Was genau ist eine Großveranstaltung? Diese Frage ist weiterhin offen und trägt zur Verunsicherung der Kulturveranstalter bei. | Foto: Artis

Livebranche ist verunsichert

Veranstalter in der Region: Wenig Hoffnung auf Corona-Lockerungen

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Museen dürfen wieder öffnen, müssen aber viele Auflagen erfüllen. Stadt- und Staatstheater hingegen erklären ihre Saison für beendet. Und Konzertveranstalter wissen nach wie vor nicht, ob und wann sie wieder loslegen können und was genau eine „Großveranstaltung“ ist. Nach Wochen des gemeinsamen „Shutdowns“ schwebt die Kulturszene in der politischen Debatte über Lockerungen zwischen Hoffen und Bangen. Besonders vermisst wird eine einheitliche und praxisnahe Regelung, wie eine Stichproben-Umfrage der BNN in der Region ergab.

Benedikt Stampa hält die Diskussion um einen möglichen Neustart von Kulturveranstaltungen für gefährlich verkürzt. „Es ist nicht mit der Frage getan, wie viel Menschen man in einen Saal lassen darf“, betont der Intendant des Festspielhauses Baden-Baden.

Da geht auf unabsehbare Zeit ein großer Teil des Repertoires verloren.

Benedikt Stampa, Intendant Festspielhaus Baden-Baden

Die Sachlage sei enorm komplex: „Es ist leichter, ein Fußballspiel zum Geisterspiel zu deklarieren, um es fürs Fernsehen stattfinden zu lassen, als unter der derzeitigen Gegebenheiten eine Oper aufzuführen.“ Werke mit großen Besetzungen könnten nicht einmal geprobt werden. „Da geht auf unabsehbare Zeit ein großer Teil des Repertoires verloren.“

Warnruf von Ulrich Matthes

Die Komplexität der Situation sieht Stampa auch als einen Grund, warum die Kultur seit Wochen in der Luft hängen gelassen wird. Seit dem 13. März ruht das öffentliche Kulturleben. Ob und wann es wie weitergeht, ist völlig unklar.

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Das weckt eine Besorgnis, die der Schauspieler Ulrich Matthes jüngst im TV-Talk „Hart aber fair“ auf den Punkt brachte: „Die Kultur ist in der öffentlichen Debatte in einer Weise zu kurz gekommen, die ihrer Bedeutung in Deutschland nicht gerecht wird“, sagte der bekannte Theater-  und Filmdarsteller. Unter anderem verwies er auf die existenzielle Not der Kinos, von denen möglicherweise die Hälfte die Krise nicht überstehe

Kritik an „neuen Formaten“

Das sieht Stampa ähnlich: „Mein Eindruck ist, dass es am Bewusstsein fehlt, was Kulturarbeit eigentlich bedeutet“, so der Festspielhaus-Chef. So werde beispielsweise vorgeschlagen, die Kultur solle doch mal kreativ „neue Formate“ entwickeln.

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„Da wird überhaupt nicht beachtet, was das vor allem bedeutet. Nämlich Mehrarbeit für die ohnehin oft am Existenzmininum lebenden Künstler, die ein neues Repertoire erarbeiten und neue, kleinere Besetzungen schaffen müssen.“

Stampa plädiert für Rettungsschirm

Stampa plädiert entschieden für einen „Rettungsschirm“ für die Kultur, um eine einheitliche Schließung bis zur Entspannung der Lage zu ermöglichen, ohne Existenzen zu gefährden. „Notspielpläne mit Kleinformaten sind pragmatisch, aber so etwas ist keine Zukunftsperspektive. Denn es geht auf Kosten der Künstler.“

Jetzt geht wieder das Hauen und Stechen los, wer es besser weiß.

