habe ich trotzdem gespürt, dass wir uns ganz ganz nahe sind“, sagt der 56-Jährige.

In der Krise hat der Sänger das gemacht, was viele andere Künstler auch gerade tun: Mit kostenlosen Konzerten auf Facebook oder Instagram wollen sie bei den Fans im Gedächtnis und im Herzen bleiben.

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Doch kaum einer war in seiner Online-Strategie so konsequent wie der badische Entertainer, der am Monatgabend (4. Mai) sein selbst gesetztes Ziel von 50 aufeinanderfolgenden Online-Konzerten erreichen will. Sieben Wochen lang, seit dem 16. März, stand er jeden Tag pünktlich um 19 Uhr für die Live-Übertragung per Handy-Kamera parat.

Mit dem letzten Auftritt aus dem Festspielhaus verabschiedet sich Marc Marshall. Ein Abschied für immer aber, soll es nicht werden. Nach einer Woche Kurzurlaub will der Bariton seine Online-Auftritte wieder fortsetzen. „Allerdings wird es dann kein tägliches Konzert mehr geben“, sagt er.

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Koordination und Kondition sind gefragt

Denn bei aller Professionalität und allem Talent – die 45-minütigen, täglichen Live-Auftritte erforderten  einiges an Koordination, Kondition, Vorbereitung und Probe. Immer begleitet von seinem Pianisten René Krömer, manchmal auch mit Unterstützung prominenter Gäste wie den Schauspielern Ralf Bauer und Thomas Heinze oder seinem Vater Tony, gab Marshall allabendlich vier bis fünf Lieder zum Besten. Danach durften die Zuschauer für eine Zugabe aus dem soeben gespielten Repertoire abstimmen.

Dabei kam es auch zu besonders innigen Momenten. An jenem Abend zum Beispiel, als das virtuelle Publikum, nachdem der letzte Ton eines jüdischen Gebetsliedes verklungen war, gar keine Zugabe mehr haben wollte. „Das war wirklich einer der schönsten Augenblicke. In der Stille haben wir alle gespürt, dass es gut war. Nach diesem Lied konnte es nichts mehr geben“, erinnert sich Marshall begeistert.

Konzert im leeren Schwimmbecken

Doch nicht immer waren die Abende so getragen und voller Ernst. „Wir hatten auch viel Spaß.“ Das Konzert in einem leeren Becken der Caracalla Therme etwa bestritten Pianist Krömer und Sänger Marshall nur mit (je) einem weißen Bademantel bekleidet.

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Auf der Playlist stand passend der Song der Comedian Harmonists: „Lass’ mich Dein Badewasser schlürfen.“ Als Zugabe wählte das Publikum dann aber ein Lied von Udo Jürgens – lag’ wohl am Bademantel.

Wenn die Reihe heute Abend nun vorerst zu Ende geht, kann sich die Bilanz sehen lassen: Nach Angaben des Marshall´schen Managements sahen rund 1,3 Millionen Zuschauer die bislang 49 Auftritte.

Über 280 verschiedene Lieder waren dabei zu hören: von klassischen Arien, über amerikanische Jazz-Standards bis hin zu Filmsongs und Stücken aus Operetten und Musicals. „Es war mein Anspruch, kein Lied zwei Mal zu singen“, sagt Marc Marshall.

Krise als Chance? Aber klar!

Auch die Anzahl der bespielten Locations kann sich sehen lassen: Wo andere Künstler in ihren Wohnzimmer zum Mikro griffen, zog Marshall es vor, andere Umgebungen als Bühne zu nutzen. Damit habe er auch seiner Aufgabe als „Kulturbotschafter von Baden-Baden“ gerecht werden wollen.

Aber Marshall intonierte nicht nur an ikonischen Orten der Kurstadt. „Auch im Klassenzimmer meiner alten Grundschule habe ich gesungen, hinter den Kulissen einer Fernsehsendung während der Aufzeichnung und in zwei Kirchen“, berichtet er stolz.

Wie seine persönliche Bilanz nach bald 50 Konzertabenden ausfällt? „Ich möchte das eigentlich gar nicht messbar machen“, sagt der Sänger.

Dann wagt er es doch: „Aus der Idee, etwas für die Menschen zu machen, ist ein schönes Ritual entstanden.“ Sein Kalender sei trotz des Virus’ voll geblieben.

Auch die berühmte Chance, die ja angeblich in jeder Krise steckt, hat Marshall für sich entdecken und nutzen können. „In mir sind so viele Kräfte frei geworden“, sagt er. Wie? „Ganz einfach: Man darf sich seine gute Laune nicht nehmen lassen. Dann kann man so viel mehr leisten.“