Selfie mit Petrus: Pfarrer Michael Teipel gehörte zu den ersten, die sich in der Wagener Galerie im Zentrum Baden-Badens mit der goldenen Figur selbst fotografierten.
Selfie mit Petrus: Pfarrer Michael Teipel gehörte zu den ersten, die sich in der Wagener Galerie im Zentrum Baden-Badens mit der goldenen Figur selbst fotografierten. | Foto: Florian Konrad

Selfies für einen guten Zweck

Was macht die Petrus-Figur vom Turm der Baden-Badener Stiftskirche in einem Kaufhaus?

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Seit geschätzt 300 Jahren dient der Petrus auf der Stiftskirche in Baden-Baden als Wetterfahne. Bevor sie am 22. Juli nach erfolgreicher Restaurierung in Stuttgart wieder auf ihren Stammplatz in über 60 Metern Höhe zurückkehrt, kommt die Heiligenfigur mit dem goldenen Schlüssel den Menschen ganz nah.

Wer in den kommenden Wochen in der Wagener Galerie im Zentrum Baden-Badens shoppt oder einfach nur bummelt, der kommt fast zwangsläufig an einem ungewöhnlichen Gast des Kaufhauses vorbei. An prominenter Stelle zwischen Haupteingang und Rolltreppe ist er platziert – der Heilige Apostel Petrus, der seit vielen Jahren auf dem Turm der Stiftskirche wacht.

Für vier Wochen im Kaufhaus

Nachdem er am 4. Mai abmontiert wurde und dann in Stuttgart in der Werkstatt der Metallrestauratorin Ariane Brückel eine „Wellness-Behandlung“ genießen konnte, kam er nun nach Baden-Baden zurück. Bevor Petrus am 22. Juli wieder an seine übliche Position auf dem Kirchturm zurückkehrt, steht er nun in der Wagener Galerie.

Die ersten Reaktionen sind dort am Freitagmittag verhalten. Nur wenige der Passanten bleiben an der wie neu glänzenden, mit Blattgold überzogenen Figur stehen. „Die Aktion finde ich gut, aber spenden kann ich nichts“, sagt eine Dame, die in der Zeitung davon erfahren und das Kaufhaus gezielt angesteuert hat.

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Ein älteres Paar aus Baden-Baden schaut interessiert in die bereitgelegte Broschüre, die Erinnerungen weckt. „In dieser Kirche bin ich nach dem Krieg getauft worden“, erzählt die Frau. Ein Selfie mit Petrus kommt aber nicht infrage. Anders als bei Pfarrer Michael Teipel, der für den Fotografen bereits zum zweiten Mal auf die am Boden als Orientierungshilfe angebrachten Fußspuren tritt.

Für die Baden-Badener ist der Petrus eine Attraktion.

Michael Teipel, Pfarrer

Die Idee, so berichtet der Seelsorger, sei im Team entstanden. Man wolle den Petrus für die Menschen in der Stadt erfahrbar machen. „Dass er das sichtbarste Zeichen der Stiftskirche ist, war vielen unbekannt. Für die Baden-Badener ist der Petrus eine Attraktion“, so Teipel, der bei dieser Gelegenheit betont, dass Petrus nicht der Wettergott sei. Im Gegensatz zur Figur auf der Stiftskirche habe Petrus normalerweise zwei Schlüssel – einen goldenen für den Himmel und einen silbernen für die Erde.

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Bereits eine halbe Million Euro Spenden gesammelt

Über das Selfie-Projekt freut sich auch Kaufhaus-Chef Franz-Bernhard Wagener als Pate der Restaurierung: „Ich denke, es passt in die Zeit. Es ist ein Gag.“ Georg Platz vom Bauausschuss der Stiftskirche weist auf Petrus’ Funktion als Wetterfahne hin. „Er ist so dünn, damit er sich leicht drehen kann.“

Bis er diese Aufgabe wieder übernimmt, soll Petrus als Selfie-Partner möglichst viele Münzen in die neben ihm platzierte Spendenbox bringen. Rund eine halbe Million Euro sind über private Spenden bereits gesammelt, etwa 700.000 Euro fehlen noch bis zum angestrebten Betrag.

Bei den Gesamtkosten rechnet Elisabeth Lammert aus dem Bauausschuss nicht damit, dass die geplanten sieben bis acht Millionen Euro bis zum Abschluss der Arbeiten in zwei bis drei Jahren überschritten werden. Auch die Corona-Krise habe den Bau nicht gebremst. „Man kann nicht exakt planen, bisher haben wir aber noch keine negativen Überraschungen erlebt“, sagt Pfarrer Teipel. Alles sei in „gutem Drive“. Was die Restaurierung des Petrus gekostet hat, ist noch unklar. „Die genaue Abrechnung fehlt noch“, so Teipel. „Das Teure ist nicht das Gold, sondern die Arbeit.“ Maximal fünf Gramm Gold sei verarbeitet worden, teilt Teipel mit.

Rückkehr auf den Kirchturm am 22. Juli

In Vorbereitung ist unterdessen bereits die Rückkehr des Petrus auf den Turm der Stiftskirche am Mittwoch, 22. Juli. Dann soll auch eine neue Zeitkapsel integriert und der alte mit einem neuen Text erweitert werden. Verfassen sollen diesen die Schwestern des Kloster Lichthental – in schöner Schrift auf wertvollem Papier, wie Michael Teipel berichtet. „Auch das C-Wort wird dabei nicht fehlen“, sagt er mit Blick auf die Corona-Pandemie, von der in 100 Jahren wohl auch noch jeder wisse.