Jens Dietrich, Geschäftsführer Rantastic Baden-Baden

Eine einheitliche und nachvollziehbare Regelung würde auch Jens Dietrich, Leiter der Baden-Badener Live-Bühne Rantastic, weitaus mehr begrüßen als schnelle Öffnungsversprechen. „Vor der bisherigen Arbeit der Politik in der Krise habe ich sehr großen Respekt“, betont Dietrich. „Aber jetzt geht wieder das Hauen und Stechen los, wer es besser weiß.“ Die jeweils eigenen Regelungen jedes Bundeslandes erzeugten Unsicherheit, „und Unsicherheit erzeugt Angst.“

Im Rantastic läuft noch Veranstaltungsbetrieb. Möglich ist dies mit einem modifizierten Autokino, wo neben Filmvorstellungen auch Live-Auftritte geboten werden, Die sei aber kein wirtschaftlicher Ersatz, sondern allenfalls eine Überbrückung. Ähnlich sehe es mit komprimierten Veranstaltungen aus: „Wenn Künstler in einem Raum für 1.200 Menschen vor 400 Besuchern auftreten, dann wäre das zwar ein Signal, dass es wieder Veranstaltungen gibt. Wirtschaftlich lohnt sich das aber weder für uns noch für die Künstler.“

Tourneebranche vor großen Problemen

Das bestätigt Andreas Schorpp vom Karlsruher Rockclub Substage: „Wenn ein Künstler durch große Hallen tourt, dann braucht er die dafür taugliche Technik – auch wenn die Halle nur zu einem Viertel gefüllt ist.“ In dieser Branche ist ein baldiger Neustart besonders fraglich: „Wie soll ein Rockkonzert mit 1,50 Meter Abstand zwischen den Besuchern ablaufen?“, fragt Schorpp rhetorisch.

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Für die Clubs besteht insofern „Planungssicherheit“, als alle großen Tourneen bis zum Herbst schon seitens der Künstler gestoppt wurden. Ab September allerdings ballt es sich in den Terminplänen. „Der Herbst ist ohnehin unsere Hauptsaison, und mittlerweile haben wir auch viele Veranstaltungen dorthin verlegt“, so Schorpp. Dennoch könnte die föderale Flickschusterei zum logistischen Problem werden: „Wenn man in dem einen Bundesland vielleicht vor höchstens 100 Leuten spielen darf, in einem anderen aber vor 500 – wie soll dann jemand eine Tournee planen?“

Was genau ist eine Großveranstaltung?

Zur weiteren Verunsicherung trägt bei, dass Großveranstaltungen zwar bundesweit bis zum 31. August untersagt sind, aber noch immer kein Veranstalter in Baden-Württemberg weiß, wie die Landespolitik diesen Begriff definiert. Deshalb hat das Karlsruher Kulturzentrum Tollhaus sein sommerliches Zeltival auch noch nicht abgesagt.

Obwohl Vorstand Bernd Belschner einräumt: „Wenn es stattfindet, wird es wohl nur ein Schatten seiner selbst sein.“ Zum einen wegen der zu erwartenden Einlass-Obergrenzen. Vor allem aber, weil das Zeltival von seinen internationalen Künstlern lebt und deren Einreise derzeit kaum denkbar ist.

Drastische Folgen

Aber auch der Normalbetrieb im Tollhaus liegt auf Eis. Mit drastischen Folgen: „Vergangenes Jahr hatte wir den Rekord von 140.000 Besuchern bei 380 Veranstaltungen. Unseren Etat finanzieren wir zu 90 Prozent selbst. Wenn wir aber keinerlei Einnahmen haben, dann reichen die Zuschüsse nicht aus, um die laufenden Kosten für Miete, Personal und Strom zu decken.“

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Zu tun gibt es allerdings auch während der Schließung genug, wie Andreas Mörle, Geschäftsführer im Pforzheimer Kulturhaus Osterfeld erklärt: „Das Verschieben von Veranstaltungen und das Informieren darüber füllt unsere Tage – bringt aber kein Geld ein.“ Um zumindest das Bewusstsein wieder dafür zu wecken, dass Künstler Gagen benötigen, bereitet das Osterfeld ein Livestream-Angebot vor – allerdings kostenpflichtig. „Es geht um die Wertschätzung künstlerischer Arbeit“, sagt Mörle – ganz auf einer Linie mit Festspielhaus-Chef Stampa.